top of page

Schreiben gegen das Vergessen

Obwohl als Bürgerliche und Intellektuelle in Existenznot gebracht, schafften es meine Urgroßeltern, wichtige Zeitzeugnisse zu hinterlassen: Ing. Johann Pierre fotografierte die menschenunwürdigen Zustände, Elsa Pierre schrieb gegen das Unrecht an. Das Foto wurde von Hans Rothgerber mittels KI optimiert und koloriert
Obwohl als Bürgerliche und Intellektuelle in Existenznot gebracht, schafften es meine Urgroßeltern, wichtige Zeitzeugnisse zu hinterlassen: Ing. Johann Pierre fotografierte die menschenunwürdigen Zustände, Elsa Pierre schrieb gegen das Unrecht an. Das Foto wurde von Hans Rothgerber mittels KI optimiert und koloriert

Astrid Ziegler zu den Aufzeichnungen Ihrer Urgroßmutter Elsa Pierre aus der Deportation in den Baragan


Vor fünfundsiebzig Jahren begann für meine Familie väterlicherseits ein  Kapitel, das einen schmerzhaften Verlust beinhaltet, aber auch von Durchhaltevermögen und Resilienz zeugt. Im Juni 1951 wurden meine Urgroßeltern Elsa und Johann Pierre aus dem Banater Dorf Billed in die Bărăgan-Steppe deportiert. Meine Urgroßmutter war damals kaum älter als ich heute. Mein Urgroßvater starb dort ein Jahr später – wohl an den Folgen verschmutzten Trinkwassers und einer nicht existenten medizinischen Versorgung. 


Die Deportationen in den Bărăgan waren Teil der stalinistischen Repressionspolitik des kommunistischen Regimes in Rumänien. Nach dem Bruch zwischen Stalin und Tito im Jahr 1948 galt das Grenzgebiet zu Jugoslawien als sicherheitspolitisch verdächtig. Zugleich bot die Deportation die Gelegenheit, rund 40.000 als „unzuverlässig“ eingestufte Menschen – darunter viele Angehörige der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten der Zwischenkriegszeit, wohlhabende Bauern, Unternehmer, Kaufleute und Intellektuelle – aus ihrer Heimat zu entfernen. Mit ihrer Verschleppung gingen Enteignung und der Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz einher. Die Bărăgan-Deportation war damit nicht nur ein Akt politischer Verfolgung, sondern zugleich ein Instrument zur Zerschlagung gewachsener sozialer Strukturen zur Aneignung von Eigentum durch den Staat. 

Dass Ing. Johann Pierre trotz des Fotografierverbots eine Kamera benutzte, war unter diesen Umständen ein Akt des Widerstands. Wer fotografiert, kann sich gegen das  Vergessen wehren. Wer dokumentiert, nimmt einem Unrechtsregime die Deutungshoheit über seine eigene Geschichte.


Elsa Pierre fotografiert von ihrem Mann Ing. Johann Pierre. In die Steppe geworfen mussten die Menschen wochenlang ohne Dach über dem Kopf mit dem Wenigen auskommen, das sie in den Viehwaggons mitnehmen durften.
Elsa Pierre fotografiert von ihrem Mann Ing. Johann Pierre. In die Steppe geworfen mussten die Menschen wochenlang ohne Dach über dem Kopf mit dem Wenigen auskommen, das sie in den Viehwaggons mitnehmen durften.

Die Bilder zeigen  Menschen, die unter widrigsten Bedingungen lebten: wochenlang hausten sie, aus Viehwaggons in die Steppe geworfen, in notdürftig errichteten Hütten bis sie unter größten Anstrengungen primitive Häuser errichten durften. Familien versorgten sich so gut es ging. Nach dem Tod ihres Mannes war meine Urgroßmutter mittellos und ohne Erwerbsmöglichkeit. Um nicht zu verhungern, hatte sie die Idee, in ihrem Dorf Frumușița Nouă die Post auszutragen. Noch vor Ort schrieb sie ihre Erfahrungen nieder, darunter einen handschriftlichen Bericht über ihre Erfahrungen mit der Post. 

Auf den ersten Blick liest sich der Text erstaunlich nüchtern, wenn man bedenkt, dass sie vor Ort um das Überleben kämpfte. Es gibt keine pathetischen Anklagen, keine dramatischen Ausschmückungen. Gerade diese Sachlichkeit verleiht ihrem Text die besondere Kraft.

Denn zwischen den Zeilen wird deutlich, worum es tatsächlich ging: Briefe und Postsendungen waren keine bloßen Nachrichten. Sie waren Hoffnung, Verbindung zur Heimat, manchmal die einzige Möglichkeit, Lebensmittel oder finanzielle Hilfe zu erhalten. Wer Post unterschlug, Sendungen stahl oder sich durch Korruption bereicherte, nahm den Deportierten weit mehr den Inhalt der Pakete. Er beraubte sie eines Stücks Hoffnung und Menschlichkeit und demütigte zusätzlich zur Entrechtung, die sie durch die kommunistische Diktatur ertragen mussten. 


Der Essay meiner Urgroßmutter ist ein seltenes  Zeitzeugendokument. Seine Anklage richtet sich nicht nur gegen einzelne korrupte Postbeamte, sondern gegen ein System, Mitgefühl und Solidarität gab es nicht, der Machtmissbrauch durchdrang alle Bereiche. Die Nüchternheit des Textes macht seine Aussage umso eindringlicher. Er überlässt das Urteil den Lesenden.

Beeindruckend ist dabei die Resilienz der Verfasserin. Resilienz bedeutet nicht, Leid unbeschadet zu überstehen. Sie bedeutet vielmehr, trotz Verlust, Trauer und Unrecht handlungsfähig zu bleiben. Elsa Pierre trug Briefe aus, obwohl sie selbst allen Grund gehabt hätte, an der Gerechtigkeit zu verzweifeln. Sie erfüllte eine Aufgabe, die anderen Hoffnung brachte. 

Ebenso bemerkenswert ist ihr Entschluss und ihr Vermögen, Erfahrungen niederzuschreiben. Zeitzeugen schreiben selten für den Augenblick. Sie schreiben gegen das Vergessen. Ihr Manuskript ist kein literarisches Werk im klassischen Sinn, sondern ein Vermächtnis. Es erinnert nachfolgende Generationen daran, dass Geschichte nicht nur aus politischen Entscheidungen besteht, sondern aus den Schicksalen einzelner Menschen, deren Stimmen zum Verstummen gebracht wurden.


Heute, 75 Jahre nach Beginn der Deportationen in den Bărăgan, gewinnen solche persönlichen Zeugnisse eine neue Bedeutung. Mit jedem verstorbenen Zeitzeugen verschwindet ein unmittelbarer Blick auf diese Vergangenheit. Umso größer wird die Verantwortung der Nachkommen, Erinnerungen zu bewahren, Dokumente zu sichern und Geschichten weiterzuerzählen.


Die Fotografien meines Urgroßvaters und der Essay meiner Urgroßmutter ergänzen sich dabei auf eindrucksvolle Weise. Die Bilder zeigen das äußere Elend der Deportation. Der Text offenbart ihre innere Wirklichkeit. Gemeinsam erzählen sie nicht nur von Unterdrückung und Verlust, sondern auch von Mut, Verantwortungsbewusstsein und der Entschlossenheit, die Wahrheit für kommende Generationen festzuhalten.

Vielleicht ist genau das die stärkste Antwort auf jedes Unrechtsregime: dass Menschen, denen man Heimat, Besitz und Freiheit genommen hat, dennoch ihre Erinnerung bewahren – und sie schließlich ihren Enkeln und Urenkeln anvertrauen. Solange diese Erinnerungen gelesen und weitererzählt werden, ist die Deportation nicht nur Geschichte. Sie bleibt Mahnung.


Im Folgenden übergebe ich das Wort an meine Urgroßmutter Elsa Pierre, die ich in der Kindheit “Omalein” nannte und die ich bis ins Alter von 11 Jahren noch erleben durfte. Sie starb in Billed 88-jährig im Jahr 1981. Die Ceauşescu-Diktatur verwehrte uns nach der Aussiedlung die Teilnahme an ihrem Begräbnis, - ein letzter Akt der Willkür und Schikane des Regimes, dem wir entkommen waren. 



 Elsa Pierre im Garten ihres Billeder Elternhauses im Alter von 20 Jahren. Das Foto wurde mittels KI optimiert und koloriert
Elsa Pierre im Garten ihres Billeder Elternhauses im Alter von 20 Jahren. Das Foto wurde mittels KI optimiert und koloriert

Immer mit der Post eng verbunden


Die Post spielt in dem Menschenleben meistens eine große Rolle; wie oft erfreut sie uns mit angenehmen guten Nachrichten, mit Geschenken oder Geldsendungen, aber -leider auch die traurigsten Ereignisse hat sie öfter zu vermitteln.

(…)

Auch der zweite Weltkrieg hatte seine Nachwehen, die wir zu spüren bekamen. Unerwartet wurde unser friedliches glückliches Familienheim in einer Stunde für immer zerstört, vernichtet; – wir aufgerafft, einwaggoniert und am Ende der Welt unter freiem Himmel geworfen. Was war das für Entsetzen, als unsere Tochter zu Hause die erste Karte von uns erhielt, aus deren Poststempel sie bereits beschrieb, in welcher Gegend wir sind: und zwar hinter Galatz, neben dem Gebirgsdorf Frumușița.


Das erste Paket aus Billed wurde von Elsa Pierre, Bildmitte, vom Postwagen in Empfang genommen. Foto: Ing. Johann Pierre
Das erste Paket aus Billed wurde von Elsa Pierre, Bildmitte, vom Postwagen in Empfang genommen. Foto: Ing. Johann Pierre

Und was war das für Aufregung, ein Zusammenlauf, als wir auf diese Adresse die erste Karte aus der Banater Heimat erhielten, und nach einer Woche – wie  ein Wunder – ich ein Paket vom Postwagen herunter hob, dabei mein Mann mich in Freude sogar abfotografierte. 


Schon nach einem Jahr starb er leider hier im Lager, diese schreckliche Nachricht mit der Post heimsenden war unendlich schwer  und schmerzlich. — Ich blieb ganz verlassen, alleinstehend zurück in der weiten Welt! von was leben, wie sollte ich mich da aufrecht  erhalten? Da kam mir der Gedanke, ich gehe – nur in meinen ein-zwei Gassen als freiwillige Briefträgerin. Das heißt, ich sammle in der Früh, bei den Nachbarn so wie ich vorbei komme die Post ein – gehe täglich zur Stelle wo der Factor ankommt – werfe ein — übernehme Briefpost, Zeitungen, Geldsendungen, Pakete der Landsleute, die schwer in der Arbeit stehen und für all’ dies keine Zeit haben. Mit freundlichem Erzählen trage ich die Postsendungen gewissenhaft in die Häuser aus. 


Die Leute haben es sehr gerne gesehen, sich sogar gefreut darüber. Von weitem riefen sie schon entgegen: „Gibt es etwas?“ Es wäre erwünscht, sie möchten es, ich soll auch einkehren, einsagen, wenn sie keine Post haben. Denn das Erzählen ist doch auch wichtig, nach Volksmund -vom Rasierer und vom Briefträger erwartet man doch immer die Tagesneuigkeiten. Dabei sind sie gar nicht anspruchsvoll: „Sag' uns nur etwas Erfreuliches, wenn's auch nicht wahr ist!“ Mit einem Wort, sie haben mich lieb gewonnen, und mit guten Herzen gaben sie mir ein Schnitt Brot, Kuchen, Eier, einen halben Liter Milch oder Gemüse, das mir alles gut kam und ich von einem Tag zum anderen leben konnte. Selbstverständlich an Festtage, Weihnachten, Ostern, Kirchweih, da gab es feine Mehlspeise und beim Schweineschlachten, da ging es nicht ohne eine Kostprobe. 


Nahe 3 Jahre war ich schon so mit der Post eng verbunden als Briefträgerin: ging tagtäglich, Sommer wie Winter – in der größten Hitze – im Wind und Schneesturm durch die Gassen, die Leute zu bedienen, sie zufrieden zu stellen. Die Post allein verbindet uns doch mit der Heimat. Ohne Post und Postdienst wäre mein Leben hier öde und leer. Da beschloss aufmal der “Sfat” einen Briefträger anzustellen, der auf’s Monat 1–2 Lei vom Staat bekommt. In meiner Lage geschah dabei ganz überraschend keine Veränderung, denn ohne ein Wort hat der Selbe mir meine Gassenpost und 15–20 Zeitungen überlassen. „Ich trage aus – spare damit ihm die Schritte und zahle dafür ihm 2 Lei auf's Monat; das ist so viel wie leben u. leben lassen. Noch interessanter ist es, dass auch die Leute ihm 1 Lei zahlen, aber doch lieber sehen ich komme mit der Post – denn er möchte sie nur jeden zweiten, dritten Tag austragen, oder am Brunnen austeilen – was so viel bedeutet, dass ein jeder sie schon gelesen hat, und alle Neuigkeiten weiss, bis sie zum Karteneigentümer in die Hände kommt. 

(…)


Die noch im Baragan niedergeschriebenen Originalaufzeichnungen von Elsa Pierre
Die noch im Baragan niedergeschriebenen Originalaufzeichnungen von Elsa Pierre

So, als Briefträgerin eng verbunden mit der Post, kann ich manche Erfahrungen und Beobachtungen niederschreiben, in Brief, Geld- und Paketverkehr. Wir sind hier 700 Familien, es ist ein großer Postumsatz: in den 4 Jahren sind von mir selbst und von vielen anderen hunderte und hunderte Briefe in die Banater Heimat gegangen, gekommen und sagen wir nur wenige davon sind in Verlust geraten. Ich begegne zwar eben einer meiner Notizen, da heißt es: 1951–9-ten August, noch im Elend, im Freien, im Rohrgebiet. Bei so viel Leid vergeht einem alle Ambition und Lust Tagebuche zu schreiben. Nur mit der Post Freude und die klappt nicht!” 


Ja, Ärger gibt es ja überall! – Der Factor sagt öfter, das Altdorf oben kriegt in einem Jahr nicht so viel Briefpost als wir im Neudorf in einem Tag, oft bis 200 Stück. Wie zerstreut die Leute im Leben sind, das zeigt sich bei der Briefpost; köstlich kann man sich darüber unterhalten. Da gibt's unmögliche Schriften und Adresse-Einteilungen; Strasse, Rayon, Region, alles schreiben sie einigemal , nur den Namen des Adressierten nicht. Oft fehlt die Marke, ein anderes mal ist es nur das leere Kuvert, der Brief wurde vergessen hinein zu geben. – Als Expediteur auf einen recommandierten Brief schreinen sie nur den Taufnamen Doina – Ilse. Ich sah auf einer vorgedruckten Karte Raion/Region, ausgefüllt Raion: Timi– Region:şoara scheinbar ist das alles aus Bequemlichkeit – aber wie sie sich das nur vorstellen!? 


Aber wirkliche Komplikationen gibt es bei den Geldsendungen. In einer Zeit haben viele Familien nach Gross-Jecsa Geld gesendet, aber auffallend alle von den Angehörigen die Antwort kriegt – nicht erhalten. Was steckt dahinter? Auf einmal wurde veröffentlicht: Die Postangestellte in Gr. Jecsa hat 1700 Lei unterschlagen, wurde verhaftet, auf 4 Jahre verurteilt! – Ein anderer Fall. Eine Familie schickte in ihr Heimatdorf 300 Lei. In 2 Tagen sagte der Factor: „Da hast dein Geld zurück, es geht nicht!“ „Aber nein, wir haben es doch schon so geschrieben und versprochen!“ Es nützte sie aber alle[s] Reden nichts, sie mussten es zurücknehmen und in geringer Zeit ist es ihnen auch gelungen, es auszugeben. Nach kurz 2 Wochen bekommt eine Karte von den Angehörigen: „Das Geld richtig und restlos erhalten!“ Was soll das jetzt bedeuten? Schon den nächsten Tag erschien der Factor mit dem Wunsch: „Gib mir das Geld wieder zurück!“ „Sicher – aber wir haben es nicht mehr!“ Ich werde einen Arbeitslohn beschlagnahmen lassen!“ Ist gar nicht notwendig, den Moment, das wir unseren Lohn erhalten, bringen wir das Geld!” So war es auch, ich war dabei!


Ein andermal übernahm ein 14-jähriges Mädchen Geld für die Familie – er gab ihm 100 Lei – ich sah aber dort die Ziffer 150. Das Mädchen meinte aber das war vielleicht ein Nummero des Scheines. Die Eltern schrieben heim, von dort kam die Antwort, sie sendeten 150 Lei. Als sie dem Factor das vorzeigten, meinte er: „Ihr seid auch nie zufrieden! Und warf ihnen die 50 Lei hin.“


Einigemal kam eine Bekannte zur Post fragen, ob ihr Geld, das sie schon Wochen hindurch wartet – noch nicht angekommen ist? 

Nein, es steht ihnen keine Geld zur Verfügung. Wiederholt kam sie nach einer Woche mit der Bemerkung, ihre Verwandten haben in der Heimat das Geld reklamiert. „Schreibe ihnen ab“, sagte der Factor, „wozu das? Morgen bringe ich dein Geld und du unterschreibst, dass du es schon vor drei Wochen erhalten hast!“ Ganz ähnlich dem eine Paketgeschichte. Da gibt es noch mehr Klagen. In der Weihnacht und Osterzeit, da kommt er mit 52–64 Kistchen, Mehlsäckchen, mit dem Wagen angefahren – da gibt's dann schon öfter Reklamationen. Eine ganz alleinstehende junge Frau schickte ihrem Mann, der eingedrückt ist, und mit grosser Sehnsucht auf etwas warten, ein mit grosser Sorge schön zusammengerichtetes Paket. Der Soldat schrieb aber nach 2 Wochen, er hat nichts erhalten. Sie ging eilig hinauf ins Dorf zur Post, um zu reklamieren; vor dem Eingang traf sie aber den Factor, der sich nach ihrem Tun erkundigte. Als er ihr Vorhaben erfuhr, sagte er zu ihr: „Lass, das, komme mit meinem Wagen hinunter ins Neudorf, ich kann dir sagen, das Paket ist von hier gar nicht abgegangen, wir setzen uns zusammen zu einer Besprechung – und wir werden den Schinken und Speck ersetzen. “Wir” das bedeutete der Factor und der neue Briefträger. Sie war empört, denn was nützt das Ersetzen und ihr Mann hat unterdessen Hunger gelitten, aber sie musste es eingehen. – Auch ich hatte eine Art Liebesgabe-Sendung von Timișoara, 2 kg, mit Mehlspeise, wie sie mir schrieben. Es kam aber nicht an, da sagte ich dem Factor: „Wie kommt das doch?“ Gut, die Mehlspeise haben sie gegessen, aber die Postanweisung, haben sie nie gesehen? – 

Viele unserer Leute schickten am Anfang von hier Kistchen mit Marmelade heim – wie gross war aber die Überraschung, als die Sendung dort mit ein-zwei grossen Steinen ankam. 


Auch vieles wurde heim geschickt, das man hier unter dem freien Himmel in Staub und Regen nicht aufbewahren konnte. Eine Bekannte schickte gut eingenäht 2 Seidensteppdecken heim, als man dort öffnete – waren alte Teppiche und eine zerrissene Arbeitshose darin. – Ich selbst schickte Damast-Tischwäsche heim, es war davon entwendet, das Gewicht wurde mit einem nie gesehenen Tuchetüberzug mit Blechknöpfen ersetzt. – Und umgekehrt, die Angehörigen schickten hierher nach Brateş Sachen. Man sagte auf einer Karte ein Paket ein: „Wir schicken euch nur vom Schlachten!“ Als es ankam, war die Kiste voll gepresst mit Kartoffelschalen! – Aber selbst bei den Bahnsendungen, 50 kg zugenähte Weißmehlsäcken, fehlten immer 6–8 kg Mehl und auch der Schwartelmagen und Leberwurst, was im Mitte Mehl verpackt war. – Aus einer Banater Gemeinde schickte man im Dezember einer Familie per Post 10 kg Weißmehl – es ist und ist nicht angekommen, da haben die Angehörigen dort 1 mal, 2 mal reklamiert – hier die Post meldete sich nicht. So haben sie im Monat März das dritte Mal reklamiert. Da kam der Factor gar mit einem abgerissenen, schlecht gezwungfn unterschriebenen Frachtbrief, damals im Dezember, hätte ein Freund das unterschrieben und für die Familie ausgelöst. Die Adressierte sagte aber aus, sie hatte weder Paket noch Postanweisung je gesehen, so konnte sie es auch niemand geben für auslösen. Das Recepies kam doch nur beim Factor sein – wie kommt das in eine fremde Hand? Er meinte, schade viel reden, sie soll unterschreiben, dass sie das Paket vor 3 Monate erhalten hat; sie tut es nicht. Da sagte er: „Schluss mit viel diskutieren, da unterschreibe ich ersetze es dir mit 50 Lei“ – und verständige die, sie sollen nachlassen mit reklamieren. Nun, den Frieden unterschrieb sie – er steckte die Quittung ein – sie hat kein Geld erhalten -


Da schon zu viele Reklamationen einliefen, beschloss das Postamt nur eingenähte oder mit Spagat umbundene und abgesiegelte Pakete anzunehmen. Ein Vetter  übernahm seine Kiste vom Postwagen abgesiegelt – beim Öffnen doch die große Enttäuschung – die geselchte Wurst fehlte, die Schnapsflasche war mit Wasser gefüllt!! Wer hat das so gut gerochen? – Nach dem allem kamen die katholischen Ostern 1955 – da war der Schwindel und Rummel ganz groß und auffallend. Von 20–30 Paketen war die Hälfte ausgeraubt; in den 10 kg Säckchen statt Weißmehl, Kukuruzschrot, Kleie oder Salz darin. Einer trennte am Wagen das Säckchen auf- und sagte ganz verärgert dem Factor: „Schau statt Weißmehl ist da Schwarzmehl mit Schrot gemischt darin!“ „Na, damit kann man doch auch Brot backen!“ war die Antwort. 


Gar manche waren durch den Verlust tief gekränkt. Als die Leute geöffnet und gesehen haben, dass sie auch zum Opfer gefallen sind, haben sie bitter geweint. In einem 12 kg Paket – in dem man nach Verständigung 2 kg Zucker, 2 kg Reis, Grieß, 3–4 kg rote Paprika, Hausseife erwartet hat – war nur 12 kg Kukuruz-Schrot darin. Ich war dabei, als manche geöffnet haben – kein Wunder, wenn da nach dem Schreck die Tränen kamen. – Wer kann so gewissenlos sein, so unglückliche ärmste Menschen noch zu berauben?! Niemand konnte noch darauf kommen – dort – am Weg – hier – oder wo das geschieht!! Das ist eine unendliche lange Kette, da könnte man noch viel erzählen und schreiben darüber, dass einem Papier und Zeit ausgeht. – Aber der Factor sagte die treffenden Schlussworte – dazu wir uns fügen müssen. – Eine Familie bekam eine schön vorschriftsmäßig verpackte 10 kg Kiste; ein längliches Platz war darin leer – nach dem Inventar fehlte ein paar neue Stiefel. Die Frau kam ganz energisch zum Sfat von dort, sie geht den Fall sofort dem Securitate Locotenent, melden. Der Factor lachte und rief ihr laut zu: ‚Strenge dich doch nicht an – und bilde dir ja nicht ein, dass du das Stehlen in der Moldova abbringen wirst!!‘“



Mit meiner Urgroßmutter Elsa Pierre, die ich in der Kindheit “Omalein” nannte im Jahr 1969. Das Foto wurde mittels KI optimiert und koloriert
Mit meiner Urgroßmutter Elsa Pierre, die ich in der Kindheit “Omalein” nannte im Jahr 1969. Das Foto wurde mittels KI optimiert und koloriert

Kommentare


bottom of page