Dem kontinentalen Winter entgegen (1)
- Astrid Ziegler

- 27. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Jan.

Teil 1 - Warum man der Kälte freiwillig trotzt
Eine Kältewelle aus Sibirien war angekündigt worden – vom Wetterdienst, der heutzutage gern Aufsehen erregt. Sie sollte aus dem Osten bis nach Deutschland vordringen und den heurigen Winter, der globalen Erwärmung zum Trotz, noch einmal richtig kalt werden lassen. Und obwohl der kontinentale Frost wie ein eisiges Damoklesschwert über unserem ungeheizten Haus in Paulisch hing, musste ich hin.
Das Arader Land empfing uns wie ein Wintermärchen: Auf den Feldern lag stellenweise noch Schnee, Bäume und Büsche, ja die ganze Landschaft waren mit feinen Schneekristallen überzuckert, und den klirrenden Frost spürte man selbst durch die Windschutzscheibe. Das monochrome Winterwunderland, durch das wir auf die Zarânder Berge zufuhren, die in blaugrauem Dunst wie im Winterschlaf lagen, ließ mir erwartungsvolle Schauer über den Rücken laufen.
Schon lange hatte es in der Region keinen solchen Winter mehr gegeben. Die Fahrt der sibirischen Kälte entgegen versprach eine abenteuerliche Herausforderung zu werden. Ein behaglich zentralbeheiztes Haus in München tauscht man nicht leichtfertig gegen eine „alte Burg“, wie man in Bayern sagt – einen Gebäude, in dem eine Holzfeuerung mit all dem damit verbundenen Aufwand wartet. Das tut man nur, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt.

In unserer bayerisch-banater Familie ist für den ersten Februar eine typisch Münchner Festlichkeit geplant: ein Schäfflertanz vor dem Elternhaus von Benno. Die Tänze der Fassmacher, die an das Ende der letzten Pestepidemie vor über 500 Jahren erinnern, werden mit großer Vorfreude erwartet, finden sie in der bayerischen Landeshauptstadt doch nur alle sieben Jahre statt.
Die Münchner Schäffler waren einst die Ersten, die den Menschen, die aus Angst vor Ansteckung in ihren Häusern geblieben waren, nach einem langen pestbedingten Stillstand – heute würde man sagen: „Lockdown“ – mit ihrem schwungvoll gehüpften Tanz wieder Mut machten und sie auf die Straßen der Stadt lockten.
Es ist eine schöne Ziegler’sche Familientradition, dass die Männer in den roten Jacken mit ihren Buchsbaumbögen seit Jahrzehnten auch vor unserem Haus in München-Harlaching auftreten. Zu diesem Anlass kommen Freunde, Nachbarn und Weggefährten zusammen, um dieses besondere Schauspiel zu erleben.
Schon beim letzten Mal, im Jahr 2019, war unsere jüngste Tochter Victoria mit ihrer banatschwäbischen Kindertanzgruppe als „Vorgruppe“ dabei und schlug damit einen kulturellen Bogen von der Isarmetropole bis in die Donaumonarchie.
Zur tänzerischen Darbietung wollen wir diesmal auch kulinarisch Brücken schlagen und den Zuschauern Banater Gebäck und Schnaps anbieten, um sie gegen die auch in München vorhergesagte winterliche Kälte zu wappnen. Diese hausgemachten rumänischen Schmankerl mussten in dem engen Zeitfenster Ende Januar „importiert“ werden – also dorthin, der sibirischen Kälte entgegen.

Mit von der Partie in die verschneite Puszta war wieder einmal mein inzwischen gar nicht mehr so kleiner Welpe Balu. Seit er unter ebenso ungeklärten wie unerfreulichen Umständen als Winzling in einem Straßengraben gelandet war, ist ihm das Anhalten am Wegrand und das Aussteigen aus dem geschützten, warmen Auto nicht ganz geheuer.
So scheint er auf dem Bild, skeptisch dreinschauend, gerade zu denken:
„Du hast gut lachen – mit deiner langen Mähne, deinem Mantel, dicker als mein Fell, und den warmen Stiefeln, während ich hier barfuß im Schnee herumstapfen muss.“

Ein weiterer Grund für meine Fahrt nach Paulisch war die angekündigte Lieferung der beiden Kachelöfen, die Benno im Sommer in Mediaș bei der wohl letzten traditionellen Manufaktur für handbemalte siebenbürgisch-sächsische Motive bestellt hatte. Produktionsverzögerungen führten zu dieser späten Auslieferung, die ich glücklicherweise persönlich entgegennehmen konnte. Bereits am Morgen nach unserer Ankunft fuhr der Lastwagen aus Siebenbürgen mit der kostbaren Fracht vor.
Auf der Homepage der Manufaktur ist zu lesen, dass die Terrakotta-Manufaktur in Mediaș im Jahr 1906 vom Siebenbürger Sachsen Gref Iulius gegründet wurde und auf eine wechselvolle Geschichte zurückblickt. Das Archiv beherbergt eine umfangreiche Sammlung siebenbürgischer Fliesen und Fliesenformen, darunter auch Reproduktionen seltener Öfen aus dem Astra-Museum in Sibiu.
Bis heute werden dort die alten Brennöfen genutzt, das Originalrezept der Lehmmischung bewahrt und dieselbe traditionelle Produktionsweise angewandt – einschließlich der historischen Glasur- und Handbemalungstechniken.
Die funktionellen Vorteile dieser traditionellen Tonmischung sind bemerkenswert: eine hohe Wärmeleitfähigkeit, die Fähigkeit, Wärme rasch zu speichern und sie auch nach dem Erlöschen des Feuers über viele Stunden hinweg abzugeben, sowie eine große Beständigkeit gegen Temperaturschocks durch das Brennen der Ziegel bei Verglasungstemperatur.
Der Kachelofenbauer, der unsere alten Öfen einbauen wird, sitzt bereits in den Startlöchern. Nun muss nur noch die Kältewelle abklingen.

Bis der neue Kachelofen gebaut werden kann, sitzt Balu gerne vor dem Schwedenofen in der Küche. Oft starrt er sinnierend in die Flammen, als würde er darin etwas erkennen. Vielleicht erinnert ihn die Wärme des Feuers an den heißen Sommer, in dem er geboren wurde, als eine flirrende Gluthitze über der Landschaft lag.
Es war eine schicksalhafte Rettung der beiden Kerlchen – wohl der einzigen Welpen einer Straßenhündin, die ich im August von meinem Fenster aus bei verzweifelter Nahrungssuche beobachtet hatte, ohne ihr helfen zu können.
Der Nachbar, der mir Balu völlig verdreckt und verängstigt aus dem Straßengraben gebracht hatte und der das Rudel Straßenhunde, das am Dorfrand lagerte, manchmal gefüttert hatte, ohne es retten zu können, meinte damals mitleidig und machtlos mit einem Schulterzucken: „Măcar ăștia doi să fie salvați …“ Wenigstens diese beiden sollen gerettet werden.
Fortsetzung folgt










Wunderschön. Ein Winter wie in Kindheitstagen mit seiner Schönheit und seiner beschwerlichen Seite. Danke für diesen anschaulichen Bericht.
Liebe Grüße
Edith
Ganz herzlichen Dank für das Entführen in diese mir noch ganz fremde Welt. Ich freu mich schin auf Ihre nächsten Berichte!!
Wau, gute Reise, liebe Astrid Ziegler eine echt tapfere Amazonin die sogar den gefuerchtetem eis kalten Krivatsz besiegen kann. Drive safe! Zudem, 'Thank you for the memories', bezgl. des schoenen Schefflertanzes das an uralte Traditionen alter Zeiten erinnert, Tracht, Lebensfreude und Hoffnung - der bezaubernde Marienplatz mit seinen lieben Menschen, guter Laune sowie vieles mehr. To your success dear Astrid Ziegler, aber bitte nicht zuviel 'tuica de Arad' trinken. Sanatate, sa fiti iubiti, multe bucurii si voie buna'.