Das Temeswarer Schloss - Schauplatz wechselnder Herrschaft
- Astrid Ziegler

- 11. Aug.
- 12 Min. Lesezeit

Von der Anjou-Lilie zum Hunyadi-Raben Wer vor dem Temeswarer Schloss steht, blickt auf ein Bauwerk, das seine bedeutende Geschichte eher bescheiden verbirgt, als sie zur Schau zu stellen – und dessen historische Bedeutung heute weit weniger bekannt ist, als sie es verdient hätte. Hinter der Verhüllung, die es hoffentlich bald im Zuge der Restaurierung wieder freigeben wird, verbirgt sich nämlich nicht einfach die Burg eines einzigen Herrschergeschlechts. Das heutige Schloss ist vielmehr das Ergebnis eines jahrhundertelangen Wandels: Könige und Feldherren kamen und gingen, Mauern wurden errichtet, verstärkt, zerstört und wieder aufgebaut und immer wieder erhielt dieser Ort Bedeutung. Die Temeswarer Burg, heute als Hunyadi-Schloss (Castelul Huniade) bekannt, ist deshalb ein ungewöhnlicher historischer Schauplatz. Sie ist zwar das älteste erhaltene Baudenkmal der Stadt, doch das heutige Gebäude ist weder jene königliche Residenz, die Karl Robert von Anjou im frühen 14. Jahrhundert errichten ließ, noch der befestigte Herrschaftssitz, den König Sigismund von Luxemburg immer wieder aufsuchte, noch das Schloss, das mit dem Namen János Hunyadis verbunden ist. Und doch ist nichts von diesen Vorgängerbauten wirklich verschwunden. Das heutige Schloss steht auf ihren Fundamenten und bewahrt unter seinen Mauern Spuren jener wechselvollen Geschichte. Gerade darin liegt seine besondere Faszination: Wer seine Geschichte verstehen will, muss tiefer blicken – unter das heutige Mauerwerk, in die archäologischen Schichten und zugleich zurück in eine Zeit, in der Temeswar weit mehr war als eine Stadt am Rand des Königreichs Ungarn. Die jüngsten archäologischen Untersuchungen im Zuge der Restaurierung haben dabei neue Hinweise auf die frühen Bauphasen und Befestigungen zutage gefördert und machen sichtbar und hoffentlich auch bald der Allgemeinheit zugänglich, was von den mittelalterlichen Vorgängerbauten im Boden erhalten geblieben ist. Karl Robert von Anjou machte Temeswar zu einem königlichen Machtzentrum, Sigismund von Luxemburg nutzte die Burg als wichtigen Herrschaftssitz und als Ausgangspunkt seiner Politik gegenüber dem Osmanischen Reich. Unter János Hunyadi schließlich rückte die Festung noch unmittelbarer in den Mittelpunkt des Abwehrkampfes gegen die Osmanen. Die Lilie der Anjou und der Rabe der Hunyadi stehen damit sinnbildlich für zwei Herrscherhäuser, deren Spuren sich in Temeswar kreuzen. Wer dem Weg dieser Herrscher folgt, erlebt zugleich, wie sich die Funktion der Burg verändert: von der königlichen Residenz zur Grenzfestung, vom Schauplatz höfischer Politik zum Bollwerk gegen eine neue Großmacht. Und mit jeder dieser Veränderungen schrieb sich ein weiteres Kapitel in die Mauern ein. Die Geschichte der Temeswarer Burg endet jedoch nicht mit den Hunyadis. Im Gegenteil: Mit dem Vordringen der Osmanen beginnt für die Festung eine neue Epoche. Eroberung und osmanische Herrschaft, die Rückeroberung durch Prinz Eugen von Savoyen und schließlich Zerstörung und Wiederaufbau sollten das Gesicht des Ortes erneut grundlegend verändern. Die Geschichte des heutigen Hunyadi-Schlosses ist daher auch die Geschichte eines Bauwerks, das immer wieder unterging, um in anderer Gestalt weiterzuleben. |

Im Zeichen der Lilie und des Raben
Die Temeswarer Burg – heute als Hunyadi-Schloss (Castelul Huniade) bekannt – stellt als ältestes Baudenkmal der Stadt einen ungewöhnlichen Fall dar: Das Schloss, das hoffentlich bald nach seiner Verhüllung im Zuge der Restaurierung wieder sichtbar sein wird, steht mit bedeutenden europäischen Herrschern und Feldherrn in Verbindung. Und dennoch ist es weder jene Burg, die Karl Robert von Anjou im frühen 14. Jahrhundert als Königsresidenz errichten ließ, noch der von König Sigismund aus dem Geschlecht der Luxemburger oft gewählte befestigte Herrschaftssitz, noch das neugotische Schloss János Huniadys. Dennoch steht es auf dem Grund dieser Vorgängerbauten und bewahrt, wie die jüngsten archäologischen Funde zeigen, deutliche Spuren sowohl der ersten königlichen Residenz als auch der späteren Befestigungen.
Es lohnt sich daher, einen Blick auf dieses geschichtsträchtige Bauwerk Temeswars und seine mächtigen Beherrscher zu werfen, das durch diese bedeutenden Herrscher vom Mittelalter bis in die Neuzeit immer wieder zu einem wichtigen Schauplatz europäischer Geschichte wurde.

Von der königlichen Residenz zum Grenzposten
Der erste ungarische König, der dem Ort in den Sümpfen des mäandernden Flusses Temesch Beachtung schenkte und zu seinem Herrschaftssitz wählte, war ein Herrscher, der aus einem französischen Adelsgeschlecht stammend in Ungarn sein Erbe angetreten hatte. Als Karl Robert von Anjou, der aus Neapel kommende, landesfremde Herrscher, König von Ungarn wurde, musste er seine Herrschaft zunächst gegen einheimische rivalisierende Adelsgeschlechter durchsetzen. Temeswar gewann dabei besondere Bedeutung, da der neue ungarische Herrscher von dem Jahr 1315 bis 1323 seine Residenz dorthin verlegte. Temeswar lag weit im Südosten seines Königreichs und damit in einer Region fern von der eigentlichen Hauptstadt Ofen. Im Norden und im Westen Ungarns saß nämlich mit Matthäus Csak, einem ungarischen Magnaten der Hauptgegner Karl Roberts, von dem ihm in den ersten Jahren seines Königtums Widerstand entgegen schlug. Im südöstlichen Temeswar hingegen konnte er seine Herrschaft konsolidieren und seine Getreuen um sich scharen. Die umliegenden Sümpfe boten zudem natürlichen Schutz.
Schon ab 1307 begannen italienische Baumeister in Temeswar zwischen zwei Armen der Temesch mit dem Bau einer Anlage, die königliche Residenz, Machtzentrum und militärisch gesicherter Herrschaftssitz zugleich werden sollte. Sie lag auf einer Insel und war über eine Zugbrücke mit der Stadt verbunden. Ein mächtiger Donjon bildete den Kern der Burg. Die aktuellen Grabungen bestätigen, dass dieser mittelalterliche Wohnturm tatsächlich im Bereich des heutigen Innenhofs des Hunyadi-Schlosses gefunden wurde.
Man sollte sich Karl Roberts Temeswar aber nicht als abgelegene Provinzfestung vorstellen. Für einige Jahre wurde die Burg mondäne Königsresidenz, in der ein reges höfisches Leben stattfand. Von hier aus konnte Karl Robert nicht nur seine südöstlichen Territorien unmittelbar verteidigen, sondern entfaltete auch höfische Pracht, die dem Sproß eines aus Italien stammenden französischen Adeligen würdig war. Nachdem der erste Anjou-Herrscher, dem drei weitere aus dem Geschlecht der Lilie auf dem ungarischen Thron folgen sollten, seinen Machtanspruch im Westen des Königreichs gefestigt hatte, verlagerte er der Schwerpunkt seiner Herrschaft allerdings in das zentraler gelegene Visegrád.
Doch das sollte der Bedeutung des Temeswarer Herrschaftssitzes keinen Abbruch tun. Nach dem Abzug des königlichen Hofstaates war die Burg Sitz der Temescher Grafen, der königlichen Statthalter der Region.
Sigismund von Luxemburg: vom Hof zur Grenzburg
Bald sollte eine der bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten Europas sein Augenmerk auf diesen südöstlichen Vorposten Ungarns richten. Mit Sigismund von Luxemburg (1368–1437) kam eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des späten Mittelalters, die europäische Politik über mehrere Jahrzehnte prägte, nach Temeswar. Als König von Ungarn, römisch-deutscher König und ab 1433 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches verband er die politischen Räume Mitteleuropas miteinander.
Seine Politik war wesentlich auf die Abwehr der osmanischen Expansion gerichtet. Zugleich versuchte er, die christlichen Mächte Europas zu einer gemeinsamen Verteidigung zu bewegen. Mit dem Konzil von Konstanz (1414–1418) spielte er auch eine zentrale Rolle bei der Beendigung des Abendländischen Schismas und der Neuordnung der Kirche. Damit wurde er zu einer Schlüsselfigur sowohl der mitteleuropäischen Machtpolitik als auch der europäischen Kirchen- und Diplomatiegeschichte.
Diese bedeutende Herrschergestalt, hielt sich auffallend oft in der Temescher Burg auf. Herrschaft konstituierte sich im Mittelalter in hohem Maße durch persönliche Anwesenheit: Der König musste Gericht halten, Urkunden ausstellen, mit Adeligen verhandeln, Truppen sammeln und politische Entscheidungen dort treffen, wo sie notwendig waren. Wenn Sigismund sich oft und lange in Temeswar aufhielt, zeigt dies den hohen Stellenwert, den er dem Ort beimaß.
Seine Bedeutung für die Geschichte der Burg liegt vor allem darin, dass sich unter seiner Herrschaft ihr Charakter grundlegend wandelte. Aus der königlichen Residenz der Anjou wurde zunehmend ein militärischer Vorposten des ungarischen Königreichs an dessen Südostgrenze.
Temeswar war für Sigismund keine beliebige Festung am Rand seines Reiches. Von hier aus konnte er am Besten die Entwicklungen auf dem Balkan beobachten, Feldzüge organisieren und auf die wachsende osmanische Bedrohung reagieren.
Als Sigismund 1387 den ungarischen Thron bestieg, befand sich das Königreich in einer schwierigen Lage. Auch der Luxemburger musste als Landesfremder seine Herrschaft zunächst gegen innere Gegner durchsetzen. Gleichzeitig rückten die Osmanen auf dem Balkan immer weiter nach Norden vor. Temeswar lag strategisch günstig: Die Burg kontrollierte den wichtigen Raum zwischen Donau, Marosch und Theiß und bot einen Ausgangspunkt für Unternehmungen in Richtung Serbien und Walachei.

Bereits 1389 war Sigismund mit seiner Gemahlin Maria, der einzigen Tochter und Erbin des ungarischen König Ludwigs I, durch die Sigismund seinen Thron legitimierte, nach Temeswar gekommen. Der zwei Jahre dauernde Aufenthalt des Königspaares in der Temeswarer Burg war außergewöhnlich lang.
Die Burg wurde gewissermaßen zu einem königlichen Hauptquartier an der Südostgrenze. Von hier aus konnte Sigismund militärische Unternehmungen auf dem Balkan vorbereiten und seine Politik gegenüber den südlichen Nachbarn koordinieren.
1396: Die Schlacht von Nikopolis und die neue Bedrohung
Eine entscheidende Zäsur in der Herrschaft König Sigismunds und gleichzeitig eine schwere Bewährung war der Kreuzzug von 1396. Das von ihm geführte christliche Heer, das neben ungarischen Rittern auch eine Streitmacht aus Frankreich, Burgund und dem heiligen römischen Reich vereinte, erlitt bei Nikopolis an der Donau an der Grenze zum heutigen Bulgarien eine schwere Niederlage gegen die Osmanen. Danach wurde die Gefahr für das ungarische Königreich virulent, das mit der osmanischen Expansion konfrontiert war. Osmanische Truppen drangen immer wieder in die südlichen Gebiete Ungarns ein; auch die Umgebung Temeswars war von Verwüstungen betroffen.
Gerade nach der Niederlage der versammelten europäischen Truppen bei Nikopolis gewann die Temeswarer Burg nochmals an Bedeutung. Sigismund, der die Schlacht nur knapp überlebt hatte, kehrte 1396 über Umwege, die ihn nach Konstantinopel und über das Adriatische Meer führten, nach Temeswar zurück und berief hier 1397 und 1399 zwei Reichstage ein. Nachdem die europäischen Verbündeten weggebrochen waren, sollten die ungarischen Stände unter königlicher Führung stärker zur Verteidigung des Landes gegen die Osmanen verpflichtet werden.
Temeswar wurde damit zu einem Ort, an dem militärische und reichspolitische Entscheidungen getroffen wurden. Innerhalb der Burg residierte der König; außerhalb lag eine Grenzregion, die zunehmend zum Schauplatz eines gesamteuropäischen Konflikts geworden war.
Die Bedeutung der Burg für Sigismund lässt sich deshalb prägnant zusammenfassen: Temeswar war kein abgelegener Grenzposten, sondern wurde ein vorgeschobenes königliches Kommandozentrum. Von Buda aus ließ sich Politik betreiben; von Temeswar aus konnte man auf die unmittelbare Bedrohung reagieren.
Die Geschichte sollte zunächst dem bedrängten ungarischen König zu Hilfe kommen. Das Osmanische Reich wurde im Jahr 1402 von den Mongolen erobert und blieb 10 Jahre lang unter deren Herrschaft, was auch der Temescher Burg erst mal eine Atempause verschaffte.
Die späteren Aufenthalte
Trotzdem blieb Sigismund Temeswar auch in den folgenden Jahrzehnten verbunden. Er kehrte 1409, 1426 und 1428 in die Temescher Burg zurück. Besondere Bedeutung erlangte auch der Aufenthalt von 1428, der sein letzter an diesem Ort sein sollte. Nach der erfolglosen Belagerung der Festung Golubac an der Donau zog sich Sigismund nach Temeswar zurück und hielt sich hier längere Zeit auf, wie um Abschied zu nehmen.
Die Temescher Burg war inzwischen Bestandteil eines Verteidigungssystems geworden, mit dem das ungarische Königreich seine Südgrenze gegen die Osmanen zu sichern versuchte.
Damit zeigt sich eine entscheidende Entwicklung: Was unter Karl Robert von Anjou noch wesentlich als königliche Residenz gedacht war, wurde unter Sigismund immer stärker zur Festung in einer in den Brennpunkt geratenen Grenzregion.
Auch die bauliche Entwicklung spiegelt diesen Wandel von der Residenz zur Befestigungsalage. Im 15. Jahrhundert wurde das Kastell instand gesetzt; Temeswar erhielt Erdwerke und Palisaden und verfügte über mehrere befestigte Tore.
Sigismunds Aufenthalte markieren damit einen Wendepunkt in der Geschichte Temeswars. Er machte die Burg nicht erst zur Festung – ihre militärische Funktion bestand bereits zuvor –, doch unter seiner Herrschaft wurde ihre strategische Bedeutung neu definiert. Sie wurde zu einem unverzichtbaren Glied in der südlichen Verteidigung des ungarischen Königreichs.
Im Zeichen des Raben: Die Hunyadis und die machtvolle Bedrohung aus dem Süden
Nur eine Generation später rückte das Osmanische Reich wieder näher an das Königreich Ungarn heran, und Temeswars Rolle als wichtiger Bestandteil des Verteidigungssystems an der Südostgrenze wuchs.
Johann Hunyadi (Iancu de Hunedoara), einer der bedeutendsten europäischen Feldherrn, der seit 1441 Temescher Comes war, übernahm mit der Burg einen Raum, dessen militärische Bedeutung unter Sigismund bereits grundlegend festgelegt worden war. Im Jahr 1443 erschütterte ein schweres Erdbeben Temeswar; die alte Anjou-Burg wurde dabei stark beschädigt. Hunyadi ließ sie nicht einfach wiederherstellen, sondern passte die Anlage den veränderten militärischen Anforderungen an. In den folgenden Jahren entstand das nach ihm benannte Kastell.
Die Befestigungen mussten nun auch den Einsatz von Feuerwaffen berücksichtigen. Türme und Mauern wurden für Artillerie verstärkt, Bastionen und Wassergräben ausgebaut. Hunyadis Temeswarer Sitz war damit ein Bollwerk eines größeren Verteidigungssystems, das sich von den Burgen Siebenbürgens über das Banat bis nach Belgrad erstreckte.
Hunyadi selbst war einer der bedeutendsten Heerführer im Kampf gegen die Osmanen. Seine Temeswarer Residenz war nicht bloß Wohnsitz seiner Familie, sondern Kommando- und Machtzentrum eines Mannes, der die südliche Grenze Ungarns militärisch organisierte. Sein berühmtester Sieg, die Verteidigung Belgrads 1456, in der die osmanische Expansion für gut 80 Jahre abgewendet wurde, gehört unmittelbar in diesen Zusammenhang.
Auch nachdem Hunyadi, kurz nach der siegreichen Schlacht von Belgrad an der Pest verstorben war, blieb die Burg im Umfeld seiner Familie ein bedeutender Herrschaftssitz. Sein Sohn Matthias Corvinus wurde einer der mächtigsten Könige Ungarns. Er führte den Raben in seinem Wappen, weil der Legende nach ein Rabe einst den Ring seines Vaters János/Iancu bewahrte und der Vogel dadurch zum Sinnbild der Familie Hunyadi wurde.
Besonders eindrucksvoll ist dabei der zeitliche Zusammenhang. Am 22. Juni 1456, wenige Wochen vor seinem Tod, befand sich János Hunyadi zum letzten Mal in Temeswar. Von hier aus zog er in die Schlacht von Belgrad. Nur anderthalb Jahre später, am 24. Januar 1458, wurde sein Sohn Matthias zum König von Ungarn gewählt, nachdem er Festnahme und Gefangenschaft durch König Ladislaus V. (Postumus) überstanden hatte.
Damit liegt zwischen dem letzten Aufbruch des Vaters von der Temescher Burg und dem Aufstieg des Sohnes auf den ungarischen Thron kaum eineinhalb Jahre, doch viele Gefahren.
Die Burg wird so geradezu zu einem Scharnier zwischen zwei Hunyadi-Generationen: Der Vater verlässt sie als Heerführer, um die Grenze gegen die Osmanen zu verteidigen; der Sohn übernimmt wenig später als König das Reich, dessen südöstliche Grenze sein Vater mit seinem Leben verteidigt hatte.
Die Temeswsrer Burg blieb dennoch mit seiner persönlichen Familiengeschichte verbunden. Sie war Teil jener Hunyadi-Besitzungen, die den rasanten Aufstieg der Familie dokumentierten: von einem relativ jungen Adelsgeschlecht zu einer der mächtigsten Familien des Königreichs. Matthias' Herrschaft bedeutete deshalb zugleich die Verwandlung des Hunyadi-Erbes in königliche Macht.

Matthias Corvinus sollte der Weg von Temeswar aus nach Mitteleuropa führen. Von Buda aus formte er Ungarn zu einer der bedeutenden Mächte Mitteleuropas und griff mit seiner Politik weit über die unmittelbaren Grenzen des Königreichs hinaus. Seine Auseinandersetzungen mit den Osmanen, seine Kriege um Böhmen und Mähren und schließlich seine Eroberungen in Österreich machten ihn zu einem Herrscher, dessen Machtpolitik das politische Gefüge Mitteleuropas nachhaltig beeinflusste. Die Schwarze Armee, eine erste Söldnertruppe, wurde dabei zum Instrument einer für ihre Zeit ungewöhnlich schlagkräftigen und zentral gelenkten Militärmacht.
In Temeswar zeigt sich somit nur ein Ausschnitt aus dem Wirken eines Königs, dessen eigentliche historische Bedeutung in der europäischen Dimension seiner Herrschaft liegt. Die Burg war für ihn wie für seinen Vater ein wichtiger Baustein in der Sicherung der südlichen Grenze und im Kampf gegen die Osmanen, doch Matthias selbst dachte und handelte längst in größeren Räumen. Sein Aufstieg markiert einen Moment, in dem das Königreich Ungarn nicht nur Schutzwall Europas, sondern selbst ein aktiver Machtfaktor in der europäischen Politik war. Gerade deshalb lohnt es sich, von der Temeswarer Burg aus den Blick auf einen König zu richten, dessen Herrschaft die Geschichte Ungarns ebenso prägte wie die politische Landkarte Mitteleuropas.
Das Schloss bleibt Schauplatz wechselnder Herrschaft
Karl Robert von Anjou, Sigismund von Luxemburg und schließlich Johann Hunyadi haben das Temeswarer Schloss auf sehr unterschiedliche Weise geprägt – und doch verbindet ihre Geschichte ein gemeinsamer Gedanke: die strategische Bedeutung dieses Ortes.
Für Karl Robert war Temeswar zunächst vor allem ein politischer und königlicher Standort. In einer Zeit, in der seine Herrschaft im Königreich Ungarn noch keineswegs unangefochten war, verlagerte er seinen Hof zeitweise hierher und ließ eine mächtige, befestigte Residenz errichten. Das Schloss war damit weit mehr als eine militärische Anlage: Es war sichtbares Zeichen königlicher Präsenz und Ausdruck des Anspruchs, von Temeswar aus Politik und Herrschaft im südöstlichen Teil des Königreichs zu gestalten.
Unter Sigismund von Luxemburg gewann der Ort noch stärker an europäischem Gewicht. Temeswar lag an einer politischen und militärischen Schnittstelle, an der sich die Interessen des ungarischen Königreichs, des Balkans und zunehmend auch des Osmanischen Reiches berührten. Die Aufenthalte des Königs machten die Burg zu einem Ort, an dem sich nicht nur regionale, sondern europäische Politik abspielte. Aus der königlichen Residenz wurde zunehmend ein wichtiger Stützpunkt in einem Raum, dessen strategische Bedeutung mit dem Vorrücken der Osmanen immer größer wurde.
Mit Johann Hunyadi vollzog sich schließlich die entscheidende Veränderung. Nach dem schweren Erdbeben von 1443 wurde die ältere Anlage nicht einfach wiederhergestellt, sondern grundlegend erneuert und den veränderten Anforderungen der Kriegsführung angepasst. Zwischen 1443 und 1447 entstand auf den Fundamenten des älteren Königsschlosses jene Anlage, die später als Hunyadi-Schloss in die Geschichte eingehen sollte. Die neuen Befestigungen waren auf die Artillerie und die Kriegstechnik des 15. Jahrhunderts ausgerichtet.
Damit spiegelt das Schloss in gewisser Weise die Entwicklung der drei Epochen wider: Karl Robert machte Temeswar zu einer königlichen Residenz, Sigismund zu einem wichtigen Schauplatz europäischer Politik, und Hunyadi zu einem Bollwerk gegen die osmanische Expansion. Aus dem Herrschaftssitz war eine Grenzfeste geworden.

Doch auch die stärkste Festung konnte die politische Entwicklung nicht aufhalten. Gut ein Jahrhundert nach Hunyadis Umbau fiel Temeswar 1552 an die Osmanen. Das Schloss erhielt nun eine völlig neue Funktion: Es wurde zum Sitz des Paschas und zum Bestandteil des militärischen und administrativen Zentrums der osmanischen Herrschaft im Banat.
Damit beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des alten Schlosses – eines, in dem sich die politischen Vorzeichen vollständig verkehren. Aus dem Bollwerk gegen die Osmanen wird ein Zentrum osmanischer Macht. Und als 1716 Prinz Eugen von Savoyen Temeswar erobert und damit die osmanische Herrschaft beendet, steht die Burg erneut im Mittelpunkt eines epochalen Machtwechsels. Die Kämpfe hinterlassen ihre Spuren: Das Gebäude wird beschädigt, anschließend wiederaufgebaut und später zur Artilleriekaserne umgewandelt.
Die Geschichte des Temeswarer Schlosses ist damit noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil: Mit der Eroberung von 1716 beginnt eine weitere große Verwandlung – von der osmanischen Festung zum habsburgischen Militärstandort und schließlich zu jenem Bauwerk, dessen heutiges Erscheinungsbild wesentlich von den Wiederaufbauten des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts geprägt wurde.
Die nächste Etappe unserer Reise führt deshalb von den Mauern Hunyadis in die Zeit der Osmanen: zur Eroberung von 1552, zu 164 Jahren osmanischer Herrschaft, zur Belagerung durch Prinz Eugen von Savoyen und zum dramatischen Wiederaufbau nach den Zerstörungen. Dabei wird sich zeigen, dass das Temeswarer Schloss immer wieder dasselbe Schicksal teilte wie die Stadt selbst: Es wurde erobert, zerstört, umgebaut und neu erfunden – und bewahrte doch unter seinen jüngeren Mauern die Erinnerung an die Könige und Feldherren, die seine Geschichte einst geprägt hatten.
(Fortsetzung folgt)







Faszinierend beschrieben! Ein groyssen Dank auch aus Australien. May G‑d give you success in all that you do! A sheynem dank, Lg von Peter.
Herzlichen Dank für diesen wissenschaftlichen, klar strukturierten Beitrag über das Temeswarer Schloss! Als ehemaliger Student in Temeswar erinnere ich mich mit Nostalgie an alles zurück, was mir Temeswar damals 5 Jahre lang angeboten hat. Und das von Ihnen beschriebene Bauwerk gehört auch dazu.