top of page

Handstandüberschlag für Großvater


In Temeswar 2023 - Foto von Hans Rothgerber

Es gibt Dinge, die in jungen Jahren so einfach erscheinen, dass man sie als selbstverständlich betrachtet. So zum Beispiel flog ich im Traum früher in regelmäßigen Abständen über blühende Blumenwiesen, indem ich die Arme einfach wie Schwingen ausbreitete und mich gleiten ließ. Ebenso leicht fiel mir das Turnen. Von Kindheit an bewegte ich mich gerne, rannte, sprang, kletterte. Es war mir wohl in die Wiege gelegt. 


Mein Großvater Anton Höckl war in seiner Jugend Leistungssportler gewesen und hatte in der Zwischenkriegszeit in Leichtathletik so viele Medaillen gewonnen, dass er nach eingener Aussage gar nicht mehr wusste, wohin damit. Die Zeit des Krieges und die Deportation in die Sowjetunion entledigten ihn zumindest dieser Sorge. Um das eigene Überleben und das Wohl seiner Familie bedacht, verlor dieser Tand, für den er später nur ein wehmütiges Lächeln übrig hatte, für ihn an Bedeutung, so dass er den Verlust in den Wirren der Nachkriegszeit verschmerzen konnte.


Anton Höckl während seiner Laufbahn als Leichtathlet in den 30er Jahren

Er verschrieb sein Berufsleben, dessen Krönung die Einrichtung der Sporthochschule in Temeswar darstellte, dem Unterrichtswesen und Training des Sportler- und Lehrernachwuchses. 

Meine Mutter, Waltraut, trat insofern sportlich in die Fußstapfen ihres Vaters, als sie auf Kreisebene Wettbewerbe im Geräteturnen austrug und auch gewann. Ihr aufgehender Stern am Sporthimmel geriet jedoch nach einem schmerzhaften Sturz auf dem Schwebebalken ins Sinken. Meinem auf der Tribüne zusehendem Großvater schoss eine so gehörige Angst in die Glieder, dass die Wirbelsäule seiner Tochter Schaden genommen haben könnte, dass er ihr das Wettkampfturnen fortan verbot. 

Die Enkelin sollte von dem Leistungssport von Anfang an verschont bleiben, so das Credo in der Familie. Auch wenn ich schon im zarten Alter begann, Purzelbäume zu schlagen, dann Flugrollen, dann Handstand, von dem ich mich schließlich in die Brücke fallen ließ.


Meine Kunststücke machte ich auf der Straße in Temeswar oder Paulisch, wo ich Mitte der 70er Jahren mit Freundinnen und Freunden übte. Ein Turnverein war für mich tabu, der Otti und die Mutti werden schon gewusst haben warum. Dabei war mein großes Vorbild und das aller Mädchen meines Alters Nadia Comăneci, deren fulminante Darbietungen anlässlich der Olympiade in Montreal 1976 ich in Paulisch im Haus unseres Nachbarn Höllich Bacsi mit meinem Großvater verfolgte. Dreimal 10 Punkte in Schwebebalken und Stufenbarren, das hatte es vorher noch nie gegeben. Dazu diese Eleganz und Leichtigkeit des kaum 14-jährigen Mädchens. Ganz Rumänien jubelte damals in kollektiver Bewunderung, doch was mich am meisten beeindruckte, war die Begeisterung meines Großvaters, den ich als Autorität in Sachen Sport betrachtete, für die junge Turnerin. “Bravo Nadia” wurde zum Slogan einer ganzen Nation.


So groß die Bewunderung für das Ausnahmetalent Comăneci war und meine eigenen autodidaktischen Fortschritte auch gelobt wurden, der Vereinssport sollte mir verwehrt bleiben. Und das auch nach unserer Auswanderung nach Deutschland. Die Helikoptermutter, die den Nachwuchs in den Sportverein oder zur musikalischen Förderung fuhr, war in den 80er Jahren noch nicht erfunden, schon gar nicht in Kreisen der Aussiedler, die mit Umschulung und Existenzsicherung schon ausgelastet waren. Ich betrieb meine Turnerei also in der Freizeit an den Stangen am Spielplatz der Wohnanlage, in der wir eine Sozialwohnung zugewiesen bekommen hatten, mit meinen Freundinnen. Die Talente unserer Riege: Anita aus Hermannstadt und Resi aus Kattowitz in Schlesien und meine Wenigkeit, übertrafen uns in den Übungen am Balken. Felgaufschwung, Mühlumschwung und Abgänge mit Drehung, die wir ohne jede Regung standen. Stehvermögen bewiesen wir parallel dazu auch in der Schule, die wir mühelos absolvierten. 

Zu der Zeit  begannen meine Träume vom Fliegen über die blühenden Landschaften, das so lustvoll und mühelos vonstatten ging wie die Bewegungen an den Stangen an den Spielplätzen meiner Jugend.

 

Bewegung und Gleichgewicht sind Schlagwörter, deren Tragweite im übertragenen Sinn mit zunehmendem Alter bis heute an Bedeutung gewinnen. Salto, Flickflack und Bogengang konnte ich mal ganz real turnen, ohne zu ahnen, was es für ein Glück war, dieses Erfolgserlebnis geschafft zu haben. In einem Alter, in dem der Zenit der körperlichen Leistungsfähigkeit überschritten ist, in dem man nicht mehr mit Leichtigkeit fliegen kann, blickt man mit einer Mischung aus Wohlwollen und Nostalgie darauf zurück. Wie geht man um mit den schwindenden Fähigkeiten, für die man andere Qualitäten erlangt? Die Kräfte sind begrenzt, die Ausgleichsfähigkeit und das Gespür für die Prioritäten wachsen. Zu dem vor kurzem absolvierten Überschlag frage ich mich, wie man das Wortfeld eines Begriffes in Balance hält? Ausgewogen, austariert, delikat, fragil, heikel, wiederhergestellt, hinbekommen, imperfekt, labiles Gleichgewicht wahrend, gelungen, hergestellt, sinnlich, sichtbar, ruhend. Ist das was in Balance ist oder schon kippt, eine Frage der Interpretation?


Mit meinem Großvater in Temeswar im Jahr 1977

Den Großvater, der meine Amateursportkarriere immer mit großem Wohlwollen betrachtet hat, und der mir in allen Lebenslagen Hilfestellung gab , kann ich nicht mehr zu Rate ziehen. Offen fragen kann ich ihn seit seinem Tod nicht mehr, doch auf andere Weise ist er in meinem Leben immer präsent. Er hätte gesagt: ”Schau nicht auf das Loch im Käse, sondern auf die Stelle, in die du reinbeißen kannst.”


Es gibt ein Lied von STS, das beschreibt, was er mir bedeutet: 

Großvatter kannst du ned runter kommn auf an schnelln Kaffee 

Großvatter ich möcht dir so viel sagn was ich erst jetzt versteh…

dann hast du g’meint das ganze Lebn

besteht aus nehman und viel mehr gebn...

…und durch die Art wie du dei Lebn glebt hast 

hab ich a Ahnung kriegt wie mas vielleicht schafft...

Dei Grundsatz war, zerst überlebn, a Meinung ham, dahinter stehn



Höchstleistungen haben ihre Berechtigungen, sind wunderbar und erfüllend. Doch sie sind nie von Dauer. Was bleibt, ist nur die Balance, die man immer wieder versucht zu erhalten. Es bleibt das Streben nach 

Äquilibrium, Gelassenheit, Gleichmut, Seelenruhe. Der Jongleur des Lebens muss in schwieriger Stellung das Gleichgewicht halten oder zurückgewinnen, abwägen, prüfen.

Irgendwann wird der Salto im Leben nicht mehr gehen, aber vielleicht noch der Überschlag. Und in Zukunft vielleicht nur noch der Purzelbaum. Wichtig ist es, in Bewegung zu bleiben, im eigentlichen und im übertragenen Sinn. 


Vom leichten Fliegen über blühende Landschaften träumte ich schon seit einer Weile nicht mehr. Doch neulich hatte ich einen völlig neuen Traum vom Fliegen. Einer misslichen Lage entkam ich durch einen Drachen, der mir zur Hilfe geeilt war. Ich war zunächst skeptisch, doch dann schwang ich mich auf seinen Rücken und flog.

Comments


bottom of page