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Dem kontinentalen Winter entgegen (2)

Aktualisiert: vor 3 Tagen

„Spieglein, Spieglein an der Wand – wer hat die schönste Tracht im Land?“
„Spieglein, Spieglein an der Wand – wer hat die schönste Tracht im Land?“

Teil 2 - Blaufärbertracht und Baumschnitt


Ein weiterer dringender Anlass für die Reise ins Banat war, dass Victoria aus ihrer Blaufärbertracht herausgewachsen war und dringend eine neue benötigte. Bereits beim letzten Aufenthalt im Dezember hatte ich mit Frau Edith Bartha aus Billed – einer erfahrenen Ausstatterin der örtlichen Tanzgruppe Heiderose – vereinbart, auch für meine Tochter eine neue Tracht anfertigen zu lassen.


Rechtzeitig zum Schäfflertanz wurde dieses kleine Kunstwerk vollendet: ein Hemd mit dezenter Spitze, ein elegantes Mieder aus schwarzer Seide, der charakteristische blaue Oberrock mit zarten weißen Blümchen sowie eine schlichte blaue Schürze.

Vicky schlüpfte in München sofort hinein, um sie anzuprobieren – und sie passt wie angegossen. Nun kann der Schäfflertanz kommen.


Obstbaumschnitt vor dem Bogengang des Hauses
Obstbaumschnitt vor dem Bogengang des Hauses

Es ist mal wieder so weit: Der frostige, doch sonnige zweite Tag des Aufenthalts in Paulisch ist ideal für eine meiner liebsten Arbeiten – das fachgerechte Zurückschneiden der Äste der Obstbäume. Eine vermeintlich unspektakuläre, beinahe beiläufige Tätigkeit, in der sich bei näherer Überlegung jedoch eine poetische Kraft und eine subtile philosophische Idee offenbaren.


Während ich auf der Leiter zwischen den kahlen Ästen stehe, zeigt sich die Krone wie ein widerspenstiges Geflecht, in dem alles Wesentliche freiliegt. Nichts verbirgt sich mehr hinter üppigem Grün; der Baum wirkt nackt und verwundbar. Umso genauer und überlegter versuche ich, die Schere zu führen.

Diese Arbeit ist alles andere als banal. Sie ist komplex: Ich muss sicher aufsteigen, mich ausbalancieren, Entscheidungen treffen für den Baum und zugleich stets für meine eigene Sicherheit sorgen.


Als alles getan ist, streiche ich über die Zweige des Pflaumenbaums. Ob er wohl spürt, dass der Schnitt nicht das Ende bedeutet, sondern den Punkt markiert, an dem eine neue Entwicklung beginnt?


Leben kann trotz Grenzen Raum finden
Leben kann trotz Grenzen Raum finden

Im Hofe wächst erneut ein Pflaumenbaum, 

aus dem Steintisch raus, man glaubt es kaum! 

Er schlängelte sich drum rum,

drum tritt man ihn nicht um 

(Frei nach Bertold Brecht)



Winterweh


Ein Lenau'sches Sprachspiel


Im kalten Licht steh' ich am Baum

sein Dasein schwer von alter Zeit.

Die Äste, wie ein kahler Traum

in einer wirren Ewigkeit.


Er spricht aus Nebel sanft und lind:

"Warum so hart die Hand erheben?"

Ich senke sie -weiß ich doch blind,

nicht Schnitt allein will ich, auch Leben.


Der Griff packt fest im frost'gen Hauch,

als wüsste er um Schuld und Mühn

Ein Ast fällt leis, ein letzter Brauch

von etwas, das noch wollte blühn.


Der Baum erzittert nicht vor Schmerz,

nur ich, in mir ein dunkles Weh'n.

Er regt sich kaum, mein fühlend Herz

pocht wild, als beide wir so stehn.


So endet's still. Der Abend sinkt.

Kein Trost, nur Ahnung winkt mir scheu.

Dass, wer dem Wuchs die Freiheit nimmt,

sich selbst begrenzet -stumm und treu.




 „-4 Grad? Ach komm. Das macht uns nichts aus!“
 „-4 Grad? Ach komm. Das macht uns nichts aus!“

Schneeglöckchen, die Frühaufsteher unter den Blumen warten im Paulischer Hof mit erhobenen Köpfen schon im Beet, als würden sie sagen: „Guten Morgen, Frost! Du kannst uns nichts anhaben. Wir sind bereit.“


Winzig und zart wirken sie mutig, als sagten sie sich trotz sibirischer Kälte: „-4 Grad? Ach komm. Das macht uns s nichts aus!“ Das ist keine Blume, das ist eine Lebenseinstellung.

Schneeglöckchen  sind die perfekten Blogger des Gartens, ich sollte mir von ihnen ein Beispiel nehmen: Posten als Erste ein Lebenszeichen, bekommen sofort Aufmerksamkeit und läuten in Paulisch den Frühling ein, während ich diese Zeilen schreibe. 

3 Kommentare


peter.m93@outlook.com
vor 3 Tagen

Vielen dank fuer den spennenden Teol II; ein magischer Ausdruck in der traditionellen Kleidungskultur, zumal die farbe Blau von spiritueller Hinsicht aus, als heilige Farbe, die Verbindung zu höheren Kräften, Weisheit und spirituellem Frieden darstellt. Tja, und das wichtigste aber, die Pflege, das Wertschaetzen von Tradition, Brauchtum in diesem Fall von dem huebschen Madl Victoria zum besten Ausdruck hervorgebracht, da werdn die Burschn staunen! Well, des weiteren, Respekt zur Pflege der edlen Obstbaeume - kann nicht jeder! Super Leiter auch, Gott sei Dank! Dies erinnert auch an alte Traditionen, die Du liebe Astrid Ziegler ganz tapfer und sicher, zum Wohle des Pflaumenbaumes, der auch von unseren Banater Leuten, seit alters her als Symbol der Sta…

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peter.m93@outlook.com
vor 14 Stunden
Antwort an

Gerne komm ich mit, liebe Astrid, in die Hcienda deiner Traeume. Geschuetzt von den Goettern der alten Germanen, einer wild, tapferen Amazonin gleich ziehst du viele in den ehrenhaften Bann dessen dass an Heimat, Tradition und vor allem Freiheit - jedem nach seiner Kapazitaet, Moeglichkeiten sowie Ausdauer in die Wiege des Lebens geschenkt, und dem Faden der Ariadne gleich strebsam und nach Erfuellung suchend, das Rad des Lebens, so wie in dem schoenen Lenau'schen 'Winterweh' inspiriert, die Erfuellung suchen.... einem 'Schneeglöckchen' gleich. To your success. Wonderful!Liebe Gruesse!

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