Das „Haus zum Prinz Eugen Tor“ – eine verblassende Erinnerung
- Astrid Ziegler

- vor 11 Stunden
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„Das unsichtbare Erbe: Verschwundene Baudenkmäler der Habsburgerzeit in Temeswar“
Zwischen den Fassaden der Gegenwart, im Schatten neu errichteter Häuser und unter dem Pflaster vielbegangener Straßen, liegen in Temeswar Relikte verlorener und fast vergessener Baudenkmäler aus der Zeit der Habsburgerherrschaft. Von manchem Bauwerk, das einst das Gesicht der Stadt prägte, sind heute nur noch Grundmauern geblieben oder eine Steinmetzarbeit aus Sandstein, eine Wandmalerei oder ein paar alte Fotografien. Ihre Silhouetten sind aus dem Stadtbild verschwunden, ihre Geschichte sollte jedoch nicht vergessen werden.
In den Spuren, die die verschwundenen Baudenkmäler im Stadtbild hinterlassen haben, verdichten sich politische Umbrüche, städtebauliche Visionen, kulturelle Blütezeiten und manchmal auch Verluste. Wenn solche Orte völlig aus dem Blick geraten, droht mehr verloren zu gehen als nur Stein und Mörtel: Es droht ein Stück des kollektiven Gedächtnisses zu verblassen.
Gerade deshalb lohnt es sich, innezuhalten und genau hinzusehen – auch dort, wo scheinbar kaum mehr mehr etwas steht. Die Reste des Fundaments einer Kirche, ein Bruchstück eines einst riesigen Bauwerks oder die Geschichte eines längst verschwundenen Denkmals, dessen letzter Überreste inzwischen nur noch für den Kenner seiner Geschichte zu finden sind, kann man als noch sichtbaren Bezugspunkt nutzen um die Geschichte dieser wichtigen Bauwerke, die Teil der Temeswarer Stadtgeschichte, der Regionalgeschichte des Banats und nicht zuletzt der europäischen Geschichte sind, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Dieser Vortrag lädt zu einem solchen Hinsehen ein und nimmt 5 einst wichtige Baudenkmäler, von denen heute nur noch Reste zu sehen sind, in den Blick. In einem virtuellen Rundgang durch Zeit und städtischen Raum werden im Rahmen einer bebilderten Präsentation das Denkmal der Treue, das Haus zum Prinz-Eugeni-Tor, die Kirche der Bosnischen Franziskaner, die St.Georgs Kirche und die Siebenbürger Kaserne vorgestellt. Ihren Spuren wird gefolgt über alte Pläne, Fotografien und überlieferte Quellen – so wird Unsichtbares wieder sichtbar gemacht und in die Historie Temeswars eingeordnet. Denn auch wenn diese Bauwerke aus der Habsburgerzeit verschwunden sind, gehört ihre Geschichte weiterhin zur Stadt. Und solange wir sie erzählen, bleiben sie Teil von Temeswars kollektiver Erinnerung.
Vom “ewigen Denkmal” zum Abbild vom Turm zum Bild vom Bild
Wer heute an der Ecke der Prinz-Eugen-Str. zur Mărășești-Straße stehen bleibt, entdeckt ein unscheinbares einstöckiges Haus. Nichts an seiner Fassade verrät auf den ersten Blick, dass an dem Ort einst Geschichte geschrieben wurde.
Das Haus wurde in früheren Zeiten als das ”Prinz Eugen Haus" bezeichnet, was den irrtümlichen Schluss nahe legt, der große Eroberer der Habsburger hätte hier gewohnt oder es gar besessen. Das war jedoch nie der Fall. Die Bezeichnung „Haus des Prinzen Eugen“ ist vielmehr eine Fehlinterpretation späterer Zeiten – ein Beispiel dafür, wie Geschichte manchmal zu einer ansprechenden, aber ungenauen Erzählung geformt wird.
Im Folgenden soll anhand von Quellen herausgefunden werden was es mit dem prominenten Namen des Bauwerks auf sich hat und dessen Geschichte rekonstruiert werden.

Am 18. Oktober 1716, der zufällig auch sein 53. Geburtstag war, ritt der siegreiche Feldherr Prinz Eugen von Savoyen an der Stelle, an der heute das Gebäude steht, an der Spitze seiner Truppen in die Festung Temeswar ein. In wochenlanger Belagerung war Temeswar so heftig beschossen worden, dass die Osmanen schließlich kapitulierten. Damals befand sich dort ein Torturm – das sogenannte Forforoser Tor, eines der vier steinernen Stadttore der türkischen Befestigung. Drei der Einlässe mussten bald der Modernisierung und Bautätigkeit, die die neue Ära der Habsburger in der Stadt einleitete, weichen.
Das Forforoser Tor jedoch, durch das der große Feldherr erstmals die Festung Temeswar betreten hatte, sollte, so kann man in einem Sitzungsprotokoll der Baukommission der Banater Landesadministration aus dem Jahr 1767 nachlesen, sollte als “ewiges Denkmal” erhalten bleiben und nicht abgerissen werden. Immerhin hatte das solide und markante Bauwerk auch einige Jahre vorher den vereinigten Gemeinden der sephardischen und aschkenasischen jüdischen Bewohnern Temeswars als erste Versammlungs- und Gebetsstätte gedient.
Doch Dokumente aus dem Wiener Hofkammerarchiv berichten, dass der Torturm samt Baugrund schließlich einem Tischlermeister namens Anton Müller überlassen wurde, um ein Haus darauf zu errichten – kostenlos, allerdings unter einer Bedingung. Der Turm sollte unversehrt erhalten bleiben, “Architektur und Facia” dürften keine Beeinträchtigung erfahren. Doch Müller bekam die Bürde dieser “Denkmalschutz-Verordnung” bald zu spüren. Als er feststellte, dass der Dachstuhl morsch war, Ecksteine aus dem Turmbau herausgefallen waren und darüber hinaus durch das Baudenkmal, das den ganzen Hof einnehmen würde, keine vernünftige Toreinfahrt gebaut werden konnte, stand fest, dass der Turm weg musste.
Und so stellte auch der Schriftsteller und Journalist Franz Liebhard, ein profunder Kenner der Temeswarer Geschichte in seinem in den 70er Jahren erschienenen Werk “Temeswarer Abendgespräch” überzeugend dar, dass sich die Reste des Forforoser Tores mit dem Hausbau von Tischler Müller schon Ende des 18. Jahrhunderts verlieren.
Um das historische Ereignis des Eintritts Prinz Eugens in die Temeswarer Festung, das immerhin eine neue Ära in der Stadt an der Bega einläutete, trotzdem in kollektiver Erinnerung zu behalten, schuf man ein Abbild des Tores. In einer Wandmalerei über dem Eingang wurde in einem Medaillon eine barock gerahmte Darstellung des einstigen Tores geschaffen, ein Abbild des Baudenkmals sozusagen, zu dem eine erklärende Inschrift hinzugefügt wurde.
Das Gebäude, das lange Zeit im Volksmund „Haus zum Eugenii-Tor“ genannt wurde, sollte eine wechselvolle Geschichte haben, die im alten Grundbuch gut dokumentiert ist. .
Im Jahr 1804 wurde zum Beispiel das Gebäude von einem gewissen Michael Zacher für 11.600 Gulden ersteigert. Später wechselte das Haus mehrfach den Besitzer: 1829 erwarb es ein Schneidermeister Rudolf Moran, dessen Sohn später Hofkammersänger in Braunschweig werden sollte.
Nach den Wirren der Revolution von 1848/49 kaufte schließlich Stadthauptmann Paul Wesselinovits das Haus, bevor es später in den Besitz einer Familie Savits überging, deren Mitglieder über Generationen hinweg in der Stadtverwaltung tätig waren. In ihrem Besitz blieb das Gebäude lange Zeit.

Im Lauf der Jahre nagte der Zahn der Zeit an Haus und Bild, das ungeschützt der Witterung ausgesetzt war. Es wurde wohl öfter übertüncht und wieder aufgemalt und in den 70er Jahren für mehrere Jahrzehnte hinter Glas gesichert. Schließlich wurde die Scheibe trüb und das Abbild nicht nur unsichtbar sondern auch brüchig.

Im Zuge der Maßnahmen anlässlich des 300-jährigen Jahrestages, seit der Eroberung Temeswars durch die kaiserlichen Truppen, ergriff Herr Peter Krier, der Vorsitzende des Hilfswerks der Banater Schwaben die Initiative zur Restaurierung dieses vernachlässigten Abbilds. Mit materieller Unterstützung des Hilfswerks, der Landsmannschaft der Banater Schwaben und des Hauses des Deutschen Ostens München trat er ans Banater Museum Temeswar mit heran, das den Fachmann Ion Oprescu beauftragte. Er demontierte das Abbild, brachte es ins Museum, nahm sich des brüchigen Zeugnisses von Stadtgeschichte an und verlieh ihm sein heutiges Aussehen.
Es ist an der Zeit auch diese Episode der Stadtgeschichte korrekt zu erzählen. Denn die wenigsten, die heute am vermeintlichen „Haus des Prinzen Eugen“ vorbeigehen und das Medaillon mit dem Forforoser Torturm über dem Eingang entdecken, kennen seine bemerkenswerte Bedeutung. Es zeigt als Bild vom Abbild eines längst verschwundenen Baudenkmals einen letzten gemalten Gruß des Ereignisses, das in Temeswar eine neue Epoche in der einleitete und den Grundstein zur modernen Stadtentwicklung legte.







Wie schön, dass Sie diese Hintergründe und ihre Bedeutung beschreiben und damit das Vergessen verhindern!
Sehr gerne, freue ich, dass er auf Interesse stößt!
Ein so notwendiger Artikel, danke dafür, liebe Astrid!