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Kommt unter den alten Birnbaum im Hof

Doch ihr seht nicht, was ich von hier oben beobachten kann.

In Bayern gibt es ein altes Volkslied: "Drunt in da greana Au" steht a Birnbaam sche blau, juhee! Wos is auf dem Baam? A wunderscheener Ast. Ast am Baam, Baam in der Au..." Uns so geht es dann weiter vom Hölzchen aufs Stöckchen zum “Asterl, Nesterl, Oa, Vogerl, Federl". All das ziert den alten Birnbaum.

Das Lied gehört so sehr zum Bayerischen Kulturgut, dass in Vickys alter Grundschule in München, während eines Projekttags anlässlich der Feier "100 Jahre Freistaat Bayern" dazu ein Workshop angeboten wurde. Die Kinder, die diesen besuchten, lernten das Volkslied, malten Birnbäume während sie Birnensaft tranken und köstlichen Birnen Quark (laut Vicky der Beste auf der ganzen Welt) aßen.

Heuer im Deutschunterricht am Gymnasium hat ihre Klasse ein Gedicht auf bekommen, in dem es wieder um einen Birnbaum ging, der diesmal nicht in der Münchener Au, sondern im hohen Norden stand, nämlich im Havelland. Da die Schüler das Gedicht von Theodor Fontane auswendig lernen sollten, um es dann vor der Klasse vorzutragen, habe ich mitgehört und kann den Beginn jetzt auch auswendig zitieren:

"Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, Ein Birnbaum in seinem Garten stand, Und kam die goldene Herbsteszeit Und die Birnen leuchteten weit und breit, Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl, Der von Ribbeck sich beide Taschen voll, Und kam in Pantinen ein Junge daher, So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«"

Es geht dann in vielen Strophen darum, dass Ribbeck diese Birnen an die Jungen und Mädchen verschenkt, die am Birnbaum vorbei kommen. Bis er schließlich stirbt, sich eine Birne ins Grab legen lässt aus der dann wiederum ein Baum wächst. Er hatte geahnt, dass sein geiziger Sohn und Erbe die Birnen im Garten nicht mehr an die Kinder verteilen würde. Doch der Birnbaum am Friedhof übernimmt schließlich die großzügige Angewohnheit, die Jungen und Mädchen zu verköstigen. In seinen Zweigen rauscht es, auf plattdeutsch: "Lütt dirn, kumm man röwer, ick gew di ne Birn."

Die Bayern haben also nicht das Exklusivrecht darauf, den Birnbaum zum Nationalbaum zu ernennen, gepachtet.

Auch in unserem Hof in Paulisch steht ein sehr alter Birnbaum. Seine Äste sind höher als das Hausdach, die Krone hat bestimmt einen Durchmesser von zehn Meter und der knorrige Stamm ist so dick, dass ich ihn mit beiden Armen gerade noch umfassen kann. Er war schon immer da. Wollten wir am Haus eine Fahne hissen, so müsste eine Birne drauf sein, wie das Ahornblatt auf der Kanadischen Flagge. Mostbirnen sind die Obstbäume, die sehr alt werden. Wir haben uns oft gefragt, seit wann der Baum im Hof steht.


Lassen wir ihn mal zu Wort kommen und hören zu, wie es in seinen Ästen murmelt: "Grüß Gott sagst du, wir grüßen den Schöpfer, der alles erschaffen hat. Du erzählst von Menschendingen, wir haben viel mehr im Blick. Meine Äste, die ich hoch über das Haus und den Hof recke, spüren Wind, Regen und Frost. Wenn im Frühling die Sonne stärker scheint, ziehe ich meine hübscheste weiße Tracht an. Meine Zweige wiegen sich mit unzähligen großen leuchtenden Blüten. Auch wenn ich meinen Platz, von dem ich einen guten Ausblick habe, nicht verlasse, wird mir nicht langweilig. Es kommen die Bienen zu Gast, die Vögel bauen in mir ihre Nester Jahr für Jahr. Dann strenge ich mich an meine Früchte wachsen zu lassen. Die Sonne färbt sie gelb und durch das Wasser, das meine Wurzeln tief aus der Erde ziehen, werden sie süß und saftig. Ich schenke sie euch Menschen schon ganz lange, verlange nichts dafür. Wie schön, dass du kommst und mir welche abnimmst. Vor dir hat das schon deine Mutter, Großmutter und Urgroßmutter getan. Du frägst dich wie alt ich bin. Ich war lange vor euch allen da, als deine Oma vor hundert Frühlingen klein war, war ich schon ein alter Baum. Doch ihr seht nicht, was ich von hier oben beobachten kann. Ich sehe den Habicht, ich sehe nachts die Eule, Fledermäuse flattern in der Dämmerung um mich herum. Stare, Turteltauben und Spatzen kommen auf meine Zweige und zwitschern mir ein Lied. Am schönsten singt die Nachtigall vom Berg herüber, ich kann sie hören. Auf meinen Zweigen ruhen Hirschkäfer und Rosenkäfer, unzählige Marienkäfer sind meine Gäste und ich schütze sie im Winter in meiner Rinde vor dem Frost. Um meine Krone flattern die buntesten Schmetterlinge. Ich sehe die Mäuse an meinem Stamm entlang huschen, auch Marder und Iltis schauen manchmal vorbei auf der Suche nach Beute. Meine Wurzeln, ziehen, wenn die Tage länger werden und es wärmer wird, wieder Wasser. Dann beobachte ich wie Scharen von Kröten, die ums Haus herum überwintert haben, sich aus der Erde ausgraben und zu ihren Laichplätzen wandern.


Ich stehe im Kreise vieler meiner Art: Nussbaum, Linde, Ahorn, Pflaume, Quitte, Aprikose, Kirsche und Hollunder sind meine Nachbarn. Unsere Wurzeln verflechten sich unterirdisch, so dass wir in Verbindung stehen und uns austauschen können. Ob es mal wieder zu trocken ist oder zu heiß oder ob wir von Schädlingen geplagt werden. Wir zittern wenn die jaulende Säge unsere Brüder und Schwestern fällt.

Natürlich erinnere ich mich an euch. Ihr habt in meinem Schatten Hochzeiten gefeiert, Schweine geschlachtet, aus meinen Birnen Schnaps gemacht, musiziert, gegessen und getrunken. Ich hörte euch lachen und weinen, sah euch immer wieder kommen und gehen. Aber denkt nicht, dass das alles hier euch gehört. Auch wir, Bäume und Pflanzen, Insekten, Vögel, Kröten und Wildtiere haben vom Schöpfer, der uns alle erschaffen hat, hier unseren Platz bekommen und wir wollen gerne bleiben.

Dafür schmücke ich im Frühling weiter euren Hof mit meiner üppigen Blütenpracht, schenke euch im Sommer meine süßen und saftigen Früchte und lade euch ein: Kummt unnern Pierapoum!"


Der Birbaum spricht schwowisch, und zwar eine Variante, die unsere Großeltern noch benutzten.

Übersetzung von Theresia Reingruber

Gris Gott sagscht du, mir grisa de Hergott, der alles gmacht hat. Du verzählscht vun Menschasacha, awer mir sehna viel mehr. Mei Nescht, die ich hoch iwers Haus un dar Hof strecka tu, schpire Wind, Rega un Froscht. Wann im Fruhjohr die Sunn scheint, zieh ich mei schenschti weißi Tracht ou. Mei Nescht wackla hin un her mit viel weissi Bliea. Ich verlass mei Platz, vun dem ich a guta Ausblick hab net, awer ich langweil mich dou oa net. Zu mir kumma die Biena zu Gascht un die Vegl baua ihra Neschter Johr fer Johr. Un ich schtreng mich oa ou, dass mei Bira wachsan. Die Sun färbt sie gel un mit dam Wasser, das mei Wurzel tief aus dar Erd ziegan, wern sie siß un saftig. Ich schenk sie eng Mensche schun ganz lang un verlang nix vun eng. Wie schee, dass du kummscht un mir a paar abnemscht. Vor dir hat des schun dei Mudar, Großmudar un Urgroßmudar gmacht. Du frogscht, wie alt ich bin? Ich wour schun lang vor eng alli dou. Wie dei Oma vor hunert Fruhjahr klou wour, wour ich schun a altar Boum. Awer ihr alli sehnt net, was ich vun dou owa sehna kann. Ich sehn da Huli, ich sehn in dar Nacht die Eil un die Fledarmeis, wie sie, wanns duschter wert, um mich rumflattran. Stara, Turtltauwa un Spatza kumma uf mei Nescht un zwitschra mir a Lied. Am schenschta singt die Nachtigall vum Berig runnar, ich kann sie hera.

Uf meinar Nescht ruhan Hirschkäfer un Rosakäfer un viel Hergottspipala. Alli sein mei Gäscht. Im Windar tu ich sie in meinar Rinda vum Froscht schitza. Um mei Kron rum flattran vielfarwichi Pupatella. Ich sehn Meis, die sich an meim Stamm voriwer tummla, awer a dar Marder un Iltisa, die alli ihra Fressa suchan. Mei Wurzl ziegan, wann die Täg längar wera, wiedar Wasser. Ich sehn noch, wie Krottaschara, die ums Haus rum iwerwindart hen, sich aus dar Erd ausgrawa und zu dar Plätza, wu sie sich vermehran, wanran.

Ich steh mitta drin un viel anri Bem schtehn um mich rum: Der Nussaboum, Lindaboum, Ahorn Plouma, Kitta, Aprikosa, Kirscha und Hollundar sein mei Nochbra. Unser Wurzl varflechta sich uner dar Erd und mir stehan in Verbindung un kenna uns austauscha: Ob es mol widdar zu trucka is odar zu haß oder ob mar vun Ungaziffar geplogt wera? Mir zittran, wann die kreischandi Holzsog unsar Brider un Schwester abschneid.

Sicher erinnar ich mich an eng. Ihr het in meim Schatta Hochzeita gfeiart, Schwei gschlacht, vun meinar Bira Schaps gabrennt, Musich gmacht, gess un gatrunk. Ich hab eng lacha un heila ghert, hab eng kumma un geha gsehn. Awar denkt net, dass des alles enger ghert. Mir Bem un Pflanza, Insekta, Vegl, Krota un wildi Tiera hen vom Hergott , der uns alli gmacht hat, dou unser Platz grigt un mir wela ao gern dou bleiwa.

Fer des tu ich im Frujohr wieder enger Hof mit meina vieli weißi Bliha sche mache, schenk eng im Summer mei sisi und saftigi Bira un load eng ei: „Kummt unarn Pieraboum!“


"Kummt unnern Pierapoum!"

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