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Die Siebenbürger Kaserne in Temeswar

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Ansichtskarte aus der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie mit Ki optimiert und koloriert
Ansichtskarte aus der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie mit Ki optimiert und koloriert

„Das unsichtbare Erbe: Verschwundene Baudenkmäler der Habsburgerzeit in Temeswar“


Zwischen den Fassaden der Gegenwart, im Schatten neu errichteter Häuser und unter dem Pflaster vielbegangener Straßen, liegen in Temeswar Relikte verlorener und fast vergessener Baudenkmäler aus der Zeit der Habsburgerherrschaft. Von manchem Bauwerk, das einst das Gesicht der Stadt prägte, sind heute nur noch Grundmauern geblieben oder eine Steinmetzarbeit aus Sandstein, eine Wandmalerei oder ein paar alte Fotografien. Ihre Silhouetten sind aus dem Stadtbild verschwunden, ihre Geschichte sollte jedoch nicht vergessen werden.

In den Spuren, die die verschwundenen Baudenkmäler im Stadtbild hinterlassen haben, verdichten sich politische Umbrüche, städtebauliche Visionen, kulturelle Blütezeiten und manchmal auch Verluste. Wenn solche Orte völlig aus dem Blick geraten, droht mehr verloren zu gehen als nur Stein und Mörtel: Es droht ein Stück des kollektiven Gedächtnisses zu verblassen. 

Gerade deshalb lohnt es sich, innezuhalten und genau hinzusehen – auch dort, wo scheinbar kaum mehr mehr etwas steht. Die Reste des Fundaments einer Kirche, ein Bruchstück eines einst riesigen Bauwerks oder die Geschichte eines längst verschwundenen Denkmals, dessen letzter Überreste inzwischen nur noch für den Kenner seiner Geschichte zu finden sind, kann man als noch sichtbaren Bezugspunkt nutzen um die Geschichte dieser wichtigen Bauwerke, die Teil der Temeswarer Stadtgeschichte, der Regionalgeschichte des Banats und nicht zuletzt der europäischen Geschichte sind, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. 

Dieser Vortrag lädt zu einem solchen Hinsehen ein und nimmt 5 einst wichtige Baudenkmäler, von denen heute nur noch Reste zu sehen sind, in den Blick. In einem virtuellen Rundgang durch Zeit und städtischen Raum werden im Rahmen einer bebilderten Präsentation das Denkmal der Treue, das Haus zum Prinz-Eugeni-Tor, die Kirche der Bosnischen Franziskaner, die St.Georgs Kirche und die Siebenbürger Kaserne vorgestellt. Ihren Spuren wird gefolgt über alte Pläne, Fotografien und überlieferte Quellen – so wird Unsichtbares wieder sichtbar gemacht und in die Historie Temeswars eingeordnet. Denn auch wenn diese Bauwerke aus der Habsburgerzeit verschwunden sind, gehört ihre Geschichte weiterhin zur Stadt. Und solange wir sie erzählen, bleiben sie Teil von Temeswars kollektiver Erinnerung.


Ein fast verschwundenes Monument der Militärarchitektur


Wie viele Besucher Temeswars haben wohl aus dem Hotel Continental auf eine zwischen Bäumen gelegene alt anmutende Halle im hinter dem Hotel gelegenen Parcul Civic geblickt, die irgendwie aus der Zeit gefallen wirkte. Inzwischen wissen wohl auch die wenigsten Einheimischen, was es mit diesem besonderen Gebäude auf sich hat, bei dem es sich um das letzte Überbleibsel eines bedeutenden Baudenkmals handelt. Es spielte lange Zeit eine wichtige Rolle für die Temeswarer Festung und die ganze Region, hatte im Lauf der Zeit seine Funktion verloren und musste schließlich aus dem Stadtbild weichen: die Siebenbürger Kaserne.


Die Geschichte der Stadt Timișoara/Temeswar ist eng mit ihrer Rolle als Festungs- und Garnisonsstadt verbunden. Im Habsburgerreich gab es viele Städte mit Festungen, aber nur eine Festung mit einer Stadt. Das bedeutet, dass die eigentliche Stadt, die sich auf dem Gebiet des heutigen historischen Zentrums befand, von einem massiven System aus Festungsmauern, Bastionen und Wassergräben umgeben war. Diese Struktur prägte die Geschichte und Entwicklung der Stadt maßgeblich.  Die Siebenbürger Kaserne war ein bedeutendes Zeugnis dieser militärischen Vergangenheit, ein Bauwerk, das einst zu den größten Kasernen Europas zählte und über mehr als zwei Jahrhunderte das Stadtbild prägte.


Malerische Rekonstruktion der Festung Temeswar von Franz Ferch, rechts im Bild die Siebembürger Kaserne
Malerische Rekonstruktion der Festung Temeswar von Franz Ferch, rechts im Bild die Siebembürger Kaserne

Entstehung nach der habsburgischen Eroberung


Die Siebenbürger Kaserne wurde schon zwischen 1719 und 1729 errichtet. Auftraggeber war der damalige Gouverneur des Banats, Graf Claudius Florimund von Mercy, der nach der habsburgischen Eroberung der Region eine umfassende Neuorganisation der Stadt und ihrer Verteidigungsanlagen einleitete.

Mit dem Ausbau der Festung Temeswar zu einem neunzackigen Stern mit Bastionen, Mauern, Wällen und einer Esplanade entstand eine moderne Garnisonsstadt, die Platz für viele Soldaten benötigte. Die neue Kaserne sollte den stationierten Truppen Unterkunft bieten und zugleich Teil des Verteidigungssystems der Festung sein. Das Gebäude erhielt seinen Namen nach dem Siebenbürger Tor, das sich am östlichen Ende der Anlage befand.


Neben den Mannschaftsräumen beherbergte der Komplex auch Lagerräume, Ställe und Wagenremisen
Neben den Mannschaftsräumen beherbergte der Komplex auch Lagerräume, Ställe und Wagenremisen

Ein außergewöhnliches Bauwerk


Die Siebenbürger Kaserne beeindruckte vor allem durch ihre Dimensionen. Mit einer Länge von 483 Metern war sie das größte Gebäude der Stadt und galt zeitweise sogar als eines der längsten Gebäude Europas.

Architektonisch folgte der Bau der Linie der alten Festungsanlagen. Die Anlage bildete einen unregelmäßigen Bogen, der sich von der Josephs-Bastion bis zur Hamilton-Bastion erstreckte. Der Grundriss wies mehrere Knicke auf, die auf die Anpassung an die bestehenden mittelalterlichen Befestigungsmauern zurückgingen.

Architektonisch war die Kaserne funktional und vergleichsweise schlicht gestaltet. Sie bestand überwiegend aus einem eingeschossigen Baukörper mit langen Fensterreihen und Entlastungsbögen im Erdgeschoss. In der Mitte erhob sich ein 20 Meter hoher Torturm, der auf einem quadratischen Sockel errichtet und im oberen Bereich achteckig ausgeführt war. Von seiner Spitze aus konnte man einen weiten Blick über die gesamte Festung Temeswar genießen.



Militärisches Leben hinter den Mauern


Die Anlage diente nicht nur als Unterkunft für Soldaten. In der Kaserne konnten bis zu zehn Kompanien untergebracht werden, neben den Mannschaftsräumen beherbergte der Komplex auch Lagerräume, Ställe und Wagenremisen. Ein Teil der Gewölberäume wurde zudem als Gefängnis für militärische und zivile Gefangene genutzt.

Durch ihre Lage und Bauweise erfüllte die Kaserne auch eine logistische Funktion im Verteidigungssystem der Stadt: Im Kasernenhof befand sich im 18. Jahrhundert noch der Hafen der Festung, an dem der Warentransport über den schiffbar gemachten Begakanal ankam.


Wandel der Namen und politischen Systeme


Mit den politischen Veränderungen in der Region wechselte auch der Name der Kaserne mehrfach. Während der österreichisch-ungarischen Zeit wurde sie Erdélyi kaszárnya oder Erdélyi laktanya genannt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Zugehörigkeit des Banats zu Rumänien erhielt sie schließlich die rumänische Bezeichnung Cazarma Transilvania.



Luftaufnahme von Temeswar ca. 1934, mittig unten die Siebenbürger Kaserne
Luftaufnahme von Temeswar ca. 1934, mittig unten die Siebenbürger Kaserne

Abriss in der kommunistischen Zeit


Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die alte Festungsanlage schon längst ihre Bedeutung verloren. Im Zuge der kommunistischen Stadtplanung wurde beschlossen, das riesige Gebäude abzureißen.

Die Entscheidung zur Demontage fiel 1948, doch die eigentlichen Arbeiten begannen erst einige Jahre später. Zwischen 1961 und 1965 wurde die Kaserne schließlich vollständig abgetragen. Wegen der massiven Mauern – die ursprünglich für militärische Belagerungen ausgelegt waren – gestaltete sich der Abriss schwierig. Dynamit durfte im Herzen der Stadt nicht verwendet werden, weshalb die Mauern Stück für Stück abgetragen werden mussten.

Die Ziegelsteine wurden sorgfältig gereinigt und für andere Bauprojekte wiederverwendet. Auf dem Gelände entstand später der Parcul Civic, der 1971 eröffnet wurde und heute zu den zentralen Grünanlagen der Stadt gehört.



Das ehemalige Reithaus der Offiziere
Das ehemalige Reithaus der Offiziere

Ein letzter Rest der Vergangenheit


Von der einst monumentalen Anlage ist heute nur noch der eingangs erwähnte kleine Teil erhalten. Das ehemalige Reithaus der Offiziere, später lange als Sporthalle genutzt, dient heute als zweite Bühne des Nationaltheaters von Temeswar/Timișoara.


Erweiterungsbau der zweiten Bühne des Nationaltheaters von Temeswar/Timișoara mit der Fassade des ehemaligen Reithauses - Aufnahme 2026
Erweiterungsbau der zweiten Bühne des Nationaltheaters von Temeswar/Timișoara mit der Fassade des ehemaligen Reithauses - Aufnahme 2026

Erinnerung an ein verlorenes Bauwerk


Der Abriss der Siebenbürger Kaserne bedeutete für Temeswar den Verlust eines bedeutenden historischen Bauwerks. Über mehr als zweihundert Jahre hatte die Anlage die militärische und städtebauliche Entwicklung der Stadt geprägt. Heute existiert sie nur noch in historischen Fotografien, Plänen und Erinnerungen – als Zeugnis einer Zeit, in der Temeswar eine der wichtigsten Garnisonsstädte des Habsburgerreiches war und militärische Architektur das Gesicht der Stadt bestimmte. 


Doch wer weiß, vielleicht werden diese Überreste, die unter anderem für die militärische Geschichte Temeswars stehen, in Verbindung mit der modernen Architektur zu einem wegweisenden Symbol für die Zukunft der Stadt an der Bega. Wie man der Presse und den sozialen Medien entnehmen kann, will Bürgermeister Dominic Fritz den Ausbau Timișoaras zu einem wichtigen Zentrum für die Verteidigungsindustrie und “Dual-Use-Technologien” unterstützen. Die Stadt führt bereits Gespräche mit zahlreichen lokalen Unternehmen zur Entwicklung neuer Produkte und Technologien. So könnte Temeswar an seine Rolle als Bollwerk anknüpfen und erneut zu einem wichtigen Zentrum für die europäische Verteidigung werden. 

1 Kommentar


peter.m93@outlook.com
vor 3 Tagen

Ganz vielen Dank, liebe Astrid Ziegler fuer die schoene Beschreibung der Siebenbuerher Kaserne in Temeswar sowie den damit aeusserst wichtigen Ereignissen damaliger Zeiten die das Schicksal nicht nur Temeswars, sondern des sich daraus wieder neu erwachten Judaeisch Christlichen Abendlandes unter der wackeren Regie des Habsburger Reiches entwickelten - auch die erfolgreiche marschallierung der Zuege der Einwanderungen unserer Banater Schwaben in das von den Osmanen teils verwuesteten Gegenden.... es sieht aber leider so aus, als die Bukarester Regierung damaliger Zeiten vieles nicht Walachisch klingende in die Tiefen der Zeiten verbannen wollten.... die Zukunft jedoch gibt zu hoffen, zumal: "Doch wer weiß, vielleicht werden diese Überreste, die unter anderem für die militärische Geschichte Temeswars stehen, in Verbindung mit der modernen Architektur…

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