Notizen aus den Hundstagen
- Astrid Ziegler

- vor 12 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Es gibt Landschaften, die lernt man nicht kennen. Man nimmt sie als eine frühkindliche Ahnung in sich auf, die einen ein Leben lang begleitet.
Jedes Mal, wenn ich auf der Straße von Arad kommend an den abgeernteten Feldern vorbei nach Paulisch fahre, geschieht ein Schauspiel, das die Geografie als Kulisse benutzt. Die Tiefebene läuft aus, fast unmerklich, als hätte sie ihre letzte Geduld aufgebraucht. Dann hebt sich das Land am Horizont. Die ersten Weinberge geben den Ausläufern der Zărander Berge Struktur, Kirchtürme tauchen auf wie Nadelspitzen, und in der Ferne, auf einer der Anhöhen, erscheint die Burgruine von Şiria, Világos, Hellburg. Sie wirkt nicht spektakulär. Eher duckt sie sich als Landmarke an den Horizont, auf dem sie seit Jahrhunderten steht wie eine Majuskel auf der ersten Seite einer Bilderhandschrift.
Ich kenne diesen Anblick, seit ich denken kann. Meine Mutter kannte ihn vor mir, meine Großmutter ebenso. Vielleicht haben schon ihre Mütter hier den Blick gehoben und für einen Augenblick die Feldarbeit, die über Jahrhunderte ihr bäuerliches Leben prägte, unterbrochen. Für diese Vorfahrinnen, die in ihrem Leben wohl kaum weiter als bis Arad gekommen sind, war dieser Anblick nicht nur selbstverständliche Vertrautheit, sondern die einzige Wirklichkeit.
Zwischen den goldenen Resten der Ernte und dem verwaschenen Blau der Berge liegt eine Linie, die schon in früher Zeit eine Grenze markierte. Hier beginnt das Weinland des Zărand, das bereits für die Römer, jene Eroberer und Kulturbringer, von Interesse war. Dort endet die Ebene, in der schon die Reitervölker der Spätantike ihre Weidegründe hatten. Und Jahrtausende später entwickelte ich dort eine Prägung, die mich wie ein Ariadnefaden immer wieder hierher zurückfinden lässt.
Auf dem Bild unsichtbar, aber zu erahnen, ist die Gluthitze, die über allem lag, als wir uns unserem Ziel näherten und einem die Kraft nahm wie eine riesige, Energie raubende Dunstglocke. Wir werden die Hundstage erleben, dachte ich, oder, wie man sie auf Rumänisch nennt, die Tage der „canicula“.

Thomas Wolfe schrieb: „There's no way back home.“ Man könnte versucht sein, ihm zu widersprechen. Schließlich führt die Straße noch immer nach Paulisch. Die Burg steht noch. Die Weinberge tragen Jahr für Jahr ihre Trauben. Und doch hat Wolfe recht – zumindest teilweise. Man kann nicht an die Orte seiner Kindheit und Jugend zurückkehren, denn sie haben sich verändert, und man selbst hat sich verändert. Das Kind von einst lebt in der Frau weiter, die dieselbe Landschaft mit anderen Augen betrachtet.
Wenn am Horizont die Weinberge des Arader Landes auftauchen, weiß ich für einen flüchtigen Moment nicht mehr, ob ich ankomme oder immer schon da bin. In solchen Augenblicken verliert die Frage nach der Rückkehr ihre Schärfe. Dann genügt der Blick über die Ebene, auf die dunkelblauen Hügel, auf die Ruine – und ich begreife: Es geht um mehr als um eine Fahrt nach Paulisch. Es geht um das, was sich dauerhaft in die eigene Wahrnehmung eingeschrieben hat.

Letzten Sommer blieb die Natur höflich. Drei Kirschen, fünf Pflaumen, eine Handvoll Walnüsse – gerade soviel, dass man sich freuen konnte, ohne damit Mühe zu haben. Doch gab es leider ohne Obst auch keinen Schnaps.
Nach den Jahren des Mangels verschonte ein milder Frühling heuer die Obstblüte.
“Anul ăsta nu a înghețat țuica” (Heuer ist der Schnaps nicht erfroren) hörte man schon im Mai Kenner und Liebhaber des Destillats sagen. Dieses Jahr werden viele Haushalte rechtzeitig die Fässer zum aufsammeln des Obstes für “țuica” für den Eigenbedarf bereitstellen – und trotzdem noch genug Früchte haben, um reichlich Marmelade zu kochen, Kompott einzumachen, Obst für Kuchen und Knödel zu haben und als Vorrat sogar noch den Gefrierschrank zu bestücken.
Ton in Ton zu den Aprikosen sieht man im Hintergrund des Baumes die Neipaulischer Kirich. In die Jahre gekommen, überreif für eine Renovierung, um im Bild des Obstes zu bleiben, hält sie als Wahrzeichen des Ortsteils, in dem einst die Schwowe wohnten, auch nach deren Fortgang geduldig die Stellung.
Und so existieren Fülle und Verfall manchmal erstaunlich nah nebeneinander.

Es sind nicht viele. Ein Dutzend Menschen hat sich an diesem Sonntag in der Neupaulischer Kirche versammelt. Die Bänke, einst bis auf den letzten Platz gefüllt, erzählen von einer anderen Zeit. Damals gehörte der gut besuchte Gottesdienst zum Rhythmus des Dorflebens wie das Pfeifen der „Mottor“ genannten Elektrischen, das Hofkehren am Samstagabend oder das Läuten der Glocken zur Mittagszeit.
Heute ist die Kirche leer geworden. Die Banater Schwaben, die hier einst zum Gebet versammelt waren – links die Frauen, rechts die Männer, und im Sommer ich selbst in der ersten Reihe bei den Mädchen, meinen Freundinnen –, leben längst in Deutschland, Österreich oder anderswo.
Zurückgeblieben ist eine Handvoll griechisch-katholischer rumänischer und ungarischer Gläubige – und mit ihnen die Gewohnheit, jeden zweiten Sonntag die Kirchentür zu öffnen. Dieser kleine Kreis hält der Messe, die Herr Pfarrer Reinholz hier zelebriert, beeindruckend die Treue. Er singt und betet laut in drei Sprachen – Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Der Gesang trägt noch immer bis hinauf unter das Gewölbe, auf dem die Worte stehen: „Ehre sei Gott in der Höhe.“
Gerade hier erschließt sich die Bedeutung des Jesuswortes: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Die von Patina gezeichnete Kirche bleibt ein Ort des Gebets und der Hoffnung, an dem Vergangenheit und Gegenwart für eine Stunde zusammenfinden und Glaube nicht von der Zahl der Gläubigen abhängt.

Beim Fahrradfahren rechnet man in Paulisch mit vielem: Schlaglöchern, Rasern, Gegenwind oder einem Traktor, der im Schneckentempo die gesamte Fahrbahnbreite beansprucht. Mitten auf der Landstraße rechnet man allerdings eher nicht mit einem Nashorn. Zugegeben: Es war nur ein Nashornkäfer. Aber einer, der so fein glänzte, als wäre er im Frack auf dem Weg zu einem Sommernachtsball.
Zuerst sah ich etwas Schwarzes, Zappelndes auf dem heißen Teerbelag, das mich neugierig bremsen und absteigen ließ. Dann hob ich den schwer gepanzerten Herrn – oder war es gar eine emanzipierte Sie? – auf und brachte ihn in meiner vorsichtig geschlossenen Hand in den heimischen Hof. Dort rechnete ich dem Käfer bessere Chancen aus als zwischen Autoreifen und Asphalt.
Er saß einen Moment lang auf meiner Hand, geschniegelt und gebügelt, als wüsste er genau, dass sein Horn Eindruck macht. Dann kroch er gemächlich in die Ritzen eines Baumstumpfs, hoffentlich mit dem festen Vorsatz, erst in der Dämmerung wieder aufzutauchen und eine Ehrenrunde zu drehen.
Man braucht zuweilen nur einen aufmerksamen Blick, um beglückende Entdeckungen zu machen, und die Bereitschaft, auch einmal für ein kleines gepanzertes Flugobjekt zu bremsen und anzuhalten. Denn das, was in Paulisch noch kreucht und fleucht, kann einen immer wieder zum Staunen bringen.

Es war heiß im Juni. Ein absolutes Muss zur betreffenden Zeit ist die Herstellung einer bestimmten Köstlichkeit, die gleichermaßen gut schmeckt und aussieht. Aus Wasser, Holunderblüten, Zucker und Zitronenscheiben entsteht nach 3 Tagen Holundersirup oder bodzabor, wie er von meiner Urgroßmutter, die ihn in Billed zubereitete auf Ungarisch genannt wurde.
Drei Tage müssen die Gläser im Warmen auf der Brüstung stehen; wenn sich der Zucker aufgelöst hat, ist die Sonne bereits gespeichert. Goldgelb schimmert der Sommer im Glas, als hätte jemand ein Stück Nachmittag eingefangen.
Das fertige Getränk wird in Flaschen gefüllt, verschenkt und dann möglichst bald getrunken, denn es ist am besten frisch zu genießen. Denn wie solare Energie, lässt sich auch der Hollersirup nicht lange lagern.

Der hochsommerlichen Hitze war nicht zu entrinnen. Sie kroch über die Wiesen, legte sich auf die Dächer, hing schwer zwischen den Obstbäumen und machte selbst die Schatten müde. Es gab sie früher schon, diese gnadenlos heißen Sommertage. Bei Theodor Storm heißt es zur Erklärung dieser Tage der “canicula”, die Regentrude, die Hüterin der sprudelnden Quellen und lebenserhaltenden Gewässer, sei eingeschlafen. Sie schläft hier schon seit Wochen, dachte ich. War wohl jemand auf dem Weg mit dem Zauberspruch, um sie zu wecken:
“Dunst ist die Welle,
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder,
Feuermann tanzet über die Felder.”
Heute spricht man nicht von Feuermann, vielmehr von Wüstentagen und Tropennächten – als hätte die Hitze erst dieses sprachliche Upgrade gebraucht, um unerträglich zu werden. Und doch habe ich das Haus noch nie so aufgeheizt erlebt wie in den vergangenen beiden Sommern.
Alles schien zu warten, als sich die lilafarbenen Wolken auftürmten: Menschen und Tiere, die Weinberge, Gärten, Felder und Wiesen, die aufgeheizten Asphaltstraßen und die Dächer.
Dann wurde es still.
Nicht die friedliche Stille eines Sommerabends, sondern jene, die den Atem anhält – die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Ein kräftiger Wind kam auf und strich um das Haus, als wolle er es wachrütteln. Plötzlich fielen die ersten Tropfen. Groß und schwer schlugen sie auf das Dach, fast wie Hagelkörner.
Wenige Sekunden später brach der Himmel auf und ergoss sich über die staubige Welt.
Das Wasser schoss in dicken Strahlen aus den Dachrinnen, prasselte auf den Boden und verwandelte den Garten in ein gleichmäßiges Rauschen, das nur vom Grollen des Donners durchbrochen wurde. Der Duft des Regens stieg aus der getränkten Erde auf – dieser unverwechselbare Geruch nach nassem Stein, feuchter Luft und würzigem Blattwerk.
Unter dem schützenden Vordach ließ sich beobachten, wie die Farben allmählich zurückkehrten. Mit jedem Donnerschlag fiel ein Stück der lähmenden Hitze ab, mit jeder Minute wurde das Grün satter.
Der Sturm war so heftig, dass Wasser durch das fragile Dach ins Haus drang. Das wird Arbeit machen, dachte ich unwillkürlich. Doch ich konnte dem Gewitter nicht böse sein. Es hatte mehr hinterlassen als durchweichte Böden und einen Eimer unter dem tropfenden Dach. Es hatte der ausgedörrten Landschaft die lang ersehnte Erleichterung zurückgegeben – und auch den Menschen, die in ihr leben.







Jeder Teil wunderbar geschrieben und Natur und Gefühl sehr emotiv beschrieben! Hoffentlich ist der Kamelkäfer noch lange in deinem Garten.
Danke liebe Astrid. Ich habe mit Freude Deinen Bericht gelesen und die dazu passenden schönen Fotos betrachtet. Heute ist hier auch wieder so ein heißer "Hundstag", passend zu Deinem Bericht.
Herzliche Grüße
Renate Done
Herzliche Grüße Renate Done
Liebe Astrid, danke für diesen wunderschönen Text, er führt mich zurück in die Heimat, die in meinem Herzen eine leise, immer vernehmbare Sprache spricht.