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Osterspaziergang durch die Kulturhauptstadt: Temeswar leuchtet

Wer wie wir im Frühling in der Kulturhauptstadt unterwegs ist, stellt vor allem eines fest: Temeswar leuchtet. Der Satz München leuchtete in der Novelle Gladius dei wurde von Thomas Mann im Zusammenhang mit der Stadt, in der er mit seiner Familie viele Jahre lebte, geprägt und in der Folge oft zitiert.

Im Frühling in Temeswar drängt sich der Vergleich mit der aktuellen Kulturhauptstadt geradezu auf. In dieser Jahreszeit stehen Bäume und Büsche in voller Blüte, Magnolien, Zierkirschen und Goldregen strahlen einem in weiß, rosa und gelb entgegen. Die ersten Blumen schmücken die weitläufigen Grünanlagen und Parks und auch die Sonne begleitete den Spaziergänger auf seinen Streifzügen durch die Stadt.


Leuchtendes Sonnengelb ist auch der Farbakzent in der Jahreszahl, die Teil des Logos der Kulturhauptstadt ist, und die sich dem Besucher hier an zentraler Stelle, am Opernplatz (Piața Victoriei) präsentiert.



Am Freiheitsplatz steht zur Orientierung das Modell der Inneren Stadt, der Temeswarer historischen Altstadt. Bei einem Blick darauf fällt sofort der signifikante Unterschied zu München auf, der zweiten Stadt, die mich geprägt hat. Hier in Temeswar wurden die Straßen nach der Eroberung durch die Habsburger rasterartig und rechtwinklig angelegt. Das Jahr 1716 markierte eine Zeitenwende für die Stadt, die nach der fast vollständigen Beseitigung, der von den Osmanen beherrschten Stadt auf dem Reißbrett, geplant wurde.

Wie anders dagegen München. Auf dem Stadtmodell vor der Frauenkirche sieht man eine im Mittelalter gewachsene Struktur, die sich fast spinnwebenartig über das uralte Straßenkreuz legt, zu dem die Salzstraße gehört.



Am Domplatz, am barocken Herz der Stadt, flattern die Fahnen der Kulturhauptstadt und der katholische Dom präsentiert sich in neuem Anstrich, in beige-braun statt des gewohnten früheren Habsburgergelb. Während des 18. Jahrhunderts war er das kommerzielle Zentrum der Stadt und im Zentrum des Platzes befindet sich die Dreifaltigkeitsstatue.



Am Domplatz gibt es frisches, kühles Heilwasser aus dem Trinkbrunnen vor der katholischen Kathedrale. Das kühle Nass stammt aus einem Brunnen, der Ende des 19.Jahrhunderts über 400 m tief gebohrt wurde. Es ist erfrischend und löscht den Durst. Ein kleines Mädchen zeigte mir außerdem ein lustiges Spiel. Hält man eine der drei Düsen zu, spritzt das Wasser aus den übrigen beiden umso höher, so dass man den Trinkenden bespritzen kann. Das kann man sich schon mal für die kommenden heißen Sommertage merken…



Ein Jugendstiljuwel am Domplatz leuchtet besonders farbenfroh, nämlich das Haus Brück. Bei Tag in den Farben rot und grün, bei Nacht durch die Beleuchtung, die den Schriftzug der Apotheke in drei Sprachen zeigt. Die original erhaltene Einrichtung stammt noch aus der Zeit der jüdischen Apothekerfamilie Weiss, die über drei Generationen die Apotheke am Domplatz betrieb.



Von München heißt es, es sei das Millionendorf, denn wenn man länger in der Stadt gelebt hat, trifft man immer mal wieder Bekannte auf den Straßen. Um wieviel mehr gilt das für Temeswar!

Ich treffe Hansi Müller, der viele Jahre in München war und der inzwischen im Banat ein Begriff ist, wenn es um schwäbische Volkstänze geht. Er überrascht mich mit einem Geschenk. Es ist eine Kachel, die Münchner Schäffler zeigt. Der Schäfflertanz hat eine lange Tradition in der bayerischen Landeshauptstadt und Hansi hat sich gemerkt, dass meine Familie mit diesem bayerischen Brauchtum verbunden ist.



In Temeswar waren es die Schlosser, die sich nach Wiener Vorbild auf diesem Gesellenbaum verewigt haben. Er wird Stock im Eisen genannt und befindet sich an einer Hausecke vis-à-vis vom heutigen Hotel Continental. Das Original befindet sich inzwischen im Banater Museum, die Kopie an der Strada Proclamația de la Timișoara sorgt bei vorbeigehenden Passanten, die das Gebilde offenbar nicht einordnen können, für Verwunderung. Während das Foto entstand, wurde ich auf Englisch von einer Touristin gefragt, ob das denn ein echter Baumstamm sei…



Eine rote Hand leuchtet grell auf der Maria-Theresia-Bastion. Das Kunstwerk von Bogdan Rața erlangte auch Aufmerksamkeit durch eine kontroverse Diskussion, die in den sozialen Medien geführt wurde. Das Werk stand schon 2014 bei der Liverpool Biennial sowie 2018 im Zentrum von Kiew.



A b'sonders Schmankerl würde man am Viktualienmarkt sagen. Dort gibt es auch saure Gurken und Langosch, doch nicht so gute wie in Temeswar.

Nach verschiedenen Langosch Tests in der Stadt, sind wir der Meinung, dass die am Fabrikstädter Markt (Piața Badea Cârțan) die Besten sind.

Kombiniert mit den köstlichen Salzgurken sind sie der perfekte Snack, Verzeihung, die perfekte Jause, wie man in Temeswar sagt.


In Temeswar gibt es auch einen englischen Garten. Der Parcul Regina Maria, (Königin-Maria-Park), benannt nach der früheren Königin von Rumänien, der in der Fabrikstadt liegt, ist klein aber fein. Der älteste Park Temeswars ist im englischen Landschaftsstil angelegt, das heißt, es gibt verschlungene Wege und Bäume, die wie wild gewachsen aussehen. Dieser Kletterbaum könnte schon in meiner Kindheit hier gestanden sein. Sein schräger Stamm ist von den vielen kleinen und großen Kraxlern schon ganz glatt gewetzt.



Die berühmten blühenden Zierkirschen an der Bega Promenade, eine Perspektive, die immer wieder auf Fotos zu sehen ist, konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Was man auf den Bildern nicht sieht: Die Allee sieht nicht nur wunderschön aus, es riecht dort auch gut nach Blüten und Frühling.



Bühne frei für den Rosenpark, den berühmtesten der Temeswarer Parks, der seinerzeit schon von Kaiser Franz Joseph I. besucht wurde. Seinen Eingang markieren die Büsten von Wilhelm und Árpád Mühle, den Stadtgärtnern und Rosenzüchtern, denen Temeswar den Titel Stadt der Rosen zu verdanken hat. Die Königin der Blumen hat leider noch nicht Saison, doch man bekommt auch so einen Eindruck davon, was für ein einmaliger Schauplatz für Veranstaltungen dieser Park ist, wenn hunderte von Rosensorten die Bühne umgeben.



Das weithin sichtbare Wahrzeichen der Kulturhauptstadt ist die Pepiniera, das Gerüst neben der Oper, das fünf Stock hoch in die Höhe ragt und somit eine wunderbare Aussicht auf den Corso und seine Palais bietet. Das Gerüst ist mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, an denen schon grüne Spitzen zu sehen sind. Wie die umliegenden Parks wird auch dieser vertikale Garten bald in voller Pracht stehen, so dass man den Sommer über von dort oben wie durch einen grünen Vorhang blicken wird.

Die umliegenden Sehenswürdigkeiten sind auf jedem Treppenabsatz durch Täfelchen erklärt. So wird zum Beispiel das Palais Löffler erwähnt und sogar auf die Einschusslöcher hingewiesen, die noch von den Kämpfen im Dezember '89 stammen. Wird man sie wohl nach der noch ausstehenden Renovierung sehen können? In München wurden Kriegszerstörungen an der alten Pinakothek und an der Uni Bibliothek als Mahnmal gegen den Krieg bewusst sichtbar gehalten. Das Bewusstsein dafür ist jedenfalls auch in Temeswar geweckt.



Hans Rothgerber ist wie immer mit der Kamera dabei, hier in der Pepiniera. Es ist eine Smartphone-Kamera mit künstlicher Intelligenz, die klassischen Kameras braucht man immer weniger.



Die Sonne schickt die letzten Strahlen über das Palais Lloyd, die Dämmerung senkt sich langsam über Temeswar. Diese Aussicht wird den Besuchern der Pepiniera, eines der Wahrzeichen der Kulturhauptstadt, ermöglicht.



Auch der Fischbrunnen (Fântâna cu peşti) strahlt in neuem Glanz. Vor allem bei Nacht ist er ein Blickfang, da er auch illuminiert ist und somit perfekt zum Motto der Kulturhauptstadt shine your light passt.



Der Brunnen mit den Fischen, seit 1957 in der Mitte des heutigen Piața Victoriei, auch tagsüber eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt, lässt sich in der Früh spannend ablichten. Durch das Morgenlicht leuchten die Wassertropfen wie Perlen und durch Spiel von Sonne und Schatten entstehen kontrastreiche Bilder.



Bewerbung der Kapitolinischen Wölfin - suggeriert eine Foto-Perspektive mit der Lupoaica und der Werbeanzeige eines Möbelhauses. Die Statue ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Die Kapitolinische Wölfin ist ein Geschenk Roms als Zeichen der gemeinsamen romanischen Wurzeln des italienischen und des rumänischen Volkes.



Wer Temeswar weiter erkunden möchte, für den gibt es eine neue Adresse. Herbert Habenicht und ich haben unseren digitalen Rundgang online gestellt, zu dem wir unter www.owntowntour.com herzlich einladen.

Zur Erinnerung: 1884 ist Temeswar die erste Stadt mit elektrischer Straßenbeleuchtung auf dem europäischen Kontinent. Wie es dazu kam und viele weitere interessante Informationen rund um die Kulturhauptstadt gibt es auf der neuen Internetseite. Wir würden uns freuen, wenn Sie vorbei schauen!

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