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Wie wir einen Pitbull-Angriff überstanden

Die Variante mit dem Happy End

Medy wird mit Leckerlis wieder aufgepäppelt

Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi ist ein Spruch, den man sich in sehr jungen Jahren ins Poesiealbum schrieb.

Wie winzige Zufälle den Verlauf und den Ausgang einer Geschichte beeinflussen, sah ich als begeisterte Kinogängerin dann einige Jahre später in dem genialen Film von Tom Tykwer, Lola rennt. Glück oder Unglück der jungen Heldin Lola hängt in dem bedeutendsten deutschen Film der späten 90er Jahre von einer Reihe von beiläufigen Ereignissen ab. Meisterhaft filmisch inszeniert werden drei verschiedene Varianten durchgespielt, die zu Scheitern oder Erfolg führen. Nur durch eine bestimmte Konstellation der Umstände kann Lola das nötige Geld auftreiben und ihren Freund Manni retten und dem Film damit ein Happy End bescheren.


Wie beiläufig getroffene Entscheidungen nicht nur über den glimpflichen Ausgang eines Tages oder über einen angenehmen Urlaub, sondern im Extremfall über Sein oder Nichtsein entscheiden, mussten wir am Palmsonntag in Paulisch erfahren.

Meine Geschichte, in der es um nicht weniger als Leben oder Tod geht, beginnt mit einer Laune, Benno und Vicky beim Abendgassi zu begleiten.


Der Satz Also gut, ich gehe mit! bekräftigt meinen Entschluss, die abendliche Runde mit unseren Hunden durchs Dorf mitzulaufen. Ohne dass wir es wissen, ist das der Startschuss zu einem ganz eigenen Wettkampf. Wir leinen also unsere Quadrupeden an. Meine Tochter führt Spic, den alten Herrn, der als Pinschermischling noch sehr rüstig ist und der jeden Spaziergang gemütlich mitmacht. Benno bricht mit seiner Hündin Ursika auf, die wie immer an seiner Seite ist. Sie begleitet ihn sonst sogar ins Büro und in die Berge und folgt ihm auch bei diesem Spaziergang bei Fuß. Ich gehe mit meiner quirligen Medy, fuchsähnlich und mit Chihuahua-Temperament ausgestattet.

Medy rennt sofort los. Wer geht hier mit wem spazieren, musste ich mir schon oft von meiner Familie anhören. Es stimmt, die Kleine läuft wie gewöhnlich kraftvoll an der Leine ziehend vorne weg. Benno schlägt die große Runde durch Paulisch vor, die wir schon oft zusammen gedreht haben.


Wir gehen am Gehweg neben der Landstraße an den wunderbaren Weinbergen entlang Richtung Altpaulisch. Die Sonne schickt die letzten Sonnenstrahlen, die Bäume leuchten in voller Blüte in weiß und rosa, es ist eine Idylle. Auf diesem schönen Weg kommt uns eine Familie mit fröhlich lachenden Kindern entgegen. Ce câini frumoşi! Ce copilaşi drăguți (Was für schönen Hunde! Was für süße Kinder!) wechseln wir nette Worte, wie unter guten Nachbarn üblich.

Das junge Paar erzählt, dass sie vier kleine Kinder haben, wir lachen und entgegnen, wir haben vier Große. Gemeinsam hätten wir bestimmt jede Menge Gesprächsstoff. Haideți la noi la o cafea…, (Kommen sie auf einen Kaffee vorbei…). Die Einladung in ihr schönes großes Haus an der Landstraße ist verlockend. Altă dată cu mare drag, (Danke für das Angebot, ein andermal sehr gerne) verabschieden wir uns. Denn wir wollen weiter, auf unserer vertrauten Runde. Wir kennen die Wegmarken an der Strecke: Hier links der Kindergarten in dem Vicky als Dreijährige mal schnuppern durfte. Da am Zaun kommen gleich die kleinen weißen Kläffer, die ihr Revier verteidigen. Denn Hunde gibt es im ganzen Dorf. Dort vorne an der Wegkreuzung, wo mal Schaukeln waren,- weißt du noch Vicky, wie wir zum Spielen herkamen-, biegen wir rechts ab, in eine wenig befahrene Seitenstraße. Auch hier sind Leute auf dem Weg und genießen die milde Abendsonne.

Plötzlich erschallt aus dem Hof eines frisch renovierten Hauses aggressives Gebell. Kurz darauf zeigt sich der furchteinflößende Wächter auf: Es ist ein schwarzer Pitbull, der den Kopf über den Zaun reckt.


Im Dorf gibt es in letzter Zeit immer mehr Kampfhunde. Da ihre Haltung nicht an Auflagen gebunden ist, kann jeder sie nach Lust und Laune anschaffen. Ob als Abschreckung gegen Einbrecher oder Modehund für junge Männer, Rottweiler, Pitbull und Co. erfreuen sich in der Gegend großer Beliebtheit.

Wenn der rauskommt, haben wir ein Problem, sage ich zu Benno, den zähnefletschenden Zerberus aus den Augenwinkeln musternd. Ach was, mit dem werde ich schon fertig, antwortet er lachend. Vor dem Haus steht eine junge Frau, wohl die Besitzerin, mit einem etwa vierjährigen Mädchen, die uns auf unsere Hunde anspricht. Das Kind möchte unsere Ursika streicheln, Benno versichert, dass von seiner Hündin keine Gefahr ausgeht. Nu muscă (Sie beißt nicht) ist einer der wichtigen Sätze, die er auf rumänisch gelernt hat.

Während unser Rudel anhält, tut sich am Zaun des Anwesens etwas Beängstigendes. Der Wachhund, der uns vorhin noch von drinnen gedroht hat, steckt nun seine breite Schnauze durch eine Lücke zwischen Sockel und Brettern des Zaunes. Dem Schädel folgen die Schultern, dann der Rücken und schließlich zwängt er mit einem Ruck den ganzen wuchtigen Körper durch. Wie passt so ein riesiger Hund da durch, geht es mir noch durch den Kopf, kurz darauf steigt Panik in mir auf. Denn ich merke plötzlich, was das Tier antreibt: meine fuchsähnliche Hündin hat seinen Killerinstinkt aktiviert.

Nicht weglaufen, denke ich, sonst wird neben dem Beuteschema, in das Medy offenbar fällt, auch noch der Jagdinstinkt geweckt. Der Kampfhund kommt in langen schnellen Sätzen auf uns zugerannt und stürzt sich mit seinem großen geifernden Maul auf Medys Fuchskopf. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und warte darauf, den Angreifer abwehren zu können. Gleichzeitig fordere ich die Besitzerin lautstark auf, ihren Hund zurückzurufen, stampfe, klatsche und schreie den Pitbull an.

Es scheint zu funktionieren. Der Kampfhund kann Medy, die sich winselnd zu meinen Füßen windet, nicht packen und trollt sich zunächst. Das gibt mir die Gelegenheit, Blickkontakt zum restlichen Rudel zu suchen. Ich sehe Vicky, die zum Glück auch nicht geflüchtet ist und Spic fest an der Leine hält. Die Halterin des Angreifers, die sichtlich bestürzt ist, reagiert schließlich und versucht ihn einzufangen. Doch vergebens, der Pitbull weicht ihr wendig aus und stürzt sich aus dem Hinterhalt erneut auf uns.

Diesmal wirft er sich von oben auf meine kleine Hündin und packt sie am Rücken. Sie sträubt und windet sich, doch er kriegt sie schließlich zu fassen. Als sie durchdringend schreit, wird mir klar, dass der Aggressor in diesem ungleichen Kampf es geschafft hat, sie zu verletzen. In einem Anfall von Verzweiflung trete ich nach ihm, um ihn von Medy zu trennen. Dann nehme ich sie hoch und es gelingt mir, mich aus dem Blickfeld des Angreifers, der von uns ablässt, zu entfernen.

Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Nach meiner Gegenwehr wendet sich der Pitbull Benno und Ursika zu. Benno schafft es auszuweichen, rutscht aber dabei in den Straßengraben. Also läuft der Pitbull auf Ursika zu, die, da sie bei Fuß ging, nicht angeleint ist. Unsere sonst so tapfere aber kluge Hündin erkennt wohl instinktiv, dass sie im Kampf unterliegen würde und nimmt sogleich Reißaus. Der bullige Kampfhund setzt ihr nach. Ursika ist zum Glück schlank und trainiert und rennt so schnell sie kann. Nachdem Benno es aus dem Graben heraus geschafft hat, läuft er ihnen hinterher. Die Halterin vom Pitbull verfolgt die drei, um ihren Hund einzufangen. Wäre es nicht so schlimm, könnte man es lustig finden. Schaulustige haben sich schon am Straßenrand eingefunden.

Mit meinem zitternden kleinen Fuchs auf dem Arm beobachte ich das Rennen von einem Hausgang aus, in den ich uns in Sicherheit gebracht habe. Die Hausherrin ließ mich ein und stand mir in meiner Not bei. Von dort sehe ich auch Vicky und Spic, die zum Glück immer noch unversehrt ausharren.


Die Jagd endete schließlich damit, dass Ursika schneller rannte und durchs halbe Dorf bis vor unser Tor gesprintet war, wo Benno sie abgehetzt, aber wohlbehalten vorfand und ins Haus ließ. Er kam uns im Auto entgegen, woraufhin wir mit Medy nach Arad in die Nothilfe einer Tierklinik fuhren.

Dort erwartete die traumatisierte Kleine zusätzlicher, doch leider notwendiger Stress. Das Ausmaß der Verletzungen unter ihrem buschigen rötlichen Fell musste erst ausfindig gemacht werden. Nachdem die Seite, an der der Pitbull sie erwischt hatte, vorsichtig rasiert worden war, sah man, dass sie nochmal mit einem blauen Auge bzw. einer blauen Flanke davongekommen war. Sie hatte von den riesigen Zähnen des Angreifers zwar Blutergüsse und Schürfwunden davon getragen, doch der Killerhund hatte es nicht geschafft, seine Hauer in ihr Fleisch zu schlagen.

 

Soweit die Variante der Geschichte, die mit meiner Entscheidung zum Abendspaziergang mitzugehen, beginnt. Eine Story mit großen Anstrengungen, Ängsten und Nöten, doch schließlich mit einem Happy End.


Wie wäre das Ganze verlaufen, wenn ich aus Bequemlichkeit zu Hause geblieben wäre, wenn nur Benno und Vicky mit den drei Hunden mit dem angreifenden Pitbull konfrontiert gewesen wären? Ich möchte es mir nicht ausmalen!


Oder was wäre gewesen, wenn beispielsweise ich mit Medy bei den netten Nachbarn an der Landstraße zum Kaffee eingekehrt wäre und Benno und Vicky mit Spic und Ursika dem Kampfhund allein begegnet wären? Wen hätte er sich dann als Opfer auserkoren? Auch die Variante, in der vielleicht meine Tochter in Gefahr geraten wäre, möchte ich mir nicht vorstellen.


Ein emotional unbeteiligter Erzähler könnte anhand dieser veränderten Konstellationen bestimmt weitere Varianten fabulieren. Wie im Film Lola rennt geschehen, Paralleluniversen schaffen, in denen für die gleichen Figuren unterschiedliche Geschichten ihren Lauf nehmen.

Ich bekomme es leider nicht hin! Zu sehr stehe ich noch unter Schock, zu sehr bange ich noch um die Genesung meiner Hündin. Sie bekommt Antibiotika und Schmerzmittel, doch die Wunden sehen immer noch schlimm aus. Als wir heute morgen draußen waren, habe ich aber schon wieder ihr Ziehen an der Leine gespürt. Die Hauptsache ist: Medy rennt wieder!

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