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„Eine Nische, in der wir uns wohlfühlen“

Die Teilnehmer des Literaturseminars im Heiligenhof vom 28.-30. November 2025. Fotos Hans Rothgerber 
Die Teilnehmer des Literaturseminars im Heiligenhof vom 28.-30. November 2025. Fotos Hans Rothgerber 

Interview mit Astrid Ziegler zur Tagung über Banater Literatur Veröffentlicht in der Banater Post Nr. 4 / 20. Februar 2026 / Seite 10


Seit 2021 fördert das Kulturwerk der Banater Schwaben auch Tagungen zur Kultur und Literatur aus dem Banat in der Bildungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen. Zunächst wurden sie von Anton Sterbling organisiert, nun hat Astrid Ziegler den Stab übernommen, die vielen durch ihren Blog banat-tour.de bekannt ist. Ihr erstes Literaturseminar vom 28.-30. November 2025 mit dem Titel „Es gibt (k)einen Weg zurück“ war eine kleine aber feine Veranstaltung – das Publikum und die Referentinnen und Referenten hielten sich ungefähr die Waage. Edith Ottschofski, die ebenfalls ein Gast der Veranstaltung war, führte danach mit Astrid Ziegler ein Interview. 


Du hast in diesem Jahr die Organisation der Banater Literaturseminare übernommen. Deine Rede bei der Eröffnung des Seminars war programmatisch. Welche Ziele setzt du dir? 


Ich habe mich in meiner Rede mit den Begriffen rumäniendeutsche und Banater Literatur auseinandergesetzt und festgestellt, dass beide nicht mit der massenhaften Auswanderung der deutschen Minderheit aus Rumänien enden. Vielmehr lässt sich der Terminus rumäniendeutsche Literatur auch auf die Werke der aus Rumänien stammenden deutschen Schriftsteller, die später in der Bundesrepublik entstanden sind, anwenden, und bezieht sich auch auf jene der in Rumänien verbliebenen Autoren, die in deutscher Sprache veröffentlichen. Dr. Ana-Maria Dascălu hat diese Thesen aufgegriffen und in ihrem Vortrag zu den Temeswarer Beiträgen zur Germanistik bestätigt. Sie hat noch darüber hinaus Schriftsteller weltweit mit einbezogen, die aus Rumänien stammen, deutsch schreiben und sich auf das multiethnische Banat und seine deutschsprachige Tradition beziehen. 


Du hast dich dann auch auf Herta Müller bezogen, die die „rumäniendeutsche Literatur“, oder „Literatur aus dem Banat“ in die ganze Welt hinausgetragen hat, als sie 2009 den Nobelpreis erhielt. Schreibt sie auch rumäniendeutsche Literatur? 


Herta Müller hat zunächst in Rumänien geschrieben und veröffentlicht. Ihre Werke sind mit ihrem zunehmenden Erfolg im Laufe der Zeit zu Weltliteratur geworden. Durch ihren Roman Atemschaukel hat sie die Deportation der deutschen Minderheit in die Sowjetunion global bekannt gemacht. Sie ist zu einer preisgekrönten literarischen Autorität geworden, weltweit bekannt und gelesen, die auch heute immer wieder Themen aufgreift, die mit Diktatur zu tun haben. 


Du hast ja hochkarätige Gäste geladen. Bist du mit der Tagung zufrieden? 


Ich bin sehr zufrieden und das Gelingen der Tagung hing maßgeblich von der Kompetenz der Referentinnen und Referenten ab und der guten Mischung der literarischen Stimmen, die meiner Einladung gefolgt sind. Wir hatten erstmals verschiedene Generationen dabei, also sowohl Mitglieder der Aktionsgruppe Banat, vertreten durch Prof. em. Anton Sterbling, als auch Zeitgenossen jener Schriftstellergruppe, sowohl aus dem Banat (Ilse Hehn, Horst Samson), als auch aus Siebenbürgen (Dagmar Dusil, Hellmut Seiler). Auf der Veranstaltung waren aber auch Mitglieder einer Autorengeneration vertreten, die ich als „zwischen Diktatur und Diaspora“ bezeichnet habe (Yvonne Hergane, Edith Ottschofski), zu der ich mich auch zugehörig fühle. Das sind Schreibende, die das Banat in sehr jungen Jahren verlassen haben, aber die Ceauşescu-Diktatur noch erlebt haben und noch vom Aufwachsen im Banat geprägt wurden. Und wir hatten mit Dr. Ana-Maria Dascălu und Dr. Bogdan Dascălu erstmals sowohl Wissenschaftler als auch Künstler dabei, die heute im Banat leben, nach der Wende sowohl in Deutschland, als auch in Rumänien studiert haben und die rumäniendeutsche Literatur im Banat weiterführen. Außerdem hatten wir Thomas Dapper eingeladen, der Wurzeln im serbischen Teil des Banats hat und durch die Erinnerungen seines Vaters geprägt wurde. Aus der Filmbranche kommend verarbeitet er seine Familiengeschichte literarisch.



Astrid Ziegler als Moderatorin des Literaturseminars
Astrid Ziegler als Moderatorin des Literaturseminars

Du hast ja, bereits wie dein Vorgänger in diesem Ehrenamt die Tagung geöffnet. Es handelt sich nicht nur um Literatur stricto sensu aus dem Banat, sondern auch mit Traian Pop um rumänische Literatur, mit Dagmar Dusil, die leider nicht kommen konnte, und Hellmut Seiler um siebenbürgische. Diese Öffnung ist Programm? 


Es ist bereichernd, auch über den Tellerrand zu blicken und Berühungs- und Schnittpunkte mit den Mitwirkenden zu entdecken, die nicht unbedingt von ihrer Herkunft her in Banat verortet sind. Wir hatten heuer auch erstmals mit Bastian Kienitz jemanden dabei, der keine Wurzeln in Rumänien hat und trotzdem die Lyrik Rolf Bosserts aufgegriffen und auf sehr moderne Art und Weise verarbeitet hat – intertextuell als Haiku und als Bild-Text-Kombinationen mit Street-Art-Fotos. Das war der modernste Aspekt der Tagung. 


Welches war dein persönliches Highlight? 


Die Wahl fällt angesichts der vielen sehr guten Beiträge nicht leicht. Mein persönliches Highlight war der Beitrag von Bogdan Dascălu, der ein gemeinsames Projekt von uns aufgegriffen hat, bei dem wir über ein halbes Jahr zusammengearbeitet haben, nämlich die Ausstellung und Projektion der Fotos von Hans Rothgerber, die in den 1980er Jahren entstanden sind und im Mai und Juni erstmals wieder seit über 40 Jahren in Rumänien gezeigt wurden. Bogdan Dascălu hat die Bilder sehr sprachgewandt mit eigenen Texten versehen und in ein beeindruckendes Feuerwerk von Worten und Farben verwandelt. 

Ein weiterer Höhepunkt war für mich deine Lesung, liebe Edith, in der du die Temeswarer Mundart wieder hast aufleben lassen, die ich und viele andere in Erinnerung haben. Du hast längst verdrängte Ausdrücke wieder ins Bewusstsein befördert und nicht nur den Dialekt, sondern auch die dahinterstehende Mentalität und Lebensweise wieder zur Sprache gebracht und auf eine zauberhafte Art wiederbelebt. Das hat mich sehr berührt. 


Vielen Dank. Die rumäniendeutsche Literatur ist ja schon durch die Aus- wanderung und durch die Dezimierung der Leute fast eine Nischenangelegenheit. Trotzdem, durch diese Tagungen, durch die Begegnung und auch durch dein Wirken entsteht ja Literatur. Wie siehst du das perspektivisch? 


Es stimmt, wir befinden uns in einer Nische, aber es ist eine Nische, in der wir uns wohl fühlen und die heute im europäischen Kontext zu sehen ist und gesehen wird. Eine Nische, aus der der Weg auch hinausführt. Durch Vernetzung, vielfältige Themen, neue Genres und digitale Formate wie Blogs oder Podcasts oder durch das Medium Film kann Publikum gewonnen werden. 

In diesem Spannungsfeld agieren wir, dass man natürlich eine Aufmerksamkeit wünscht und auch ein Publikum erreichen möchte, aber auch durchaus in einer kleinen und qualitativ sehr hochwertigen – wenn man so will – Nische steht. Was die Zukunftsperspektive betrifft, ist es sehr ermutigend, wie kraftvoll die neue Generation aufgetreten ist. Das zeigt, dass die literarische Landschaft des Banats weiterhin großes Potenzial trägt. 


Vielen Dank für das Gespräch.



Audio cover
Interview mit A. Ziegler von E. Ottschofski gesendet von Radio TM am 05.01.2026

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