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Mit Gießkann’ und Google

Gießkann’ und Google
Gießkann’ und Google

Was für einen Boden benötigen Kürbisse? Wie weit voneinander entfernt muss man die Kerne pflanzen? Welche Tomatensorten müssen nicht ausgegeizt werden? Nach wie langer Zeit müssten die Kartoffeln aufgegangen sein?


Im Garten hat man als Großstädterin viele Fragen, und wenn keine Bäuerin mehr da ist, um diese zu beantworten, fragt man das Internet.


Was würden die Frauen, die hier vor mir pflanzten und hackten, wohl sagen, wenn sie ihre Nachfahrin so sähen? Lissi-Tante, die Schwester meiner Großmutter, amüsierte sich köstlich, als ich sie einmal etwas auf Schwowisch fragte. Ich sehe gerade im Geiste ihr breites, strahlendes Lachen: „Kind, du bischt doch a Herrischi, was willscht dann du im Goorta?“



Das Tor zum Paradies
Das Tor zum Paradies

Wenn ich nach einer Autofahrt von fast 1000 Kilometern endlich in Paulisch am Ziel bin, muss ich als letzte Handlung durch dieses Tor in den Hof fahren. Durch die Erschöpfung der Fahrt und die Traurigkeit angesichts der Leere, die mich erwartet, stelle ich mir beim Öffnen der Pforte vor, dass sie alle noch da sind, die Paulischer Verwandten, und auf uns warten, so wie damals, als wir mit dem Wartburg meines Großvaters aus Temeswar in die Sommerfrische kamen.


Damals war das Tor aus Maschendrahtzaun, man konnte hindurchsehen und erblickte schon während des Öffnens, das meine Aufgabe war, das pulsierende Leben im Hof. Geflügel, Hund und Katz wuselten innen herum, und durch den Lärm verständigt kamen meine Großmutter, die vorausgefahren war, und ihre Schwester uns entgegen und begrüßten uns. Sie empfingen uns wie nach einer Weltreise, obwohl die Fahrt von Temeswar damals mit dem wackeren Wartburg nur gut zwei Stunden gedauert hatte, ein Klacks im Vergleich zur Anreise aus München, die einen ganzen Tag kostet. 


Als Kind rannte ich sofort los und begann Hof, Schuppen, Stall und Keller zu erkunden. Dann setzten wir uns zu Tisch, es gab Hendlsupp mit hausgemachten Strumpfbandl, gekochten Kukruz, Plomaknedl oder Äppl im Schlafrock  Nach und nach traf sich die ganze Verwandtschaft, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, die erzählten, scherzten und lachten. Die Pforte zu den lang ersehnten Ferien auf dem Land hatte sich geöffnet, das Tor in den Himmel der Kindheit.


An all das erinnere ich mich, wenn ich in der Jetztzeit hindurchfahre, und ich stelle mir vor, dass die Geister meiner Ahnen, im Schatten der Einfahrt auf mich warten und mich willkommen heißen.



Die namenlose Rose
Die namenlose Rose

In Deutschland haben die Rosen im Vorgarten wohlklingende Namen. Sie werden im Gartencenter käuflich erworben und heißen Leonardo oder Victoria Auguste.


Diese üppige, tiefrosafarbene Schönheit, die das Türchen zum Gang flankiert, wurde mir vor einigen Jahren geschenkt. Meine Nachbarin Seta, die ein sehr gutes Händchen für Blumen hat, pflanzte mir ein paar Rosen-Setzlinge rechts und links des Eingangs, die tiefe Wurzeln schlugen und sich um den Treppenaufgang rankten.


Als das Haus nach dem Erdbeben vor drei Jahren neu gestrichen wurde, mussten diese Torhüterinnen leider zurückgeschnitten werden. Nun hat sich zumindest eine der beiden erholt.



Rose und Linde
Rose und Linde

An den Pflanzen merkt man, wie viel Zeit vergangen ist, seit ich die Verantwortung für diesen Hof übernommen habe. Der Rosenbusch ist wie fast alle meine Rosen ein Geschenk der Nachbarinnen. Dieses leuchtend rote Exemplar verdanke ich der Doamna Gligor, meiner ersten und ältesten Vertrauten nach meiner Rückkehr vor fast 25 Jahren. Sie hat eine sehr sorgfältige Technik, um Rosen zu vermehren: Stecklinge werden aus kräftigen Trieben geschnitten, in den Boden gesteckt, und eine halbierte Plastikflasche wird zum Schutz darüber gestülpt. Im Lauf der Jahre wuchs ein riesiger, unverwüstlicher Strauch, der mit einem Minimum an Pflege zufrieden ist.


Genauso die Linde im Hintergrund: Sie war eine dünne Rute, als ich sie in Arad auf dem Markt kaufte. Noch vor der ersten Renovierung vor 25 Jahren begann ich, einige Bäume zu pflanzen, wissend, dass sie viel Zeit zum Wachsen benötigen würden. Die Linde überstand Stürme und Dürre, heute bietet sie uns Schutz vor der Sommerhitze und verströmt zu dieser Jahreszeit den beruhigenden Duft ihrer Blüten.



Die Insektenweide
Die Insektenweide

Hinter der zweiten Einfahrt, die wir aus alter Gewohnheit selten nutzen, befindet sich zwischen der namenlosen Rose und dem Brunnen ein ungemähtes Stück Wiese, das als Insektenweide stehen gelassen wurde. Die Blüten der Wiesenblumen beginnen sich zu öffnen und bieten Bienen, Käfern und Schmetterlingen Nahrung. Um die lila-, blau- und gelb blühenden Wildblumen zu identifizieren, nutze ich die App Flora incognita. 


Die Nachbarn, die den Hof während unserer Abwesenheit pflegen und die ich bat, dieses Stück Wildwuchs stehen zu lassen, sind über die Wiese zugleich amüsiert und besorgt. Es gilt als unordentlich, nicht gründlich zu mähen; im hohen Gras könnte sich eine „Şerpărai“ bilden. Ein Wort, das mich wiederum amüsiert. Şarpe ist das rumänische Wort für Schlange, Şerpărai bezeichnet ein ungepflegtes Stück Land, auf dem Schlangen Schlupfwinkel finden können. Die Angst vor diesen faszinierenden Reptilien ist hier groß, und bedauerlicherweise werden sie nicht selten mit der Hacke erschlagen.


Nicht so bei mir. Da es sich fast immer um harmlose Exemplare handelt – sollte sich mir eines zeigen, würde ich wieder einmal googeln! –, sind sie in meiner Insektenweide äußerst willkommen!



 Noblesse oblige
 Noblesse oblige

Als Kollateralschaden eines einst missglückten Streichens der Türen des großen Zimmers wurde über die mit Patina überzogenen alten Schlösser einfach weiße Farbe geschmiert. Die edlen, hohen Türen wirkten wie zugekleistert, die Schlösser, die ihnen zur Zierde gereichen sollten, wurden zur Unscheinbarkeit degradiert. Das war uns lange ein Dorn im Auge, doch es fand sich jahrelang niemand, der das Ganze fachgerecht hätte richten können.


Doch heuer nahm sich unser Nachbar Seppi, Spezialist für Holzarbeiten und geduldiger Bastler, der verunstalteten Türen an. Er schliff die alte Farbe ab, lackierte neu und legte vor allem endlich diese Schmuckstücke wieder frei. Dieses Türschloss, das die Epochen überdauert hat und noch aus der Zeit stammt, als das Gebäude ein Adelshaus war, erstrahlt endlich in neuem alten Glanz.



Eine eiserne Schönheit
Eine eiserne Schönheit

Die Küchentür wurde auch restauriert und weist nun ein Zeugnis alter Schlosserkunst auf, das obendrein wieder funktionsfähig ist. Jahrelang war diese Klinke abgegangen, sodass die Tür zur Küche nicht richtig geschlossen werden konnte. Ich gab die Hoffnung nie auf, dass auch diese Türe wieder gerichtet werden konnte. Seppi, der „Maistor“, der es schließlich vollbrachte, vereint in seiner Arbeit deutsche Gründlichkeit und rumänische Improvisationskunst, und siehe da, es wurde wieder eine in ihrer eisernen Schlichtheit bestechend schöne Tür daraus, die obendrein mit Fingerspitzengefühl funktionsfähig ist.



Nach dem Abstieg
Nach dem Abstieg

Diese Treppe – wie oft bin ich sie wohl schon hinuntergestiegen. Auch heute nehme ich eilig zwei Stufen gleichzeitig, denn es muss schnell gehen. Die Hunde, die den Garten bevölkern, warten schon sehnsüchtig auf ihr Fressen, was sie durch erwartungsvolles Bellen kund tun, sobald ich die Haustür öffne. Ich will sie nicht warten lassen.


Als Kind hatte ich links vor dem Erker einen Sandhaufen, der nach dem Frühstück mein erstes Anlaufziel war. Dort grub ich mit der Hand Tunnel, spielte mit Steinen, Stöcken, Blättern und Federn. Sandspielzeug gab es keines, es war auch nicht nötig, die Natur stellte reichlich Material zur Verfügung. Dann rannte ich nach rechts zum Ausgang „uf de Damm“, so hieß die feste, aus Sand und Erde gestampfte Straße, die damals leicht erhöht lag. Draußen warteten meist schon die Freundinnen, mit denen ich diese Sommertage liebend gern verbrachte.



Update vom Beet
Update vom Beet

Im Beet stehen (von rechts nach links) Erdbeeren, Liebstöckel/Leuștean, Tomaten, Erbsen, Salat, jede Menge Petersilie, Zwiebeln, Kartoffeln. In einer auf dem Bild nicht sichtbaren Erweiterung: Paprika, Zucchini, Kürbis und Mais.


Ich habe Unterstützung durch meine Nachbarin Ana-Maria, die sich während meiner Abwesenheit darum kümmert. Die Hauptarbeiten bestehen zurzeit darin, das Unkraut (das ich gerne als Beikraut bezeichne, da man es nie ganz weg bekommt und es auch in Maßen bleiben darf) in Schach zu halten. Bald wird das Gießen dazukommen …



In Reih und Glied
In Reih und Glied

Zwiebeln gedeihen in meinem Beet wie Unkraut. Sie müssen nicht gespritzt und kaum gegossen werden, denn sie sind reif, bevor die große Dürre im Sommer kommt.


Diese Reihen pflanzten wir schon im Herbst, sie überwinterten und spenden nun als erste Vitamine, frisch aus dem Garten.



Gute Nachbarschaft
Gute Nachbarschaft

Es gibt Pflanzen, die sich vertragen, wie hier die Petersilienbüsche, die Salatpflänzchen und die Frühlingszwiebeln. Sie werden bald einen köstlichen grünen Salat ergeben.



Die Spechtflöte
Die Spechtflöte

Seit langem gibt es mal wieder eine Spechtflöte im Garten. In meiner Kindheit konnte ich den emsigen Buntspecht direkt vor dem Fenster an der Straße beobachten. Im Fernsehen lief damals sonntags der Zeichentrickfilm „Woody Woodpecker“, in dem es um einen Specht ging, der ganz markante Schreie von sich gab, die wir lautstark nachzuahmen versuchten. Wir liebten damals Woody und alle Spechte der Welt, diese gewitzten Vögel!


Inzwischen ist es an der Landstraße zu unruhig, also wählte der jetzige Buntspecht einen alten Baum im Garten und schuf mit seinem Zauberschnabel dieses Kunstwerk. Einziger Wermutstropfen: Ich fürchte, dass meine Hunde im Garten, die wie wilde Wölfe keine Eindringlinge im Revier dulden, die Spechtbrut stören könnten. Also gib gut Acht, Woody, mein Freund!



Da haben wir den Salat!
Da haben wir den Salat!

Der erste grüne Salat mit Frühlingszwiebeln garniert die Mahlzeit aus Kartoffelpüree mit fleischlosem „Faschierten“ an Karotten. Nach einem arbeitsreichen Tag an der frischen Luft schmeckt das Abendessen besonders gut. „Hunger ist der beste Koch“, pflegte meine Großmutter immer zu sagen, wenn ich früher nach dem Spiel im Freien mit Appetit mein Essen verspeiste. Grünen Salat liebte ich schon immer! Der grüne Salat aus dem Garten schmeckt würzig, aromatisch, nicht so wässrig wie der im Supermarkt gekaufte.


Selfie mit Stehohren
Selfie mit Stehohren

Am Ende des Tages scheint die Abendsonne aufs Haus und wirft faszinierende Schatten, die fotografiert werden müssen. Dabei ist auch der Umriss der Fotografierenden verewigt, der irgendwie animalisch wirkt. Die das Handy hochhaltenden Finger wirken wie die Stehohren eines auf dem Berg lebenden Luchses oder Schakals.


Gerade noch pflegte ich als Gärtnerin mein Beet, nun fühlt es sich an, als würde die Wildheit der nur mühsam gebändigten Natur mich anspringen und mich in eine Chimäre verwandeln in ein wildes, ungezähmtes Wesen. Ist Chimäre dafür der richtige Ausdruck? Ich werde gleich Google fragen…

3 Kommentare


peter.m93@outlook.com
21. Mai

Vielen Dank - sehr einladender Bericht - da kriegt man echt Sehnsucht nach der alten Heimat.... im naechsten Leben/oder der vielen anderen Inkarnationen, wer wess es, vielleicht mal wieder. Also den Kartoffelpüree mit fleischlosem „Faschierten“ an Karotten, mag ich auch. Nochmals vielen Dank, liebe Astrid Ziegler, to your success and happiness. LG von Peter aus Burns Beach, Australien. PS muss noch ganz schnell meinem Neu Arader Landsmann, dem Joschi, der auch hier in der Nachbarschaft lebt, diesen schoenen Beitrag senden.


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Gast
23. Mai
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Danke fuer die Rueckantwort - in der Tat Australien ist noch immer ein grossartiges Land mit vielen Moeglichkeiten. Leider haben wir kaum einen Garten als solches, ausser einem Vordergarten wo ein Zitronenbaum gedeiht, mit zusaetzlichen 'grundcover' und im Rueckgaertchen viele Straeucher. Die Sonnenlage in diesem Haus ist nicht die beste, aber viel naeher zum Indischen Ozean mit den morgendlichen oder abendlichen Spaziermoeglichkeiten, wenn's nicht zu windig ist. Zudem sind die gewaltigen salzigen sowie heissen Sommer Winde ganz ungesund fuer meine Versuche Paprika, Tomaten, Gurken usw zu zuechten. Tja, die beste aller Ehegattinnen will kein kuenstliches Gemuese Glass Haus..... Ganz leid tut's mir um das vorgehende Haus, auch unweit vom Ozean mit groesserem Grundstueck wo insbesondere auch die Feigenbaeume, Traubenstoecke …

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