Das Denkmal der Treue - ein Exempel für Temeswars wechselvolle Geschichte
- Astrid Ziegler

- vor 4 Tagen
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„Das unsichtbare Erbe: Verschwundene Baudenkmäler der Habsburgerzeit in Temeswar“
Zwischen den Fassaden der Gegenwart, im Schatten neu errichteter Häuser und unter dem Pflaster vielbegangener Straßen, liegen in Temeswar Relikte verlorener und fast vergessener Baudenkmäler aus der Zeit der Habsburgerherrschaft. Von manchem Bauwerk, das einst das Gesicht der Stadt prägte, sind heute nur noch Grundmauern geblieben oder eine Steinmetzarbeit aus Sandstein, eine Wandmalerei oder ein paar alte Fotografien. Ihre Silhouetten sind aus dem Stadtbild verschwunden, ihre Geschichte sollte jedoch nicht vergessen werden.
In den Spuren, die die verschwundenen Baudenkmäler im Stadtbild hinterlassen haben, verdichten sich politische Umbrüche, städtebauliche Visionen, kulturelle Blütezeiten und manchmal auch Verluste. Wenn solche Orte völlig aus dem Blick geraten, droht mehr verloren zu gehen als nur Stein und Mörtel: Es droht ein Stück des kollektiven Gedächtnisses zu verblassen.
Gerade deshalb lohnt es sich, innezuhalten und genau hinzusehen – auch dort, wo scheinbar kaum mehr mehr etwas steht. Die Reste des Fundaments einer Kirche, ein Bruchstück eines einst riesigen Bauwerks oder die Geschichte eines längst verschwundenen Denkmals, dessen letzter Überreste inzwischen nur noch für den Kenner seiner Geschichte zu finden sind, kann man als noch sichtbaren Bezugspunkt nutzen um die Geschichte dieser wichtigen Bauwerke, die Teil der Temeswarer Stadtgeschichte, der Regionalgeschichte des Banats und nicht zuletzt der europäischen Geschichte sind, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Dieser Vortrag lädt zu einem solchen Hinsehen ein und nimmt 5 einst wichtige Baudenkmäler, von denen heute nur noch Reste zu sehen sind, in den Blick. In einem virtuellen Rundgang durch Zeit und städtischen Raum werden im Rahmen einer bebilderten Präsentation das Denkmal der Treue, das Haus zum Prinz-Eugeni-Tor, die Kirche der Bosnischen Franziskaner, die St.Georgs Kirche und die Siebenbürger Kaserne vorgestellt. Ihren Spuren wird gefolgt über alte Pläne, Fotografien und überlieferte Quellen – so wird Unsichtbares wieder sichtbar gemacht und in die Historie Temeswars eingeordnet. Denn auch wenn diese Bauwerke aus der Habsburgerzeit verschwunden sind, gehört ihre Geschichte weiterhin zur Stadt. Und solange wir sie erzählen, bleiben sie Teil von Temeswars kollektiver Erinnerung.
Ein für die Stadtgeschichte bedeutendes Denkmal, dessen letzter Rest heute nur noch versteckt auf einem Temeswarer Friedhof steht, das einst aber an prominenter Stelle, am Freiheitsplatz/Piața Libertății für Aufmerksamkeit sorgte, ist das „Denkmal der Treue“. Es ist ein Monument, das an die Verteidigung der Festung Temeswar durch kaiserliche Truppen während der revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49 erinnert. Seine Geschichte erzählt von einer wichtigen Zäsur, nicht nur in der Geschichte der Stadt, sondern von politischen Veränderungen, die ganz Europa betrafen. Um zu verstehen was es mit dem Denkmal der Treue auf sich hat, warum es aus kaiserlicher Initiative aufgestellt wurde, warum es so umstritten war, dass es schließlich schrittweise zerstört und abgebaut wurde, muss man sich den Wirren zuwenden, die die Revolution von 1848 auslösten und die sich für Temeswar schließlich als äußerst zerstörerisch erweisen sollten.
Die ungarische Revolution von 1848 und deren Nachhall in Temeswar
So vielversprechend die revolutionären Ereignisse seit März 1848 in Wien und Pest begonnen hatten, so begeistert wurde sie zunächst auch in der Banater Hauptstadt aufgenommen. Das deutsche Bürgertum Temeswars äußerte seine Solidarität mit den Ideen der Revolution, es gab madjarenfreundliche Kundgebungen, die ungarische Trikolore wurde selbst an militärischen Gebäuden der Stadt gehisst, eine Nationalgarde wurde gebildet. Die Umbenennung des Paradeplatzes in Freiheitsplatz erfolgte aus einem Bekenntnis zum damaligen revolutionären Geist.
Die Kunde am 20. März 1848, dass Kaiser Ferdinand I. die Bildung eines Ministeriums bewilligte und Lajos Batthyány damit beauftragt wurde, feierte man in der Stadt mit Dankgottesdiensten aller Konfessionen.
Temeswar hatte im Juni 1948 immerhin schon 22.612 Einwohner, aus denen dem Magistrat 109 gewählte Volksvertreter zur Seite gestellt wurden. Johann Nepomuk Preyer wurde erneut zum Bürgermeister gewählt. Die Neugewählten wurden in einem festlich geschmückten Zelt am Freiheitsplatz unter Anwesenheit des Festungskommandanten Freiherr Georg von Rukawina feierlich vereidigt, anschließend wurde in der Domkirche ein von Bischof Lonovics ein feierliches Hochamt gefeiert.

Doch die Eintracht in der Stadt sollte schon im Oktober des Jahres beendet werden und ein Kräftemessen zwischen Anhängern der Revolution und Verfechtern der alten Ordnung beginnen. Nachdem ein kaiserliches Manifest, das sich gegen die Forderungen der Revolutionäre richtete, das ungarische Ministerium wieder aufgelöst hatte und Ungarn, Siebenbürgen, Kroatien und Slawonien unter die Kriegsgesetze gestellt wurden, zog Festungskommandant Georg von Rukawina sofort die Konsequenzen in Temeswar und wandte sich gegen die bisherige städtische Politik, deren Hauptakteur nicht zuletzt er gewesen war. Auf seine Aufforderung, sich zu positionieren, lenkte der bisher der Revolution zugeneigte Magistrat schließlich ein und erklärte sich kaisertreu. Nur das bischöfliche Konsistorium erkannte das kaiserliche Manifest nicht an und floh nach Máko. Wie gründlich die Distanzierung von den Revolutionären in der Stadt vorgenommen wurde, erkennt man daran, dass selbst verwundete Honvéd-Soldaten aus dem Militärspital in das bürgerliche Spital gebracht wurden, da die Honvéd-Truppen nunmehr als feindlich galten.
Belagerung und erbittertes Ringen um Temeswar
Am 10. Oktober 1948 verhängte k.k. Feldmarschall-Lieutnant und Festungs-Commandant Baron Rukawina den Belagerungszustand über die Festung Temeswar und die Vorstädte:
Mit Bezug auf die unter Einem kund gemacht werdenden Allerhöchsten Entschließungen Seiner Majestät ddto. Schönbrunn vom 3.October… welchen das ganze Königreich Ungarn den Kriegsgesetzen unterworfen ist, wird die Festung Temesvár mit ihren Vorstädten vom heutigen Tage in Belagerungs-Zustand erklärt und hiermit das Kriegsgesetz verkündet.
…wir erklären vielmehr einstimmig und fest, dass wir Temesvár, in so lange die allgemeine Wirrniss nicht vollkommen geordnet und eine feste auf unerzwungene Gesetze basirte Regierung hergestellt ist, an Niemanden zu übergeben, hierüber von Niemanden Befehle annehmen, sondern diese wichtige Bollwerk dem Monarchen und der Dynastie mit anwendung aller uns zu Gebote stehenden Mittel, mit Blut und Leben bis auf den letzten Mann zu erhalten beschlossen haben.
Der Magistrat wurde unter das Kommando eines Kriegsrats mit Sitz in der Hauptwache am Freiheitsplatz gestellt, dem Rukawina vorsaß. Auch optisch wurde im Stadtbild der Kurswechsel vollzogen.Die ungarische Trikolore war überall wieder eingeholt und am Rathaus die schwarzgelbe kaiserliche Fahne gehisst worden.
Das Festungskommando verfügte auch die Entwaffnung der Nationalgarde, die der Magistrat zunächst entschieden ablehnte. Erst als Rukawina das Stadthaus von Militär einschließen, zwei Kanonen mit brennenden Zündern gegen den Sitzungssaal und zwei gegen das Komitatshaus richten ließ, verfehlte diese Drohung ihre Wirkung nicht und die städtischen Waffen wurden abgeliefert.
Mit der Abdankung von Kaiser Ferdinand I. und der Thronfolge durch Kaiser Franz-Josef wurde der Kurswechsel zurück zur autoritären Herrschaft bekräftigt und der Kampf gegen die Revolution vorangetrieben, die Stadt begann sich auf Krieg vorzubereiten.
Anfang 1849 musste sich die Bevölkerung für drei Monate mit Lebensmitteln versorgen. Im April näherten sich Revolutionstruppen unter dem Kommando von General Bém von allen Straßen der Stadt. Der Stadtkommandant ließ daraufhin die Festungstore schließen, der 25.April 1848 gilt als erster Tag der Belagerung, die die 8. und letzte in der Geschichte der Stadt bleiben sollte. Temeswar wurde bald von den ungarischen Truppen eingeschlossen und von der Außenwelt abgeschnitten.
Nachdem Stadtkommandant Rukawina eine Aufforderung zur Übergabe der Festung ungeöffnet zurückgewiesen hatte, folgte ein erbitterter 107 Tage lang währender Kampf um Temeswar, in dem die Stadt von den Kanonen der Belagerer systematisch kaputt geschossen. Der aus Arad mit Truppen zur Verstärkung gekommene Leiter des Angriffs, General Graf Vécsey, bombardierte Temeswar so heftig, dass kaum ein Gebäude unbeschädigt blieb, selbst die Dächer der Kirchen wurden von Kanonenkugeln durchschlagen. Am Domplatz traf es sowohl die griechisch-orthodoxe Kathedrale als auch die katholische Domkirche, in der über 100 Menschen Zuflucht gesucht hatten.
Zu der Bedrohungslage durch die Kampfhandlungen drohten im Laufe der Monate Juni und Juli zusätzliche Gefahren für die in Temeswar Eingeschlossenen. Bei über 30 Grad brachen Seuchen aus, denen die erschöpften und wegen des zur Neige gegangenen Proviants hungernden Menschen in großer Zahl zum Opfer fielen. Erst am 2. Juli durften nach Verhandlungen zwischen den Revolutionären und den Belagerten 800 Zivilisten, darunter Bürgermeister Preyer, die Festung verlassen.
Danach verschlimmerte sich die Situation nochmal dramatisch: Hunger, Brände, Krankheiten demoralisierten alle, die noch in der Festung verblieben waren. Es gab keine Nahrung mehr, selbst das Fleisch der verendeten Pferde wurde knapp. Die Ärzte, die um das Leben der Erkrankten kämpften, starben selbst an Typhus und Cholera. Trotzdem kämpften beide Parteien erbittert weiter, Rukawina sandte Vécsey, der einen Boten mit dem Angebot zu einer ehrenhaften Kapitulation geschickt hatte, die Versicherung, dass die Garnison sich bis zur letzten Patrone verteidigen werde.

Am 8. August näherte sich die Entsatzarmee unter dem Kommando von General Julius Jakob Freiherr von Haynau der Stadt. Zwischen Kleinbetschkerek und Neubeschenowa siegten schließlich die herannahenden Kaiserlichen über die ungarische Südarmee in der “Schlacht von Temeswar”. Nach 107 Tagen wurden die Stadttore erstmals wieder geöffnet. Die Temeswarer Garnison hatte aus mehr als 4000 Soldaten bestanden und aus doppelt so vielen Rekruten aus den umliegenden Dörfern. Die Zahl der Opfer betrug ca. 2565, wovon über 2000 an den Seuchen gestorben waren. Darunter auch der betagte General Rukawina, der kurz nach seinem Sieg der Cholera erlegen war.
Die Kenntnis dieser dramatischen Ereignisse zwischen Revolution und deren Niederschlagung sind essentiell, um die ambivalente Bedeutung und die Kontroverse um das Denkmal der Treue zu verstehen.
Ein neugotisches Monument aus Wien

Schon die Grundsteinlegung in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph I. und die Enthüllung waren machtvolle Demonstrationen des siegreichen und gefestigten Kaisertums der Habsburger. Um die Aufstellung propagandistisch zu begleiten, veröffentlichte die k.u.k. Staatsdruckerei in Temeswar sogar eine Broschüre mit dem Titel:
„Rückblick auf Temesvár bei der Enthüllungsfeier des Monuments am 17. Januar 1853 für die tapfere Vertheidigung der Festung im Jahre 1849.“
Das Monument stellte nicht nur eine Anerkennung und Widmung durch Franz Joseph I. dar, die die Verteidiger der Festung ehrte, es war eine steinerne Machtdemonstration des Kaisertums, ein Symbol des Sieges der Wiener Reaktion über die ungarische Revolution.
Dementsprechend kam das Denkmal der Treue direkt aus der Hauptstadt des Habsburgerreiches: entworfen wurde das etwa 20 m hohe Monument vom Wiener Architekten und Steinmetz Joseph Andreas Kranner. Er gestaltete es im neugotischen Stil und führte die Arbeiten auch selbst aus. Sein Aufbau war symbolisch gestaltet:
Unterbau in Form einer Festung, um die Verteidigungsanlage Temeswars darzustellen
fantastische Ungetüme am Sockel, die die Laster symbolisieren sollten, die bei den Verteidigern keinen Platz fanden
darüber eine Plattform mit vier allegorischen Figuren – geschaffen vom Wiener Bildhauer Joseph Max
sie verkörperten die Tugenden: Ehre, Gehorsam, Wachsamkeit, Aufopferung
Im Zentrum des Denkmals stand schließlich eine Statue der Treue – eine Frauengestalt, die die Schlüssel der Festung Temeswar in der Hand hielt. Über ihr erhob sich ein reich verzierter Baldachin, gekrönt von einer ornamentalen Spitze. Auf der Vorderseite prangte zudem das kaiserliche Wappen.
Die Widmung lautete: „Franz Joseph I. den heldenmüthigen Vertheidigern der Festung Temesvár im Jahre 1849.“
Veränderungen auf dem Paradeplatz
Die Errichtung des Denkmals hatte auch Folgen für die Neugestaltung des Platzes. Da es in der Mitte des Paradeplatzes aufgestellt werden sollte, musste die dort stehende Marien-Nepomuk-Säule, auch Pestsäule genannt, versetzt werden.
Am 20. Februar 1853 legte Bischof Alexander Csajághy den Grundstein für den neuen Standort dieses somit ausgemusterten alten “Hausheiligen” der Habsburger Nepomuk vor dem Siebenbürger Tor. Erst im Jahr 1970 kehrte die Nepomuksäule, der ein glücklicheres Schicksal beschieden war, wieder auf den Freiheitsplatz zurück.

Politischer Wandel und Abbau des Monuments
Mit den politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Denkmal der Treue nämlich zunehmend in die Kritik. Schon mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Denkmal der Treue, mit in die Nachkriegswirren gezogen, als Symbol der überholten Habsburgerherrschaft geschmäht und sogar vandalisiert. Der zentralen Statue, die eine Allegorie der Treue darstellte, wurden Kopf und eine Hand abgeschlagen und ein Schild mit der Aufschrift “Österreich ist tot” umgehängt. Auch die vier allegorischen Figuren wurden in den folgenden Jahren Zug um Zug entfernt, galt doch das Denkmal den Obrigkeiten der ab 1919 zu Rumänien gehörenden Stadt auch als Symbol der abgeschüttelten habsburgischen Herrschaft.

Am 25. Dezember 1935 begann unter dem damaligen Bürgermeister Augustin Coman der endgültige Abbau des Monuments vom Freiheitsplatz.
Nachdem das Denkmal der Treue vollständig abgetragen war, kam am 18. Januar 1936 der Grundstein zum Vorschein. Eine städtische Kommission untersuchte dieses Relikt, das wie eine Zeitkapsel anmutete, in deren Inneren sich ein Metallbehälter mit der Jahreszahl 1852 fand. Darin lagen:
das Stiftungsdokument mit der Unterschrift Kaiser Franz Josephs, das jedoch stark beschädigt war
12 Münzen aus den Jahren 1848 bis 1852
fünf Stahlringe
Die Münzen spiegelten die Zeit der Revolution wider, darunter Taler, Gulden und Kreuzer aus österreichischen und ungarischen Prägungen. Die Funde wurden anschließend dem Museumsdirektor zur Aufbewahrung übergeben.
Neuer Standort auf dem Heldenfriedhof
Nach der Entfernung aus dem Stadtbild wurde das, was von dem Monument übrig war, nämlich der spätgotische Baldachin, in einer Ecke des Militär- beziehungsweise Heldenfriedhofs aufgestellt, wo es sich heute noch befindet.

Ein Denkmal als Spiegel der Stadtgeschichte
Das „Denkmal der Treue“ steht exemplarisch für die wechselvolle Vergangenheit Temeswars. Nach anfänglicher Reformfreudigkeit und einem erbitterten Kampf um Temeswar errichtet als Symbol kaiserlicher Loyalität wurde es später zerstört und aus politischen Gründen entfernt um schließlich an einem Friedhof wieder aufgebaut zu werden. So spiegelt es die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen Temeswars, des Banats, gar Mitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert wider.

Der derzeitige Standort auf einem Friedhof erscheint nur auf den ersten Blick makaber, ist nach genauerer Überlegung aber vielleicht ganz passend. Nach den kriegerischen Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, befindet sich dieses unter den Bevölkerungsgruppen Temeswars umstrittene Denkmal, das selbst Teil der Stadtgeschichte wurde, an einem Ort des Friedens zur letzten Ruhe gebettet.







Ganz vielen Dank - " Und solange wir sie erzählen, bleiben sie Teil von Temeswars kollektiver Erinnerung". LG auch aus Australien.