Zeit des Herbstes in der Temeswarer Josefstadt


Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss
Das Licht liegt auf dem Wasser, als ignoriere es die Zeit, als würde es leugnen, dass Augen zuletzt vor vielen Jahren die Farbpracht an der Bega wahrgenommen haben. Der erdige Ton der Schatten der Bäume kontrastiert mit dem strahlenden Blau des Himmels, der Spiegel der Bega nimmt die Farben der Ufer auf, und über allem spannt sich der Bogen der Eisenbrücke mit ihrem Geflecht aus Streben. Ein Bauwerk, das ein Stück Stadtgeschichte bewahrt, seit es vor über hundert Jahren von seinem zentralen Platz weichen musste, als die wachsende Stadt Temeswar nach breiteren Verkehrswegen verlangte. Hier am Hintereingang zur Josefstadt bildet die markante Brücke eine Verbindung für Passierende. Als Kind überquerte ich sie täglich auf dem Weg zur Schule, in die Kirche, zu Freunden, ins Kino, zum Einkauf in den die Straßen säumenden Läden dieser meiner Lieblingsvorstadt.
Die Kajakfahrer schienen mir schon damals als Sinnbild der Gegensätze. Die Leichtigkeit, mit der sie ihre stromlinienförmigen Bahnen zogen, stand im Kontrast zur Anstrengung durch den Muskeleinsatz des gesamten Körpers. Der Kanal bildete dabei nicht bloß die Kulisse eines schönen Bildes, sondern einen Raum der Bewegung, des Sports, des sommerlichen Lebens.
Auch heute schneidet ein schmales Boot eine Spur in die spiegelnde Oberfläche, die sich hinter ihm gleich wieder schließt. Sein Anblick öffnet aber die Erinnerung an unzählige wahrgenommene Bilder, die sich überlappen und mit dem Boot wieder aus dem Sichtfeld verschwinden.
Die eigentümliche Wirkung dieses Nachmittags beruht auf dem relativen Erleben von Zeit: Durch das gegenwärtige Licht, die spürbare Wärme, die unveränderte Eisenbrücke tut sich im Anblick des Tableaus eine zweite Zeit auf. Es ist keine nostalgische Rückblende, eher ein kurzes Ineinander von damals und heute. So wie das Wasser die Spiegelbilder weiter trägt, sie auflöst und neu zusammensetzt.

Gedanken zum ehemaligen Schulweg
Manche Straßen bleiben im Gedächtnis, weil man sie tausendmal gegangen ist. Unvergesslich ist etwa die Art und Weise, wie ihre Bäume im Sommer Schatten spendeten und das Licht zwischen den Blättern auf das Pflaster fiel. Der kindliche Fuß kannte die Textur des Pflasters, der Blick fiel immer auf die gleichen, häufig im Souterrain gelegenen kleinen Läden am Straßenrand, die etwas höhlenartiges an sich hatten und wie ein Dachs- oder Fuchsbau anmuteten. Es roch nach “Baton”, der begehrten Süßigkeit unserer Kindheit oder nach frischen Kipfel.
Hier führte mein Schulweg zur Școala Generală Nr. 8, die, neben der Klosterkirche im ehemaligen Notre-Dame-Gebäude untergebracht war. Mein Nachbar und Klassenkamerad Bruno und ich schlenderten mit vielen anderen lärmenden Kindern täglich hier an den Fassaden in warmen Ockertönen entlang, unter den hohen Bäumen, durch das Spiel von Licht und Schatten, das in der Nachmittagssonne jedes Mal neu aufleuchtet. Die Straße ist dieselbe und doch eine andere. Die Schulkinder haben zu dieser Uhrzeit schon aus, lediglich ein paar Menschen gehen ihres Weges, ein Fahrrad lehnt am Haus, hinter den Fenstern wird Kaffee angeboten. Das Viertel, das langsam wieder an Lebensqualität gewinnt, lebt in seinem eigenen Takt.
Ich sehe dieses Bild und erinnere mich an mein damaliges Ich, das hier entlangging, ohne zu wissen, dass mein Lebensweg mich weit weg führen würde, aber dieser sich ins Gedächtnis einschreiben würde. Der Schulweg von damals führt zurück in eine Zeit, die vergangen ist, aber nach wie vor präsent ist. Sie liegt im Licht auf dem Pflaster, im Schatten der Bäume, in den Farben der Häuser.

Das Puppentheater – Eine Bühne, die für die jungen Zuschauer die Welt bedeutet
Es gibt Häuser, die selbst nach vielen Jahren noch starke Emotionen wecken. Das damalige Temeswarer Puppentheater, heute das Teatrul pentru Copii și Tineret „Merlin“, ist ein solcher Ort. Seine Fassade trägt die Spuren vergangener Zeiten: verwitterte Ziegel, verblasster Stuck, steinerne Ornamente und hohe Fenster, die den Glanz einer anderen Epoche spiegeln. Über dem Eingang, der etwas brüchig geworden ist, leuchtet das blaue Tor wie eine Einladung ins Theater, dessen Bühne die Welt für Generationen von Kindern bedeutete.
Draußen ziehen die Straßenbahnen durch Temeswar, die Stadt des vielsprachigen Erinnerns, in der sich habsburgische Eleganz, rumänische Gegenwart und die Erinnerungen verschiedener Kulturkreise überlagern. Hier, hinter Türen, die sich für Kinder und Jugendliche öffnen, beginnt das Spiel mit den einfachsten und zugleich ältesten Mitteln des Theaters: einer Marionette, einer Stimme, einer Bewegung, einem Lichtstrahl. Eine Puppe braucht kein naturalistisches Aussehen, um Gefühle auszudrücken. Stilisierte Figuren schaffen es durch Gesten und Worte die Fantasie so anzuregen, dass aus Holz, Stoff oder Papier eine Seele hervortritt.
Darin liegt die besondere Poesie des Puppentheaters. Es macht das Kleine groß und das Leblose lebendig. Es verwandelt die Begrenztheit seiner Mittel in Freiheit und erinnert daran, dass Vorstellungskraft keine kostbare Ausstattung benötigt, sondern einen Raum, in dem sie sich entfalten darf. Für die jungen Zuschauer wird die Bühne zum Ort erster Begegnungen mit Liebe, Kampf, Angst und Mut, mit Verlust und Hoffnung, mit dem Wunderbaren und dem Alltäglichen.
Auch das Gebäude wird zum Teil dieser Verwandlung. Seine bröckelnde Fassade erzählt von Vergänglichkeit, während hinter ihr Geschichten immer neu geboren werden. Zwischen dem architektonischen Erbe des Hauses und der beweglichen Welt der Puppen entsteht eine fruchtbare Wechselwirkung: Das eine bewahrt Spuren der Vergangenheit, das andere erfindet Möglichkeiten für die Zukunft. Beides gehört zu einer Stadt, die ihre Zukunft nicht denken sollte, ohne sich an ihre Vergangenheit zu erinnern.
Das Temeswarer Puppentheater ist und war schon immer mehr als ein Ort der Unterhaltung. Es ist ein Versprechen an die jungen Zuschauer mitten im urbanen Alltag: dass die Welt sich verwandeln lässt, zunächst nur für die Dauer einer Vorstellung.

So schmeckt die Kindheit – Amandine und Diplomat in der Josefstadt
Es genügte ein einziger Bissen, um mich über vierzig Jahre zurück zu katapultieren. Es geschah in der, wie mir die Verkäuferin versicherte, schon zwei Jahre alten Konditorei auf dem Bulevardul Carol II. Hinter den großen Fenstern, durch die das Licht auf die kleinen Tische fällt, begegnet man zwei alten Verführerinnen der süßen Kunst: der Amandine und der Diplomat-Torte. Schon ihre Namen wecken den Appetit auf frühere Zeiten.
Dann geschieht es: Man kostet, hält einen Augenblick inne, und plötzlich ist er wieder da – dieser charakteristische, unverwechselbare Geschmack, den man längst verloren glaubte. So lang lag er irgendwo verborgen, in den Hirnwindungen, in denen Genuss gespeichert ist und nun kehrt er zurück, als Endorphinrausch, der für ein Stück Leben steht.
Und schon bin ich mitten in dieser prägenden Zeit: Ich sehe meine Großmutter in der Strada Costinești, die, wenn Besuch kam, eine selbst gemachte Diplomat-Torte auftischte. Diese Süßigkeit war mehr als ein Dessert, sie kam dabei daher wie eine Braut im Spitzenkleid, die dem Kaffeetisch etwas Weihevolles verlieh. Sie war eine Geste der Gastfreundschaft, ein Zeichen der Zuneigung, vielleicht auch eine gehörige Portion Stolz. Ihre Zubereitung gehörte zu jener Kunst, mit der Temeswarer Gastgeberinnen mit Hingabe etwas Unvergessliches schufen.
Heute, in der Josefstadt, zwischen den Geräuschen der Straße und der einladenden Atmosphäre der Konditorei ist es, als ob sich eine Tür zu einem verschlossenen Zimmer öffnet. Der Geschmack kennt keine Chronologie. Er führt uns dorthin zurück, wo wir uns zu Hause fühlen.

Es gibt sie noch, grüne Oasen der Stadt
Es gibt sie noch, die Innenhöfe mit ihrer beinahe unwirklichen Idylle, verborgen hinter wuchtigen Toren und wehrhaften Häuserfronten. Man tritt ein und lässt die Stadt mit ihrem Lärm, ihrer Hast und ihrem Verkehr für einen Augenblick draußen. Ein schmaler Steinweg führt zwischen üppigem Grün zu den Hinterhäusern mit warmen Ziegeldächern. Alte Bäume spenden Schatten, Sträucher wuchern über ihre Grenzen hinaus, und das Sonnenlicht zeichnet flüchtige Muster auf den Boden.
Hier scheint die Zeit einen anderen Rhythmus zu haben. Es würde einen nicht wundern, wenn noch Wäsche zwischen den Häusern hienge man irgendwo eine Tür quietschen hörte und man würde sich am liebsten in den Garten setzen und die Nachmittagssonne genießen. Nichts Spektakuläres geschieht – und gerade darin liegt der Zauber.
Solche Innenhöfe sind kleine Refugien einer vergangenen Stadtkultur, Orte der Nachbarschaft und der dezenten Geborgenheit. Sie zeigen, dass eine Stadt nicht nur aus Fassaden und Straßen besteht, sondern auch aus verborgenen Welten, die sich dem öffnen, der eingeladen ist, durch ein Tor zu treten und das Glück hat, diese Privatheit zu teilen.

Illusion im Torbogen
Diese perspektivische Trompe-l’œil-Wandmalerei haben wir in einer Gasse hinter dem Eingangstor zu einer Pizzeria entdeckt. Sie verwandelt den schmalen Durchgang in eine scheinbar endlose Gasse südländischer Urbanität. Mit verblassten Fassaden, schiefen Fensterläden, verwittertem Mauerwerk und warmen Erdtönen erzeugt sie die Illusion eines gewachsenen Stadtraums, der sich jenseits der tatsächlichen Architektur fortzusetzen scheint. Dabei entsteht ein reizvolles Wechselspiel zwischen Wirklichkeit und Täuschung: Die reale Enge des Eingangs wird durch die gemalte Tiefe aufgehoben, die geschlossene Wand zum imaginären Fenster in eine andere Stadt. Gerade die malerische Patina verleiht der Illusion ihre Glaubwürdigkeit, als hätte die Zeit selbst ihre Spuren hinterlassen. So wird das Eingangstor zu einer Schwelle zwischen Innen und Außen, Gegenwart und Erinnerung, gebautem Raum und künstlerischer Imagination.

Ein grünes Gewölbe in Temeswar
In den Seitenstraßen spannt die Natur eine eigene Textur über die Straßen. Alte Bäume breiten ihre Äste aus, verweben Blätter zu einem grünen Gewölbe und schenken der Stadt ein Gewebe, das sich mit dem Wind bewegt und mit den Jahreszeiten verfärbt. Darunter wirken die Häuser beschützt, das Licht wird weich und der Himmel schimmert durch.
Ein solches “grünes Gewölbe” spendet Verschattung an den Hundstagen der immer heißer werdenden Sommer, wirkt wie eine Umarmung der Natur, die ein Stück Geborgenheit mitten im städtischen Leben spendet. Bald werden sich zwischen den Zweigen die ersten Herbstfarben zeigen und es immer bunter werden lassen, dann wird es sich lichten.

Ein Sportplatz der Menschen zusammenführte
Es gibt Orte, die bleiben in uns lebendig, selbst wenn sich ihr Gesicht längst verändert hat. Dieser Sportplatz ist für mich ein solcher Ort. Heute liegt er verlassen in der Nachmittagssonne und ist dabei wieder hergerichtet zu werden, von Absperrbändern umgeben. In meiner Erinnerung füllt er sich mit Leben, mit dem Echo aufspringender Bälle, mit Zurufen, Pfiffen und dem Beifall der Zuschauer.
Hier lieferten sich Generationen ihre Handballspiele. Als Kind saß ich auf der Tribüne, ganz nah am Geschehen, und erlebte die Spannung der Begegnungen unmittelbar. Ich erinnere mich an die besondere Atmosphäre, an die Leidenschaft der Spieler und an jene Begeisterung, die von der Spielfläche auf die Zuschauer übersprang. Früher spielte Handball eine große Rolle im Banat, war auch ein Stück städtischen Lebens, ein gemeinsames Erlebnis, das Menschen zusammenführte.
Durch meinen Großvater Anton Höckl, der Dekan an der Sporthochschule war, wurde ich als Kind an diese Spiele herangeführt. Trainer wie Franz Höckl, der Bruder meines Großvaters, und Adam Fischer waren oft bei uns zu Gast. Die Gedanken daran verleihen diesem unscheinbar scheinenden Sportplatz für mich eine wichtige Bedeutung. Die sportliche Geschichte verbindet sich mit der Familiengeschichte; die Erinnerung an die Spiele mit dem Wissen um Menschen, die zu meiner eigenen Vergangenheit gehören. Ich lernte schon als Kind, wie viel Arbeit, Verantwortung und Leidenschaft hinter einer Mannschaft standen, wie wichtig Teamarbeit war.
An Orten wie diesem wird mir bewusst , wie eng die Geschichte dieser Stadt mit der eigenen Lebensgeschichte verwoben ist. Dieser Sportplatz ist ein Stück Kindheit und Jugend, ein Ort familiärer Verbundenheit und ein Zeugnis jener Vergangenheit, die mich bis heute an Temeswar bindet.

Ein Vaporetto patrouilliert noch
Es war ein Hauch von Venedig, der sich auf die Bega wagte. Die Vaporettos glitten über das ruhige Wasser, unterquerten die alten Brücken und eröffneten einen ungewohnten Blick auf die Stadt. Plötzlich wurde der schiffbare Fluss, der als Verbindungsweg geplant doch lange stillgelegt gewesen war, wieder zum Verkehrsweg, zu einer Wasserstraße mitten durch die Stadt.
Die Fahrt war nicht nur eine touristische Attraktion: Sie war der Versuch, Temeswar neu zu entdecken, vom Wasser her, mit jener Gelassenheit, die nur ein ruhiger Fluss vermitteln kann.
Die Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs durch Vaporettos auf der Bega stellt einen großen Verlust dar. Der Anblick eines einzelnen Bootes, das unter der Eisenbrücke hindurchfährt, führt vor Augen, was sein könnte. Dass der Bega-Kanal als alter Verkehrsweg, der mitten durch Temeswar führt, Länder, Regionen und Menschen verbinden kann.

Jenseits der Spiegelungen
Die Bega trägt die Stadt in einer zweiten, beweglichen Fassung:
Fassaden tauchen ins Wasser, Fenster verlieren ihre Konturen, Dächer stehen kopfüber im wechselnden Licht.
Die Bäume am Ufer schlagen Wurzeln im Himmel, ihre Kronen zittern zwischen zwei Welten.
Im Park gehen Menschen durch das Grün, das unten weiterwächst, verwischt von einer leichten Strömung.
Ein Haus neigt sich seinem Spiegelbild zu. Ein Ast berührt die eigene Verdoppelung. Was oben Bestand hat, gerät unten in Bewegung.
Der Kanal fließt gelassen dahin, als ließe sich das Leben den Ufern entlang erzählen, als wäre Zeit nichts weiter als ein ruhiges Gleiten von einer Biegung zur nächsten.
Aber mein Leben ist kein langer ruhiger Fluss.
Es kennt abrupte Abzweigungen, Strudel, die mich hinabziehen, Ufer, die plötzlich verschwinden, und Strömungen, die mich forttragen, ohne mich zu fragen, wohin.
Vielleicht erkenne ich mich deshalb im Spiegelbild der Stadt: oben die Fassaden, die Parks, das scheinbar Verlässliche.
Darunter das Wasser, das alles aufnimmt und nichts unverändert lässt.






