In banatschwäbischer Tracht zum Oktoberfest
Mitten in München, zwischen bayerischen Trachten, Fahnen und Blasmusik, gingen wir in banater Tracht: mein Mann Benno Matthias, meine Tochter Vicky, mein Enkel Benno Ludwig und ich. Eingeladen hatte uns die Trachtengruppe der Banater Schwaben zum Trachten- und Schützenzug.
Als wir in Banater Tracht durch München zogen, war das für uns nicht einfach ein Auftritt in einer Parade. Wir waren als Münchner Familie dabei: mein Mann Benno, meine Tochter Vicky und ich. Der kleine Benno Ludwig lebt mit seinen Eltern in Bad Aibling in Oberbayern. Und doch trugen wir an diesem Tag alle eine Tracht, die aus einer Gegend kommt, die heute in Rumänien liegt und fast 1.000 Kilometer von Bayern entfernt ist. Es ist eine banatschwäbische Tracht aus der Region, in der ich geboren bin und in der wir als Familie seit über 25 Jahren wieder zu Hause sind.
Identität ist nicht immer eine Entscheidung für das eine und gegen das andere. Sie kann mehrere Facetten haben, sich verändern, verschieben und immer wieder neu justieren. Für uns alle ist München Heimatstadt und Lebensmittelpunkt. Wir sind Münchner durch und durch – und zugleich ist auch das Banat ein Stück Heimat für uns. Es hat mich geprägt und gehört durch mich zu unserer Familiengeschichte. Durch meine Herkunft, unsere Erinnerungen und nicht zuletzt durch unser Haus ist diese Landschaft längst Teil unseres Familienlebens geworden.
Die banatschwäbische Tracht macht diese Verbindung an einem Tag wie diesem sichtbar. Sie ist für uns kein Kostüm, das wir für einen Tag angelegt haben, sondern ein Stück Identität, das mit unserer Familiengeschichte verbunden ist – inzwischen sogar mit der unseres Enkels, der uns im kommenden Jahr erstmals ins Banat begleiten wird. Beim Trachten- und Schützenzug trug der kleine Benno Ludwig bereits die traditionelle schwarze Weste mit Silberknöpfen. Was einst in den Banater Dörfern getragen wurde und unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen bis heute weitergetragen wird, begegnete den Zuschauern des Münchner Festzugs nun mitten in der bayerischen Trachtenwelt.
Dabei entsteht kein Widerspruch. Im Gegenteil: Die beiden Traditionen können nebeneinanderstehen und sich sogar innerhalb ein und derselben Familie miteinander verbinden. Bayern und das Banat sind zwei Regionen mit ausgeprägten Trachtenkulturen, mit Menschen, die ihre traditionellen Gewänder an Festtagen tragen und damit kulturelle Zugehörigkeit sichtbar machen. Man denke nur an den bayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, der selbst im New Yorker Exil seine Lederhose nicht ablegte, oder an Kabarettisten wie Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, die die Tracht auf ganz unterschiedliche Weise zum Bestandteil ihrer öffentlichen Erscheinung gemacht haben.
Vielleicht zeigt sich kulturelle Zugehörigkeit gerade dort am deutlichsten, wo sie nicht mehr eindimensional ist. Ich kann seit über 40 Jahren in München leben und banater Tracht tragen. Wir können in zwei Regionen Europas zu Hause sein, ohne uns für eine entscheiden zu müssen.
So wurde der Trachten- und Schützenzug für uns zu einem Stück gelebter Familiengeschichte: drei Generationen einer Familie mit vielschichtiger Identität, die zwei Traditionen und Herkünfte miteinander verbindet. Nicht als Gegensatz, sondern als Erweiterung dessen, was Heimat sein kann. Was mit mir aus dem Banat nach Deutschland gekommen ist, ist längst nicht mehr nur meine Geschichte. Es hat sich in unsere Familie eingeschrieben – und findet seinen Platz neben dem Bayerischen.
Man kann Münchner sein und banater Tracht tragen. Man kann in Bayern verwurzelt sein und zugleich eine Landschaft am Anfang der eigenen Lebensgeschichte lieben. Man kann Traditionen nicht nur bewahren, sondern miteinander verbinden.

Der Trachten- und Schützenzug 2026
Am Sonntag, dem 20. September 2026, stand München wieder ganz im Zeichen des traditionellen Trachten- und Schützenzugs zum Oktoberfest. Rund 8.300 Mitwirkende aus 148 Gruppen und 50 Zugnummern zogen auf einer etwa sieben Kilometer langen Strecke durch die Münchner Innenstadt zur Theresienwiese. Der Zug begann am Max-II.-Denkmal an der Maximilianstraße und endete am Esperantoplatz.
Der Trachten- und Schützenzug gehört zu den Höhepunkten des Oktoberfestes. Seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1835 zurück. Damals wurde anlässlich der Silberhochzeit von König Ludwig I. und Therese von Bayern sowie des 25-jährigen Bestehens des Oktoberfestes erstmals ein großer Festzug veranstaltet. Seit 1948 findet der Trachten- und Schützenzug jährlich statt; seit 1956 liegt seine Organisation beim Festring München.
Bayern, Deutschland und Europa in einem Zug
Was den Festzug auszeichnet, ist seine ungewöhnliche Vielfalt. Trachtenvereine und Musikkapellen, Schützen, Fanfaren- und Spielmannszüge, Fahnenschwinger, historische Gruppen, Reiter, Kutschen und Festwagen bilden gemeinsam ein mehrere Kilometer langes, lebendiges Panorama regionaler Traditionen.
2026 kamen 6.653 Teilnehmer aus Bayern, 765 aus anderen deutschen Bundesländern sowie rund 850 Gäste aus Österreich, den Niederlanden, Polen, Slowenien, Kroatien und der Schweiz hinzu. Knapp 3.000 Musiker und mehr als 1.200 Sport- und Gebirgsschützen waren angekündigt. Auch die Münchner Brauereien waren mit ihren prachtvollen Pferdegespannen vertreten.
An der Spitze des Zuges ritt erstmals das neue Münchner Kindl Sina Hochreiter. Begleitet wurde der Festzug unter anderem von den Münchner Moriskentänzern, historischen Gruppen, Musikkapellen und zahlreichen Trachtenvereinen. Zu den Besonderheiten des Jahres 2026 gehörten außerdem die Münchner Schäffler, deren traditioneller Tanz nur alle sieben Jahre aufgeführt wird, sowie mehrere Gruppen, die in diesem Jahr Jubiläen begingen.
100 Banater Trachtenträger in München
Mittendrin: die Banater Schwaben. Die Trachtengruppe der Banater Schwaben München war auch diesmal beim Trachten- und Schützenzug dabei. Aus besonderem Anlass waren in diesem Jahr nicht nur die Münchner Mitglieder vertreten. Nachdem die Gruppe im Vorjahr ihr 45-jähriges Bestehen gefeiert hatte, wurden auch die Tanz- und Trachtengruppen der Banater Schwaben aus Bayern eingeladen, gemeinsam am Festzug teilzunehmen.
So kamen rund 100 Trachtenträgerinnen und Trachtenträger zusammen. Sie präsentierten unterschiedliche Kirchweihtrachten der Banater Schwaben und machten damit einen Teil der Kulturgeschichte des Banats mitten im Zentrum Münchens sichtbar.
Die Kirchweihtracht verweist auf eine Tradition, die im Banat eng mit Dorfgemeinschaft, kirchlichem Festkalender, Tanz und gesellschaftlichem Leben verbunden war. Nach der Aussiedlung wurde die Tracht für viele Banater Schwaben zu einem sichtbaren Bestandteil kultureller Erinnerung – und zugleich zu etwas, das in der neuen Heimat weitergetragen und an jüngere Generationen vermittelt werden konnte. Die Tracht ist damit längst nicht nur Erinnerung an eine untergegangene Lebenswelt.
Dass diese Tracht heute durch die Münchner Innenstadt getragen wird, erzählt deshalb auch eine Geschichte von Migration und kultureller Weitergabe.
Ein Festzug voller Geschichte
Der Trachten- und Schützenzug selbst ist dabei weit mehr als eine Präsentation bayerischer Trachten. In ihm begegnen sich unterschiedliche regionale und historische Traditionen. Neben bayerischen Gruppen sind seit Langem auch Teilnehmer aus anderen deutschen Regionen und europäischen Ländern vertreten.
Gerade diese Mischung macht den Charakter des Festzugs aus: Er zeigt Tradition nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern als etwas, das unterschiedliche Regionen, Geschichten und Identitäten miteinander in Beziehung setzt.
Für die Banater Schwaben bekommt das in München eine besondere Bedeutung. Ihre Trachten erzählen von der Geschichte einer deutschen Minderheit im historischen Banat, von Migration und Neubeginn – und zugleich davon, dass kulturelle Zugehörigkeit nicht an einen einzigen Ort gebunden sein muss.
München und das Banat
Für manche Teilnehmer war der Festzug deshalb auch ein persönliches Zusammentreffen verschiedener Heimaten. Wer in München lebt, sich als Bayer oder Münchner versteht und zugleich familiäre Wurzeln im Banat hat, muss sich nicht für eine dieser Zugehörigkeiten entscheiden.
Die banater Tracht durch München zu tragen, kann gerade diese Mehrfachzugehörigkeit sichtbar machen: Hier ist München die Gegenwart, das Banat ein Teil der Herkunft und Erinnerung. Beides kann nebeneinander bestehen.
So wurde der Trachten- und Schützenzug 2026 auch zu einem Bild dafür, wie sich kulturelle Identität verändert. Sie wird weitergegeben, verändert, neu gelebt – und beim Trachten- und Schützenzug mitten in München öffentlich sichtbar.
Der große Festzug endet auf der Theresienwiese. Die Geschichten, die die Menschen in ihren Trachten mitbringen, enden dort allerdings nicht.








