Im Ineinander der Zeiten
- Astrid Ziegler

- vor 4 Stunden
- 15 Min. Lesezeit

Ein Sommertag an der Marosch
Montag, den 20.04.26
8.00 Uhr morgens, die Kinder sind weg, die Hunde geführt, ich sollte etwas schreiben. Ich bin müde, obwohl der Tag erst begonnen hat. Vielleicht liegt es daran, dass mein Handy zum dritten Mal in fünf Minuten vibriert hat, Nachrichten, Schlagzeilen, Erinnerungen, Termine prasseln auf mein Hirn ein – alles gleichzeitig, alles dringend. Zur Müdigkeit gesellt sich ein Gefühl der Ohnmacht: An den Schaltknöpfen der Macht sitzen, um mit Shakespeare zu sprechen, „irre Könige“, die Welt taumelt in Krieg und Wirtschaftskrise, die künstliche Intelligenz überholt locker unsere geistigen Kapazitäten, Timmi, der Buckelwal, der Deutschland seit Tagen in Atem hält, liegt immer noch auf einer Sandbank fest.
Ich lese das Buch „Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen“ von Axel Hacke. Ich bin noch nicht weit, aber es geht darin um eine Zusammenschau wichtiger Werke von Sigmund Freud, über Karl Kraus und zeitgenössische Soziologen zu Moderne, Fortschrittsglauben, Beschleunigung und Reizüberflutung, aber auch Verlust und dessen Auswirkung auf unser Gefühlsleben.
Während ich, angeregt durch die Lektüre, über meine eigenen Erfahrungen nachdenke, vor allem, da laut Freud die Persönlichkeit eines Individuums sich „durch die Erfahrung seiner Verluste“ herausbilde, taucht vor meinem inneren Auge hell und klar ein bestimmter Tag auf. Ein Tag in einer Zeit, in der, wie als Kontrapunkt zur Jetztzeit, eine geringe Reizdichte herrschte, in der Hirn und Herz noch nicht von Bildern und Medien besetzt waren, ein Tag, in dem sich der Verlust meiner Kindheit schon abzeichnete und verdichtete, ein besonderer Sommerferientag in Paulisch.
Es muss im Juli oder August des Jahres 1977 gewesen sein, in den Sommermonaten, die ich seit meiner frühen Kindheit im Elternhaus meiner Großmutter in Paulisch verbrachte, dem Ort, an dem die Großfamilie lebte und zusammenkam und an dem ich, das Stadtkind, mit den ländlichen banat-schwäbischen Traditionen und Lebensgewohnheiten vertraut gemacht wurde. Die Gemeinde Paulisch im Kreis Arad, in der Rumänen und Schwaben in Nachbarschaft zusammenlebten, liegt nördlich der Marosch und gehört somit geografisch nicht zum Banat, doch was die Sitten und Bräuche betraf, war die deutsche Bevölkerung durchaus „schwowisch“, mit eigenem Dialekt, eigener Tracht und, wie sich im Lauf der Geschichte herausstellen wird, eigenem und starkem Aberglauben.
Im Jahr 1977, in dem ich diese Erinnerung verorte, lebten die meisten Verwandten und Nachbarn in dem „deutschen“ Ortsteil Neupaulisch noch in den typischen, von den Vorfahren ererbten spitzgiebeligen Schwabenhäusern mit offenem Gang, die langgestreckt in den Höfen Richtung Garten lagen. Zum Ensemble gehörte auch die obligatorische Sommerkuchl, die Scheune, der Tretplatz für das Geflügel, ein Stall und nicht zuletzt das „Haisl“, das Plumpsklo, denn Kanalisation oder Wasserleitung waren in Paulisch noch Zukunftsmusik, die Wasserversorgung erfolgte über hauseigene Brunnen.Diese kleinräumige, relativ uniforme Siedlungsform schuf die Rahmenbedingungen der Kindheit auf dem Dorf. Die Höfe waren offen für den Nachwuchs der ganzen Straße, in der die Bewohner untereinander sowieso gut bekannt oder entfernt verwandt waren und bei allen Konflikten, die durchaus manchmal aufflammten, angenehm nachbarschaftlich zusammenlebten.
Die Sommer waren heiß, doch noch nicht unerträglich heiß. An den Tagen, die sich lange hinzogen, befolgten wir Kinder einen immer gleichen Tagesablauf, der sich morgens, vormittags, nachmittags bis in den Abend, bis zum Einbruch der Dunkelheit, draußen im Hof, im Garten oder auf der Straße abspielte.Dass Rumänien hinter einem Eisernen Vorhang lag, der sich manchmal öffnete, um Besuch aus dem Westen hereinzulassen, dämmerte auch den Jüngsten allmählich. Dann roch es meist in den guten Zimmern der Schwabenhäuser, den zur Straße hin gelegenen „Paradizimmern“, in die man als Kind nur ausnahmsweise hinein huschen durfte, nach Seife, Schokolade, Kaugummi und Nescafé. Diese Symphonie an westlichen Düften, verbunden mit der sehnsuchtsvoll erwarteten verheißungsvollen Melange an Gefühlen, kannte ich nur zu gut von den heiß ersehnten Besuchen meines Onkels.
Doch in den Sommerferien in Paulisch überwog noch die Welt der alten Aromen. Der trockene, staubige Geruch der Jahrhunderte im uralten Haus, der Geruch der Sonne auf der Haut, der würzige Geruch des Rosmarins im Vorgarten zusammen mit dem Blumenduft von Petunien, Nelken, Rosen, der einem hinter jedem Zaun entgegenschlug und der bei mir olfaktorisch noch heute jene Zeiten heraufbeschwört. Zu der typischen Geruchsmischung des Landlebens in der Zeit kam das sommerlich gleißende Sonnenlicht, das fast schon unbarmherzig gute Wetter, das an jedem Tag herrschte. Schon früh morgens lief ich die „Neipaulischer Strooß“ entlang Richtung Friedhof „nunner“, wie die Richtung genannt wurde, da das Gelände vom Weinberg und der Landstraße, von der sie abging, leicht abschüssig war. An den Pflaumenbäumen vorbei, die zu der Zeit schon schwer mit indigofarbenen Früchten behängt waren, kannten meine nackten Füße jeden Stein des nur sporadisch verlegten Gehsteigs.
Ein paar Häuser weiter gelangte ich zu einem Haus der Verwandtschaft: Ein Neffe meiner Großmutter wohnte mit seiner Familie dort. Ich freute mich immer, die Tochter des Hauses dort zu treffen. Ich hatte ein enges Verhältnis zu dieser Cousine, die ich Hedi nennen möchte. Obwohl sie schon in ihren Zwanzigern war und als Lehrerin frisch die Universität absolviert hatte, behandelte sie mich, die Neunjährige, wie eine junge Dame. Wir saßen oft in der Morgensonne auf den Stufen zum offenen Gang: Ein zierliches dunkelhaariges Mädchen im kurzen Hängerkleid und eine schlanke junge Frau mit rotbraunen Locken und blaugrauen Augen, die so ausdrucksstark waren, dass sie den Leute, die sie kannten als “ochi de vulpe” (Fuchsaugen) in Erinnerung bleiben sollten.
Wenn Hedi sich die Nägel lackierte, wurden meine beiden Daumen auch „gefärbt“, wenn sie sich auf dem Aragas ihren Nachmittagskaffee zubereitete, indem sie lösliches Kaffeepulver mit Zucker verrührte, durfte ich den duftenden “Café Crema” von damals auch probieren. Ihr Zimmer, das am Ende des offenen Ganges zur Straße hin lag, stand mir frei. In dem Raum, in dem ein Hauch von Parfum in der Luft lag, hielt ich mich oft ehrfurchtsvoll auf und bewunderte die Makrameedeckchen, die Nippesfiguren, den gehäkelten Anhänger am Schrankschlüssel, die künstlichen Rosen in der Kristallvase. Dinge, die zur typischen Ästhetik der Häuser am Dorf in der damaligen Zeit gehörten, die üppig und fast schon barock anmutete.
10.15 Uhr Teepause, in der ich Telefonate führe …
Ich rufe bei meiner Cousine an, um mit ihr über die Tage in Paulisch zu sprechen und sie vor allem zu jenem bestimmten Sommertag an der Marosch zu befragen, der in meinem Gedächtnis verankert ist, als wäre er gestern gewesen und nicht fast fünfzig Jahre her.Sie wohnt zwar nicht weit weg in einer mittelgroßen bayerischen Stadt, doch wir sehen uns selten und tauschen uns meistens nur telefonisch aus.Nach längerem Klingeln hebt meine Cousine ab und sagt hektisch: „Hallo Astrid, ich habe schon gewartet, dass du anrufst, doch jetzt kann ich nur kurz sprechen.“
„Wie war es in Paulisch?“ Ich berichte meiner Cousine immer von „unserem“ Haus in Paulisch, dem Familiensitz, den sie in den Jahren vor der „Revolution“ mit ihrem kleinen Sohn bewohnt hat. So erzähle ich auch jetzt von meinem letzten Aufenthalt in unserem zweiten Zuhause und will gerade auf besagten Ferientag zu sprechen kommen, da meint sie, sie müsse jetzt leider auflegen. Ich höre, wie es im Hintergrund an der Tür klingelt.„In Ordnung, wir reden ein andermal“, verabschiede ich mich. Mangels Gesprächspartner vertiefe ich mich weiter in meine intensiven Erinnerungen an meine Kindheit, die mir inzwischen wie die Proust’sche „verlorene Zeit“ vorkommen, ein Heraufbeschwören der Vergangenheit.
Das schrille Klingeln an Hedis Haustür, das ich durch das Telefon hören kann, verwandelt sich unwillkürlich in ein anderes, lange verdrängtes Geräusch. Das regelmäßige, wiederkehrende akustische Signal jener Tage in Paulisch war das ebenso grelle Pfeifen der alten, am Fuß der Weinberge entlangfahrenden elektrischen Straßenbahn, von den Einheimischen „Mottor“ genannt. Es durchschnitt die Tage, die sich auf eine eintönige, doch angenehme Weise wiederholten, in Sequenzen, nach denen man die Zeit nachvollziehen konnte, auch ohne eine Uhr zu haben. Schon morgens hörte ich das Pfeifen des „Mottors“ und die leichte Vibration der alten Doppelfenster, während ich noch im Bett lag und mir vorstellte, was der anbrechende Tag wohl mit sich bringen würde. Die Uniformität des damaligen Lebens, die scheinbare Langweiligkeit des Daseins, bot nämlich auch immer die Option eines kleinen Abenteuers.
Ein solches winkte mir unverhofft eines schönen Tages, als Hedi im Haus ihrer Großmutter, meiner Lissi-Tante, auftauchte und kurzerhand meine Omi fragte, ob ich mit ihr an die Marosch gehen dürfe. Ich jauchzte innerlich. „An die Marosch gehen“ stand für einen Ausflug zum Baden, Sonnen, Picknicken und meist auch Angeln.„Oh bitte, bitte Omi, darf ich mit …“, flehte ich und hielt dann vor Aufregung den Atem an. Ich wusste, dass bei meiner Großmutter, die mir mit liebevoller Strenge begegnete, Quengeln nichts bewirken würde. Seit ich denken konnte, wurde ich in Paulisch vor diesem Fluss gewarnt. Schon der Name klang für mich wie ein wildes, gefährliches Wesen. Kein harmloses Gewässer, nein – die damals weidengesäumte Marosch war eine breite, leise dahinfließende Naturgewalt mit grünem Wasser und sich kräuselnd abzeichnenden Strudeln, die so manchen in die Tiefe gezogen hatten.Meine Großmutter war eifrig bemüht, mir Angst vor der Marosch einzuimpfen, und ihre Sorge um mich war durchaus begründet, vor allem, da ich damals noch nicht schwimmen konnte. Es ertranken immer wieder Menschen in den tückischen Untiefen und Wirbeln des Gewässers, sogar gute Schwimmer.
Wurde sie dadurch überzeugt, dass Hedi versicherte, dass nicht nur wir beiden Mädel gehen würden, sondern auch ihr Freund dabei sein würde, der sich gut auskannte und auf uns achtgeben würde? Er soll hier Leandru heißen und weshalb ich diesen eher seltenen, aus dem griechischen stammenden Namen wähle, wird bald klar werden.
Auf uns Kinder übten die Gespräche der “Großen” eine große Faszination aus. Oft ging es in der Zeit als die Aussiedlung schon im vollen Gange war, darum, „wer eingereicht hatte“ oder wer „die großen Formulare“ oder gar „den Pass bekommen“ hatte, was bei mir Fragen aufwarf, die ich mir nicht zu stellen wagte. Was hatte es mit diesem Papierkram auf sich, und wo wollten die Leute hin? Deutschland war für mich, auch wenn es in den Erzählungen der Erwachsenen wie ein gelobtes Land gepriesen wurde, ein unbekanntes Terrain, ein blinder Fleck auf dem Leuchtglobus in meinem Zimmer. So wie die antiken Karten mit dem bekannten „Hic sunt leones“ unerforschte exotische Regionen beschrieben, so wenig konnte ich mir das Land vorstellen, in dem ich wenige Jahre später per „Orient-Express“ landen sollte.
Reizvoller erschienen mir dann schon die Katastrophen, von denen die Alten gerne sprachen. Erzählungen über apokalyptische Phänomene wie Blitzeinschläge, Erdbeben, Unfälle oder Krankheiten, redegewandt vorgetragen, ließen meine Fantasie sprießen und wirkten spannender als heute ein Film auf Netflix. Hoch im Kurs standen die Liebesgeschichten, doch nicht die mit einem „Happy End“. Wer war mit wem heimlich zusammen, welcher „Schuft“ hatte welches Mädel „stehen gelassen“ und welche armen Eltern kämpften gegen die unmögliche Partnerwahl ihrer Sprösslinge an.
So war mir auch die unmögliche Liebesgeschichte von Hedi und Leandru bekannt. Seit Schulzeiten waren die beiden verliebt, wie eine Paulischer Version von Romeo und Julia. Ihre Faszination füreinander ließ auch später nicht nach, als sie sich zu gut aussehenden jungen Erwachsenen entwickelt hatten. In jener Zeit, als Hedi vom Studium zurückgekehrt war, verbrachten sie viel Zeit zusammen. Der Enge der elterlichen Häuser entfliehend gingen sie oft zum Fluss, an dessen Ufer sie oft lagen und von „etwas Ernstem“ träumten. Wie bei den berühmten Liebenden Hero und Leander sollte ihre Romanze heimlich am Wasser stattfinden und wie ihre mythologischen Namensvetter sollten sie keine Zukunft haben.
„Aber an die Marosch kann man ja zusammen gehen“, dachte ich damals in meinem kindlichen Sinn, „das ist nicht so endgültig wie heiraten …“ So dachte meine Großmutter wohl auch, denn sie erlaubte schließlich den Ausflug. „Aber achtgeben, brav sein und nicht ins Wasser gehen …“ war die voraussehbare Ermahnung, der wir gerne nachkommen wollten.
12.30 Uhr im Friseursalon des Viertels.
Über der Niederschrift der Anbahnung dieses ersehnten Ausflugs hatte ich fast meinen Friseurtermin vergessen. Ich unterbrach den Strom der Erinnerung und radelte zum Coiffeursalon ein paar Straßen weiter. Während ich meinen Kopf nach hinten ins Waschbecken beuge, wirkt das Gefühl von Wasser in den Haaren wie ein Trigger, der weitere unwillkürliche Erinnerungen in die Gegenwart spült.
Wir waren nach einem langen Fußmarsch – „an die Marosch gehen“ bedeutete damals noch, sich „per pedes“ und nicht motorisiert dorthin zu begeben – am Ufer des Flusses angekommen. Zwischen der „Baja Domnilor“ genannten Stelle und dem Bahnhof wollten Hedi und Leandru wie gewohnt zu einer langgestreckten Kiesinsel waten, die ihnen von anderen Aufenthalten bekannt war. Für mich war das alles neu und aufregend: Das Wasser glitzerte in der Sonne, die Kieselsteine am Ufer leuchteten weiß, und die alten Weiden ließen ihre Zweige wie Finger über die leichten Wellen streichen. Leandru trug mich auf seinem gebräunten Rücken zur Insel, damit ich ja nicht den Halt in der Strömung verlor.
Während ich meine Arme um seinen Hals schlang, um mich festzuhalten, fielen mir seine langen, üppigen, dunkelblonden Locken auf. Mit seiner hochgewachsenen athletischen Figur kam er mir vor wie Tarzan aus dem Film, der damals in Rumänien im Fernsehen lief und eine angenehme Abwechslung im sonst langweiligen Staatsfernsehen darstellte. Die Hitze, die spärliche Sommerkleidung, die wir trugen, die gebräunte Haut, die Äste der Weide, die wie Lianen anmuteten, und die wilden Flussauen erinnerten tatsächlich an das “Setting” des Kultfilms. Er wie Tarzan, sie, Hedi mit ihren kastanienbraunen langen Haaren, wie Jane und ich wie Cheetah, das Äffchen in ihrem Schlepptau.
Während Hedi ihren bunten, langen Rock schürzte, um zur Insel zu waten, verbreiteten wir drei auch einen Hauch von Flowerpower und Hippietum, der zu der Zeit unter der Jugend in Rumänien gar nicht ungewöhnlich war. Umso mehr, als wir auch ein Transistorradio dabei hatten. Ich kann es nicht mehr genau sagen, aber ich stelle mir dazu die Musik von Abba vor: „Chiquitita, tell me what's wrong, there is no way you can deny it …“
Die Sonne brannte mir während dieser Expedition auf den Rücken, denn der Badeanzug, den ich trug, ließ diesen unbedeckt und war im Gegensatz zu der gebräunten Haut meiner beiden „Aufpasser“ weiß, da ich bisher noch nicht baden gewesen war. Auch mein Kopf war unbedeckt, und ich fühlte die Hitze auf meinem langen Haar. Doch das Wasser, in dem ich bis zu den Knöcheln auf der Insel stand, war kühl, und ich war vollauf damit beschäftigt, die von Leandru geangelten kleinen Fische zu beobachten, die in einem eigens dafür mitgebrachten Eimer umherschwammen.
Wieder musste ich meinen Ausflug in die wiedergefundene Zeit jenes märchenhaften Tages unterbrechen und mich der mechanisierten Zeitmessung unterwerfen. Um 14.00 Uhr gibt es Mittagessen mit den aus der Schule zurückgekehrten Kindern: Auf dem Speiseplan steht Fisch…
Schon als Kind war ich sehr mitfühlend gewesen, was die Tierwelt betrifft. Und in Paulisch hatte ich diesbezüglich zahlreiche Gelegenheiten, diese Empathie auszuleben. Dort gab es Hunde und Katzen, die ich unter meine Fittiche nehmen konnte. Die Hündin unserer Nachbarn, Leica, begrüßte mich schwanzwedelnd am Zaun, kaum war ich dem Wartburg meines Großvaters entstiegen.
Die Katze Lilly erwartete mich jedes Mal mit buntem Nachwuchs. Ich freundete mich mit dem Ferkel an, das zu Ostern im Stall unter dem Maulbeerbaum auftauchte, und begrüßte es freudig bei jedem Besuch. Im Hochsommer hatte es schon ein beachtliches Gewicht erreicht und lag träge im Schatten. Doch da lernte ich auch die Kehrseite der Medaille kennen. Leben bedeutete unweigerlich Verlust, und jede Kreatur lebte auf ihr Ende hin. Im Winter wurde ich leider auch nach Paulisch mitgenommen, als sich die Familie zur Schweineschlacht traf. Ich litt mit dem erbärmlich quiekenden Tier, das im kleinen Keller ausgeblutet wurde, bis es tot war.
Oft lief ich vom Hof und versuchte, mich zu verstecken, um der schlimmen Geräuschkulisse zu entgehen, bis das Tier erlöst war. Wie viel weniger litten dann doch die Hühner, die von Lissi-Tante während des Fütterns plötzlich gepackt wurden und denen mit einem Ruck der Kopf abgetrennt wurde. Sie gackerten kurz, flatterten reflexhaft noch eine Weile und wanderten kurz darauf in den Suppentopf. Natürlich erfuhr ich auch, was mit neugeborenen Katzen und Hunden gemacht wurde, und schauderte angesichts so einer grausamen Vorstellung, ohne auch nur zu versuchen, den Lauf dieser Dinge, die sich meinem Einfluss entzogen, zu ändern. Als wir auswanderten, musste ich meine kleine Hündin weggeben und rebellierte nicht. Wie Recht Freud doch hatte, Verluste prägen. Als Erwachsene sollte nie wieder ein Tier, für das ich die Verantwortung übernommen hatte, im Stich lassen.
Auf der Insel war ich mit den gefangenen Fischen konfrontiert. Nach Phasen von langer, ernster Stille zuckte manchmal die Schnur der Angel, die Leandru geduldig hielt und ein Fisch nach dem anderen wurde aus dem Wasser gezogen. Doch das Anglerglück ließ an dem Tag offenbar zu wünschen übrig. Es waren allesamt kleine Exemplare, die mich mit glubschigen Blicken ansahen, als wollten sie sagen: „Hilf mir!“ Ich kannte natürlich die verschiedenen Geschichten über das legendäre goldene Fischlein, das dem Menschen, der es freiließ, einen Wunsch erfüllte.
Keinen Augenblick dachte ich daran, die glitschigen Gefangenen im Eimer mitzunehmen, um sie von meiner Großmutter zum Abendessen zubereiten zu lassen. Erstens waren sie zu klein. Doch selbst wenn es stattliche Karpfen gewesen wären, hätten sie zu Hause keinen Anklang gefunden. Gemäß dem Spruch: „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“, kam bei uns kein Getier aus dem Wasser auf den Teller, selbstredend auch keine Meeresfrüchte oder gar Schnecken. Einmal hatte mich mein aufgeschlossener Vater am Schwarzen Meer im Urlaub von seinem Fisch probieren lassen. Dabei verschluckte ich mich so sehr an einer Gräte, dass ich kopfüber gedreht werden musste, bis das Ding wieder aus meiner Kehle rutschte. Spätestens seitdem war Fisch tabu.
Aber ich überlegte auf der Insel eine ganze Zeit lang, die Fischlein mit nach Hause zu nehmen und in Hedis Regenwasserbecken auszusetzen. Ich wusste von Hedis jüngerem Bruder Niklos, dass er im heimischen zementierten Becken in der Marosch gefangene Fische herumschwimmen ließ, die ich bei meinen Besuchen staunend bewunderte. Doch leider entstand bei solcher Gelegenheit auch eine wilde Verfolgungsjagd zwischen uns. Niklos lief mir hinterher, während ich kreischend, so schnell ich konnte, davonzurennen versuchte. Erwischte er mich, hing er mich kopfüber über die Beckenöffnung und ließ mich hinunter, bis meine Haare das Wasser berührten. Niklos beim Regenwasserbecken über den Weg zu laufen wollte ich nicht riskieren und verwarf die Idee, die Fische mitzunehmen. So schnappte ich mir also den Eimer und setzte die Fischlein behutsam wieder ins flache Wasser. Während sie aufgeregt davon schwammen, schloss ich die Augen und sprach meinen Wunsch: „Ich möchte, dass dieses Glück niemals aufhört!“
Doch die Zeit verging im Nu, und die Sonne, die die ganze Zeit erbarmungslos auf uns geschienen hatte, bereitete sich darauf vor, flussabwärts zu versinken. Während wir den weiten Weg von der Baja Domnilor über staubige Feldwege ins Dorf zurück trotteten, grübelte ich, dass das mit dem Fisch und dem Wunsch nicht funktionieren konnte. Sowohl die empfundene Glückseligkeit als auch der Ausflug gingen zu Ende, es stellten sich Enttäuschung und Müdigkeit ein, mir brannte der Rücken, und der Kopf tat weh.
16.20 Uhr: Erneuter Anruf bei Hedi. Sie kann nicht sprechen, da sie beim Einkaufen ist, verspricht aber, mich zurückzurufen.
An die Schmerzen erinnere ich mich noch genau. Sie waren mal stechend, mal bohrend, so dass ich ganz kleinlaut ins Haus schlich und gar nicht auf die Fragen von Omi und Lissi-Tant, wie es denn an der Marosch gewesen sei, antworten konnte.
„Jeh, Kind, was hast denn nur, wie siehst denn aus …!“, meine Großmutter betrachtete mich sorgenvoll.
„Sie muss p'schrie worre sein ...“ hatte die Lissi-Tant bei meinem Anblick gleich die Erklärung parat. Der „böse Blick“, die Vorstellung, dass man durch den mal bewundernden, mal neidischen Blick anderer Menschen körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen bekam, war bei der abergläubischen Landbevölkerung, ob schwäbisch oder rumänisch, weit verbreitet und ist es bis heute. Lissi-Tante brachte kein Medikament, sondern erklärte kurzerhand, sie würde mir „prauche“ und dadurch den bösen Blick abwenden und mich heilen. Im abgedunkelten Zimmer setzte sich meine, wie immer mit einem schwäbischen Rock und dem üblichen dunklen Kopftuch bekleidete, Großtante neben den Diwan, auf dem ich mich ausgestreckt hatte, und begann einen Singsang irgendwo zwischen Wiegenlied, Gebet und Zauberspruch. Plötzlich waren wir nicht mehr in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, sondern glitten über dieses Ritual Jahrhunderte zurück in eine Zeit ohne medizinische Versorgung, in der die Frauen gezwungen waren, sich selbst zu helfen.
Damals war ich fasziniert von dieser Mischung aus ritueller und religiöser Handlung, in deren Genuss ich durch die schmale, dunkle, über mich gebeugte Gestalt meiner Großtante kam, und hoffte vertrauensvoll, dass der „Zauber“ wirken würde. An den genauen Wortlaut des Brauchspruches kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass es drei Strophen gab, in denen die Szenarien durchgespielt wurden, in denen ein Mann, ein Weib oder ein Kind der mutmaßlich „Beschreiende“ gewesen war. Da man nicht wusste, wer der Übeltäter oder die Übeltäterin war, wurde für jeden der Fälle um göttliche Hilfe gebeten, um den bösen Blick wieder abzuwenden.
Während mich der Singsang einlullte, wurde ich müde, fühlte, wie die Schmerzen nachließen, nahm mir fest vor, den Tag nie zu vergessen, und glitt ins Traumreich hinüber.
19.03 Uhr, das Handy klingelt, Hedi ruft zurück.
Ich schildere meiner Cousine mein Vorhaben, über unseren Ausflug an die Marosch zu schreiben. „Du weißt schon, damals, als wir die Omi überzeugt haben, mich mit euch zum Baden gehen zu lassen. Als wir den ganzen weiten Weg zum Fluss gelaufen, auf die Insel gewatet sind und dort Fische gefangen haben …“
Hedi stutzt …
„Ja, ich war oft mit Leandru an der Marosch, so oft, dass mich die Paulischer ‚Fata Mureşului‘, das Maroschmädchen nannten, aber haben wir dich mal mitgenommen …? Ich kann mich nicht erinnern …“
Dann erzählt mir Hedi von Leandrus selbstgebautem Boot, mit dem sie einmal von Lippa bis Paulisch entlang des Ufers geschippert waren, von ihren gemeinsamen Tagen am Fluss und von einer Gewitternacht mit zuckenden Blitzen auf der Insel.
Weil „mein“ Tag mit ihnen an der Marosch keine Besonderheit für sie darstellte, andere Reize, wie extreme Wetterverhältnisse oder das Kanufahren auf dem Fluss, auf sie stärker gewirkt hatten, hat sie sich „unseren“ Tag nicht gemerkt. Stattdessen erinnerte sie sich während unseres Gesprächs an ihre große Liebe zu Leandru, der schon lange nicht mehr am Leben war.
„Ich konnte mich meinem Vater nicht widersetzen …“, bekannte Hedi, als müsste sie sich immer noch erklären.
Um 19.34 Uhr endet unser Gespräch. Ich begebe mich ein letztes Mal gedanklich in das mit blauem Packpapier abgedunkelte Zimmer im Paulischer Haus, in dem das schlafende Kind auf dem Diwan liegt, die Locken wie dunkle Wellen auf dem Polster ausgebreitet. Am nächsten Morgen würde sie außer einem leicht ziehenden Sonnenbrand am Rücken keine Beschwerden mehr verspüren.
Dann tauche ich aus dem Fluss der Erinnerungen wieder auf, der mich über den Tag begleitet hat. Der Zugang zu dieser teils im Bewusstsein, teils unterbewusst verkapselten Zeit ermöglichte es mir, mich aus der Beschleunigung und Reizdichte meines durchgetakteten Alltags auszuklinken. Diese Flashbacks konfrontierten mich mit dem Verlust der Kindheit, der Geborgenheit in der Großfamilie, der vergangenen Zeit. Zeit brachte aber auch die Erkenntnis, dass es eine Zeitlichkeit jenseits der mechanisierten Zeitmessung gibt.
Durch das Gespräch mit Hedi wurde mir klar, dass es auch so etwas wie Kontinuität gibt: Beziehungen zu Menschen und Orten sind wie Linien über lange Zeit hinweg, die verbinden. Dass ich es geschafft habe, hinaus in die Welt zu gehen, und trotzdem wieder zurückkehren kann an die Orte meiner Kindheit, erfüllt mich gerade mit Zufriedenheit und Freude.
23.07 Uhr, vor dem Einschlafen kündigt der WhatsApp-Signalton eine Nachricht an:
„Liebe Astrid, du hast mich mit deiner Nachricht betreffend deines Vorhabens so aufgerüttelt. Ich habe so ein freudiges Gefühl. ‚Fata Muresului‘, so hat man mich gekannt und genannt. Es werden sich so manche daran erinnern. Meine Erinnerungen und Verbindungen zu der Marosch waren/sind noch immer tief im Herzen. Danke dir.“
Wir haben einen gemeinsamen Nenner, eine zeitlose Verbundenheit. Und so wird diese Geschichte auch Teil unseres gemeinsamen Erinnerns. Ich beende den heutigen Tag mit einer wohligen Müdigkeit, die nicht aus einer Überforderung hervorgeht, sondern durch die Anstrengung, mich an einen Tag erinnert zu haben, der wie in einer Parallelwelt anmutet. In diesen Erinnerungen liegt mehr als nur Nostalgie. Sie sind kein bloßes Zurück, sondern ein Gegenentwurf. Während die Gegenwart sich immer weiter verdichtet, beschleunigt und fragmentiert, öffnen diese inneren Bilder einen Raum, in dem Zeit nicht gemessen, sondern erlebt wird.
Wenn Freud recht hat und wir durch unsere Verluste geformt werden, dann sollten wir diese annehmen im Wissen, dass nichts bleibt, wie es ist, und das Leben voranschreitet. Die Welt draußen mag schneller geworden sein, lauter, unübersichtlicher. Doch es gibt Orte jenseits der Schlagzeilen und Signaltöne. Orte der Erinnerung, an denen die Zeit nicht drängt, sondern innehält. Und vielleicht sollten wir uns frei machen von dem Zwang, Schritt zu halten und uns diese Refugien bewahren, um manchmal dorthin zurückzufinden. Zu Bildern, Gefühlen, Gerüchen, Stimmen - zum Licht eines Sommertages an der Marosch.







Ganz vielen Dank, liebe AstridZiegler! Deine Symphonie der Erinnerungen hat auch bei mir alt, jedoch nie vergessene melancholische Gefuehle einer anderen Kindheit, gut abgschlossen in den geheimen Zimmern des Unterbewustseins, zum Asdruck gebracht. Wie Freud schon sagte: " Im Wesentlichen formen Verluste uns, indem sie unser Inneres dazu zwingen, sich neu zu organisieren, indem das Verlorene im Inneren bewahrt wird". In diesem Sinne darf ich Dir mit Verlaub, happy days, auch aus Australien wuenschen. To your success, it is always my utmost pleasure, and I'm sure that of many of your valued readers worldwide to remember and reminisce, on the sands of time, the experiences that formed us, the Danubian Swabians, so eloquently expressed in your works. LG, Peter fr…