Schneemann der Große und der kleine Benno
- Astrid Ziegler

- vor 17 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Wann habt ihr euren letzten Schneemann gebaut? Ist es schon lange her?Nun, ich habe nach vielen Jahren gestern wieder einmal einen errichtet – und zwar gemeinsam mit meinem fast zweijährigen Enkel Benno-Ludwig, der dieses winterliche Vergnügen zum allerersten Mal erleben durfte.
Das Erschaffen einer menschenähnlichen Gestalt aus eisigem, weißem Baumaterial ist weit mehr als ein bloßes Spiel: Es regt die Fantasie an, mobilisiert Kräfte, spricht die Sinne an und weckt nicht zuletzt Erinnerungen und Träume. Genau das durfte ich an diesem Tag in besonderer Intensität erfahren.
Der kleine Benno half tapfer mit. Mit seiner großen grünen Schaufel transportierte er den Schnee heran, so gut er konnte, und grub – auf meine Anweisung hin – neben dem Sandkasten Steine für Augen und Knöpfe aus. Seine kleinen Händchen wurden dabei eiskalt, doch Handschuhe lehnte er kategorisch ab. Also wärmte ich seine Finger immer wieder zwischendurch, was mir leicht fiel, denn mir selbst wurde heiß angesichts der Anstrengung, aus dem schweren, nassen Schnee eine Gestalt zu formen.
Auf der Terrasse des Hauses am Rand einer oberbayerischen Kleinstadt war Schnee reichlich vorhanden. Durch das Tauwetter hatte er jedoch eine matschige, fast bleischwere Konsistenz angenommen. Dafür klebte er hervorragend, sodass wir rasch einen massiven weißen Leib formten, auf den wir einen zunächst recht ungehobelten Kopf setzten, der anschließend so gut es ging in eine annähernd runde Form gebracht wurde.
Als Nase spendete uns Bennos Mama eine Karotte, als Hut diente ein grauer Milchtopf. Schnell fanden wir heraus, dass sich der grüne Rechen aus dem Sandkasten – derzeit ohnehin ungenutzt – hervorragend als Arm eignete. Ganz spontan entfernte Benno außerdem den Stiel seines Spielbesens und versuchte, ihn als zweiten Arm anzubringen. Die roten Borsten verwandelten sich schließlich in eine schicke Irokesenfrisur. Unser Schneemann wirkte aus Bennos Perspektive gewaltig – immerhin war er größer als er selbst.

Als ich ein paar Stunden später müde, aber zutiefst zufrieden von diesem gemeinsamen Erlebnis zurück nach München fuhr, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Ich erinnerte mich an die schneereichen Winter meiner Kindheit in Temeswar, die uns stets Anlass zu größter Freude gaben. Man musste nicht verreisen – direkt vor der Haustür lag eine Winterwunderwelt. Wir lieferten uns Schneeballschlachten, rutschten über vereiste Flächen, bauten Iglus, zogen uns gegenseitig auf Schlitten oder kugelten einfach durch den weichen, weißen Schnee.
Natürlich bauten wir auch Schneemänner. Meist bestanden sie aus drei gerollten Schneekugeln, die wir übereinander stapelten: unten die größte als stabile Basis, darüber eine etwas kleinere für den Oberkörper, aus dem ein Besenarm ragte, und ganz oben die kleinste als Kopf – mit schwarzen Kohlenaugen, einer Gelberübennase und dem obligatorischen Topf als Hut.
Schneemänner waren für uns Kinder in den Wintermonaten allgegenwärtig. Sie gehörten zu den ersten Motiven, die wir im Kindergarten oder in der Schule malten. Es gab Gedichte über sie, die wir auswendig lernten, und Lieder, die wir sangen – meist einfach, freundlich und ganz auf die kindliche Welt zugeschnitten.
Eine Geschichte jedoch hob sich von allen anderen ab – fantasievoll und zugleich lehrreich –, eine Geschichte, die im warmen Zimmer begeisterte, nachdem man durchnässt und hungrig wieder Zuflucht am heimischen Kachel- oder Ölofen gefunden hatte. Es handelt sich um die Erzählung „Schneemann der Große“ der begnadeten, aus Siebenbürgen stammenden Kinderbuchautorin Erika Hübner-Barth.
Nach meiner Rückkehr nach München nahm ich das Buch „Die blauen Schuhe“ aus meiner Sammlung rumäniendeutscher Kinderbuchliteratur zur Hand, in dem sich diese Geschichte neben weiteren wunderbaren Erzählungen der Autorin findet, und las sie in einem Zug durch. Das fantasievolle Wintermärchen, in dem sich der kindliche Held Erich Hiller mit einem lebenden Schneemann anfreundet, ihn in die Welt des Winterkönigs begleitet, dort Abenteuer erlebt, einen Schneemann-General austrickst und auf freche, unkonventionelle Weise Frieden in die Winterwelt bringt, ist ein solcher Lesegenuss, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.
Schon auf der ersten Seite, als in der Etagenwohnung der Familie mitten in der Nacht das schwarze Telefon klingelt und den jüngsten Sohn der Hilferuf eines wahrhaftigen, jedoch unvollendeten Schneemanns erreicht, zieht einen die entstehende Beziehung zwischen diesen so ungleichen Freunden in ihren Bann. Schneemann der Große ist so riesig, dass er seinen Kopf abnehmen muss, um überhaupt durch die Wohnungstür zu passen. „Ein Schneemann bückt sich nämlich nie“, kommentiert er trocken diese schneemännische Eigenheit. Auch über die Schneespuren, die er beim Betreten der Wohnung hinterlässt, macht er sich keine Sorgen: „Mit denen hat man gar keine Mühe. Nach einer Zeit schmelzen sie von ganz alleine.“
Als Erich ihm als guter Gastgeber etwas zu trinken anbietet, entscheidet sich der Besucher für kühlen Rum – und verschluckt vorsichtshalber gleich die ganze Flasche. Doch die forschen Manieren, mit denen der Schneemann dem Jungen begegnet, sind nur Tarnung. In Wahrheit ist der Schneeriese ein trauriges, unvollendetes Wesen mit nur einem Auge und einem halben Mund, das fürchtet, nicht zur Schneemannparade zugelassen zu werden – dem Höhepunkt im Leben eines jeden Schneemanns. Einmal im Jahr versammeln sich nämlich Schneemänner von überallher auf der Wiese im Weißbachtal, wo König Winter den Schneemann des Jahres kürt.
Der hilfsbereite Erich vollendet das Gesicht seines neuen Freundes mit Auge, Nase und Mund und setzt ihm als Kopfbedeckung den neuen roten Milchtopf seiner Mutter auf. Glücklich macht sich Schneemann der Große auf den Weg zum Paradeplatz – nicht ohne dem Jungen streng zu verbieten, ihm als Mensch zu folgen. Doch Erich, nicht nur neugierig, sondern auch erfinderisch und weiß sich zu helfen: Er verkleidet sich mit dem schneeweißen Pelzmantel seiner großen Schwester, dem blauen Milchtopf seiner Mutter und roter sowie schwarzer Schminke im Gesicht als Schneemann und eilt als „Schneemann der Kleine“ ebenfalls zum Versammlungsort.
Dort treffen sich die Freunde wieder. Erich gibt sich zu erkennen, zerstreut die Sorgen seines großen Gefährten – und gemeinsam stürzen sie sich in das Abenteuer der Schneemannparade, in jene winterliche Welt, in der wie sich herausstellen würde, Mut, Freundschaft und Fantasie mehr gelten als Rang und Ordnung.
Doch die Winterwelt ist nicht nur bevölkert von heiteren Schneemännern in allen erdenklichen Formen. Sie kennt auch einen Bösewicht – einen, dem der glückselig singende Erich von Beginn an verdächtig erscheint. Es ist ein Schneemann mit einem Helm aus Zeitungspapier, der sich selbst „General“ nennt und sich viel darauf einbildet, von Soldaten hinter einer Kaserne errichtet worden zu sein. Er drillt die Schneemänner, kommandiert sie herum, hetzt sie gegeneinander auf. Ordnung, Gehorsam, Disziplin – all das fordert er mit eisiger Härte ein.
Als der freche Erich sich über dieses militärische Gebaren lustig macht, beschließt der General, ihm eine Lektion zu erteilen. Doch der Winterkönig, riesenhaft und majestätisch, der zur Preisvergabe schreitet, erkennt das pseudomilitärische Treiben als das, was es ist: lächerlich. Statt der erhofften Ehrung als Schneemann des Jahres verleiht er dem General den Narrenpreis – eine Kappe mit zwei langen roten Zipfeln. Schneemann der Große hingegen wird, nicht zuletzt dank Erichs liebevoller Ausstattung, zum Schneemann des Jahres gekürt. Und selbst Erich, noch immer unerkannt unter den Schneemännern, erhält für seine kunstvoll rot bemalte Nase eine Auszeichnung.
Hier könnte die Geschichte enden. Glücklich, versöhnt, rund. Doch Erika Hübner-Barth legt noch einmal nach – und treibt Spannung und Dramatik auf die Spitze. Der gedemütigte General fügt sich nicht in Entmachtung und Spott. Er wird brutal, rücksichtslos. In blinder Wut entlarvt er Erich als Menschen, indem er ihm den Säbel in den Rücken stößt. Ein erbitterter Kampf entbrennt, so heftig, dass sich die Schneemänner beinahe gegenseitig vernichten

Die Rettung kommt in Gestalt des Winterkönigs. Als weiser Schiedsrichter ruft er die Kämpfenden zur Ordnung, verbannt den kriegstreibenden General und spricht Erich frei – nicht als Helden, sondern als das, was er ist: ein Kind. Die Feierlichkeiten der Schneemannzeit dürfen weitergehen, mit Rummelplatz und Ringelspiel, mit Lachen statt Marschmusik.
Am Ende spielt es keine Rolle, ob dieses Winterabenteuer Traum war oder Wirklichkeit. Die Geschichte ist so kraftvoll erzählt, die Figuren so klar gezeichnet, die Botschaft so leichtfüßig vermittelt, dass sie sich unauslöschlich einprägt. Entstanden zur Zeit der Diktatur in Rumänien, wirkt „Schneemann der Große“ wie ein zeitloses Gleichnis gegen Denunziation, Hetze und militärische Gewalt. Erstaunlich, dass Erika Hübner-Barth mitten in der Ceaușescu-Ära solche Texte schreiben konnte – ohne jede Regimepropaganda, dafür mit offenem Spott über militärisches Gehabe und unverkennbar antimilitaristischer Haltung.
Beim Lesen musste ich streckenweise an Herbert Grönemeyers später entstandenes Lied „Kinder an die Macht“ denken – an Armeen aus Gummibärchen, an Panzer aus Marzipan. Und ich wünschte mir, die Konflikte dieser Welt könnten so frech, so kindlich klug hinweg gelacht werden, wie es Erika Hübner-Barth in „Schneemann der Große“ erfindet.
Natürlich kann ich es kaum erwarten, dem kleinen Benno eines Tages die Bücher meiner erklärten Lieblingsautorin aus der Kindheit vorzulesen. Noch müssen wir ein paar Jahre warten, bis er sie wirklich versteht. Doch dann sollten wir am 13. Januar wachsam sein – damit wir um fünfundzwanzig Uhr dreißig die Zeit der Schneemänner nicht verpassen. Das Datum lässt sich leicht merken: Es ist der Tag nach Benno-Ludwigs Geburtstag. Und ich wünsche ihm schon jetzt viele solcher Bücher, viele solcher Vorbilder – und vor allem viele gemeinsam gebaute Schneemänner. So groß wie Schneemann der Große.










Schoener Symbolismus! Benno hatte sicherlich viel Spass! Die guten alten Zeiten als Kameradschaft durch spielen auch auf den Strassen gepflegt wurde - in Sicherheit und viel freude.....Andererseits wuenscht ich mir ein wenig Schnee im fast 43 Grad heissen W.Australien Beautifully presented dear Astrid Ziegler. Enjoy the moments.