top of page

Der Letzte sperrt die Tür zu?

Der letzte sperrt die Tür zu - Gemälde von Walter Andreas Kirchner
Der letzte sperrt die Tür zu - Gemälde von Walter Andreas Kirchner

Wer kennt nicht das berühmte Triptychon Stefan Jägers zur Einwanderung der Vorfahren der Banater Schwaben, das den Mythos der Ansiedlung der von den Habsburgern ins Land gerufenen deutschen Kolonisten begründete? Das Original hängt im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus in Temeswar, als Reproduktion findet es sich in den Wohnzimmern vieler ausgewanderter Banater Schwaben der älteren Generation, die ihr Leben im Banat verbracht hat – wie eine visuelle Vergewisserung und Erinnerung an eine Identität, die zunehmend Geschichte wird.


Jenseits dieses monumentalen Tableaus widmet sich ein zeitgenössisches Werk der Aussiedlung der Deutschen aus dem Banat, jener Region, die über fast 300 Jahre hinweg für rund zehn Generationen zur Heimat geworden war. Das Gemälde „Der letzte sperrt die Tür zu“ von Walter Andreas Kirchner verdichtet kollektive Erfahrung und historische Zäsur zu einer eindringlichen Bildform.


Der äußerst produktive Maler, Bildhauer und Grafiker, der ein umfangreiches Œuvre vorzuweisen hat – entstanden sowohl im Rumänien der 1970er-Jahre als auch seit Beginn der 1980er-Jahre in der Bundesrepublik –, teilt das Aussiedlerschicksal vieler Landsleute. Er weiß also, wovon er spricht – oder besser: wovon er malt –, wenn er scheinbar unaufgeregt eine Familie aus drei Generationen inszeniert, die im Begriff ist, ihr Haus zu verlassen.


Auffällig ist weniger das Konkrete als das Gefühl, das beim Betrachter entsteht. Die Figuren sind nur locker ausgearbeitet, beinahe so, als würden sie mit dem Raum um sie herum verschwimmen. Das verleiht der Szene eine traumhafte, leicht unheimliche Atmosphäre – ein Moment des Übergangs, eingefroren in der Zeit.


Die Türöffnung links spielt eine zentrale Rolle. Die männliche Figur, die sich in sie hinein lehnt, schließt nicht nur die Tür des Hauses, sondern symbolisch ein Portal. Es ist die Schwelle zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft.

Die Gruppendynamik ist vielschichtig: Obwohl die erwachsenen Figuren räumlich nahe beieinanderstehen, wirken sie emotional voneinander getrennt. Die Gesichter sind nur angedeutet, abgewandt oder in sich gekehrt – ein Eindruck von Isolation entsteht.


Das Kind bildet den ruhenden Pol der Komposition. Seine kleinere Gestalt wirkt klarer definiert, beinahe suchend. Es ist die einzige Figur, die nach vorn blickt. Während die Frau zum Mann zurückschaut und die Großmutter in sich gekehrt scheint – halb in der Vergangenheit, halb im Gebet verharrend –, richtet das Kind den Blick in die Zukunft.

Das Bild liest sich daher nicht als realistische Szene, sondern als psychologisches Tableau: Eine Familie nimmt schweigend Abschied – gemeinsam anwesend, doch innerlich vereinzelt.

Der Mann an der Tür wird so zur Figur des Letzten – nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern als Symbol für das Ende einer jahrhundertelangen Präsenz. 


Die übrigen Figuren erscheinen weniger als individuelle Porträts denn als Verkörperungen von Generationen: Die Elterngeneration trägt die Entscheidung, die Großmutter und das Kind folgen der Weichenstellung. Die Oma, durch ihr schwarzes Kopftuch und die blaue Schürze noch traditionell gekleidet, steht für ein im Banater Dorf verbrachtes Leben und damit für die Vergangenheit und verortet das Bild im banat-schwäbischen Kontext. Das Kind hingegen blickt nach vorn – körperlich anwesend, doch emotional noch nicht fähig zu begreifen, was verloren geht und was bevorsteht.


In diesem historischen Kontext erhält die Unschärfe der Gesichter eine zusätzliche Bedeutung: Identität beginnt sich aufzulösen, Heimat wird fragil, Erinnerungen verblassen. Die gedämpfte Farbpalette – erdige, graue, grünliche Töne – evoziert Verlassenheit und Entwurzelung, ohne ins Sentimentale zu kippen.


Der Titel wirkt beinahe bitter-ironisch. Er erinnert an einen alltäglichen Satz, doch hier steht er für das Schließen einer ganzen Epoche. Nicht nur ein Haus wird verlassen, sondern ein kultureller Raum, eine Sprache, ein gelebter Alltag.


Als Werk verstanden, ist das Bild weniger Anklage als stilles Zeugnis. Es urteilt nicht, es erklärt nicht – es erinnert. Gerade diese Zurückhaltung verleiht ihm seine besondere Kraft.

Eine Vorarbeit zu dem mit 148 × 119 cm monumentalen Gemälde hängt – als hochgeschätztes Geschenk des verehrten Künstlers – in meinem Zimmer. In diesen Tagen betrachte ich sie mit besonderer Aufmerksamkeit. Ende Februar jährt sich der Tag meiner Aussiedlung als Kind mit meiner Mutter und meinen Großeltern.


Der hochgewachsene Mann, der als Letzter die Tür zusperrt, nimmt dabei für mich die Züge meines Großvaters an. Im Zuge der Familienzusammenführung entschloss er sich, mit seinen Kindern und seiner Enkelin in die Bundesrepublik zu gehen. Er musste dem Zwangsverkauf des Hauses zustimmen, das er und meine Großmutter sich in Temeswar erarbeitet und teilweise mit eigenen Händen erbaut hatten, und nahezu seinen gesamten Besitz zurücklassen. Mein Großvater, ein Lebenskünstler, hat zeitlebens nie geklagt und seine Entscheidung meines Wissens nie bereut. Kurz vor seinem Tod vertraute er mir jedoch an, dass er vor allem seinen Garten aus seinem früheren Leben vermisste.


Und was ist aus dem Kind geworden, das auf dem Bild so eindeutig nach vorn blickt?

Ich habe in der Bundesrepublik mein Leben gestaltet und bin dankbar für all die Möglichkeiten der Entwicklung, Bildung und Selbstverwirklichung, die sich mir boten. Und doch fühlt es sich an, als hätte ich einen Fuß in jene Tür gestellt, die sich für mich nie ganz geschlossen hat.


Ich kehrte zurück, erwarb das Elternhaus, das zu jener Tür gehört und das mein Großvater einst veräußern musste. Und ich durfte erfahren, dass die Tür auch für die Banater Deutschen nie ganz zugefallen ist. Es gibt eine kleine, doch aktive deutsche Minderheit in der Region, die ich nach wie vor als Heimat empfinde.


So betrachte ich in diesen Tagen das Werk von Walter Andreas Kirchner und stelle mir vor, dass ein Spalt im Tor zu unserer Heimat offen geblieben ist – dass das Portal für das dargestellte Kind nicht endgültig geschlossen wurde, sondern durchlässig blieb.

bottom of page