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Inkognito


Bild links: Die hübsche Gerlinde in ihrer Tracht bewundert von den Nachbarn. Bild rechts: Bei der Anprobe mit meiner Mutter, sie hat tagelang gewaschen, gebügelt und gestärkt.

Die Urlaubszeit ist vorbei, die meisten von uns, zumindest diejenigen, die schulpflichtige Kinder haben, sind wieder im Alltag gelandet.

Auch wir kehrten aus unseren Ferien nach München zurück, in unser "Millionendorf", in dem es jetzt in eine neue Jahreszeit geht. Damit ist nicht der Herbst gemeint, sondern das Oktoberfest, das nach zweijähriger Unterbrechung heuer wieder stattfindet.


Mich persönlich beschäftigt gerade etwas am Rande dieses größten Volksfestes der Welt. Etwas, was mit der Lebensreise zu tun hat, auf der wir uns alle befinden. Wenn es um unser irdisches Dasein geht, bietet sich das Gleichnis der Zugfahrt an, der Gedanke, dass wir uns in einem Waggon befinden, in den Menschen ein- und aussteigen und manche bis zum Ziel mit uns sitzen bleiben.

Doch wer sind wir, die wir für unsere Fahrt bezahlen? Diese Frage betrifft uns alle, sogar wenn wir inkognito unterwegs sein wollen. In der Debatte, die auch gesellschaftlich geführt wird, geht es dabei um Identität.

Meine Großmutter, zu deren Zeit dieser Begriff noch nicht in aller Munde war, pflegte zu sagen, "Kleider machen Leute". Das wurde mir unlängst bewusst, als ich im Zusammenhang mit dem Münchner Oktoberfest zum ersten Mal eine banatschwäbische Tracht anprobierte.


Heuer werde ich nämlich erstmals beim Trachten- und Schützenzug am ersten Wiesn-Sonntag dabei sein, doch nicht wie gewohnt als Zuschauerin im Dirndl. Als Mitglied der Banater Tanzgruppe München habe ich die Gelegenheit, im Aufmarsch der Trachtenpaare mitzugehen. Das setzt natürlich voraus, dass man ein passendes Gewand hat.

Der glücklichen Fügung geschuldet, bekam ich dieses von Gerlinde, für die es in Blumenthal für die Kirchweih angefertigt worden war. Ihr Wunsch war, als sie mir das Paket mit dem kostbaren textilen Inhalt übergab, dass ihre Festtagstracht, die nach ihr auch ihre Tochter angelegt hatte, weiter getragen wird.


Doch wie steht es mit der Identifikation mit diesem prächtigen banatschwäbischen Gewand, das für die Identität unserer rumäniendeutschen Minderheit so wichtig ist? Würde ich, die ich in jungen Jahren ausgewandert und unter Münchnern gelebt habe, mich in dieser Tracht wohlfühlen?

Die provokante Anti-Idylle "Das Fenster" aus dem Frühwerk von Herta Müller im Kopf, in der die Tracht so fest geschnürt wird, dass sie den Atem unterdrückt, lässt einen als reflektierte Trägerin in spe innehalten und nachdenken.


Die Zeiten haben sich geändert und das Brauchtum sich neuen gesellschaftlichen Realitäten angepasst. Die Münchener Banater Tanzgruppe vereint inzwischen Mitglieder aus Deutschland und Rumänien: alteingessene Münchner, zugezogene Münchner, zugesiedelte Banater Deutsche und Rumänen, die sich in München niedergelassen haben. Uns verbindet, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, gar Freundschaft und der Wille, die banatschwäbischen Traditionen fortzuführen. Unsere Identität ist individuell verschieden und doch sind wir verbunden. Greift man das Bild der Eisenbahn auf, so reisen wir gemeinsam. Am ersten Wiesn Sonntag wird unser Zug uns durch München führen.


Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Parade habe ich wohltuende Hilfsbereitschaft unter Banater Frauen erlebt. Meine Mutter hat die Kleidungsstücke tagelang gewaschen, gebügelt und gestärkt. Als sie mir ihr Werk präsentierte, staunte ich über den Inhalt eines halben Kleiderschranks: Ein weißes mit Lochmuster und Spitze an der Brust verziertes Hemd, eine schwarze Weste samt Bändchen zum schnüren, vier nach Größe gestaffelte und fest gestärkte Baumwoll-Unterröcke, einen grauen seidigen Oberrock, ein mit blauen Blumen bemaltes Tuch in dessen Rand kunstvoll Fransen geknüpft sind und eine schwarze mit Spitzen durchwirkte Schürze. Dazu werden gehäkelte Kniestrümpfe und schwarze Schnallenschuhe getragen und das I-Tüpfelchen bildet ein schwarzes Halsbändchen aus Samt mit einem Anhänger.

Gerlinde hat auch alte Fotos geschickt, auf denen man die Tracht in ihrer vollen Pracht sehen konnte. Regine, unsere Trachtenexpertin in der Münchener Tanzgruppe, zeigte mir, wie man das Tuch steckt. Hinten am Rücken wird es bis zu fünf mal wie ein Fächer gefaltet, dann nach vorne geholt, glatt gestrichen, rechts und links erneut gesteckt bis es faltenfrei über kreuz um die Tallie geschlungen wird. Sie erklärte es mir mit Geduld und befestigte die Sicherheitsnadeln mit Sorgfalt. Zum Schluss machten wir ein Foto, auf dem man die feine Fältelung sehen kann.


Man sieht das wunderschön verzierte Schultertuch auf dem Rücken der Frau, die es morgen mit den anderen Kleidungsstücken, die zur Kirchweihtracht gehören, tragen wird. Das Gewand, das sie anlegen wird, widerspiegelt einen Teil ihrer Identität. Die Stadt München, in der der Umzug stattfinden wird, steht für einen anderen Teil. Noch sieht man ihr Gesicht nicht, noch ist sie inkognito, doch sie ist voller Vorfreude darüber in ihrer banatschwäbischen Kirchweihtracht am Trachten- und Schützenzug mitzulaufen.


Das wunderschön bemalte Tuch nachdem es fachgerecht gesteckt wurde

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