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Der Billeder “Kerweihstrauß” geht nach Bayern



Mit dem bayerischen Defiliermarsch zur Billeder “Kerweih”


In Bayern gibt es die beliebte Erzählung von Ludwig Thoma über den Wachmann Aloysius, den berühmten Münchner im Himmel, dem es im Jenseits so langweilig wurde, dass er von Gott zurück auf die Erde gesendet ward, um der bayerischen Regierung die göttliche Eingebung zu bringen. Des vielen Mannas und des Halleluja-Singens überdrüssig landete er im Hofbräuhaus, wo er seinen himmlischen Auftrag beim guten Hofbräu-Bier dermaßen vergass, dass die Politiker der Landesregierung heute noch auf diese Inspiration warten.


Dies hier ist die Geschichte der Münchener Familie Ziegler, die im Rahmen ihres Sommerurlaubs in Paulisch die Gelegenheit bekam, zum ersten Mal eine Banater Kirchweih mitzuerleben.

Benno, der Familienvater ist ganz klar Bayer und Münchener wie Aloysius. Wie dieser auch dem Wohlleben und der Tradition zugeneigt, überzeugter Oktoberfestbesucher.

Komplizierter ist die Identität der Mutter Astrid, von ihrer Herkunft her Banater Schwäbin, väterlicherseits mit Wurzeln in Billed. Sie wuchs in Temeswar auf, kam als Kind nach München. Als Erwachsene aber zog es sie wieder zurück in die neue alte Heimat. Ihre Tochter Victoria, die Protagonistin dieser Erzählung ist natürlich Münchnerin, aber laut eigener Aussage "auch Banaterin und da und dort zu Hause". Denn sie wuchs als Kleinkind auch in einem Haus in Paulisch auf, lernte Rumänisch und Schwowisch. In München tanzt sie schon seit Jahren mit großer Begeisterung in der Banater Tanzgruppe, wo auch Brauchtum und Dialekt vermittelt werden. Eines haben die drei aber gemeinsam, sie waren noch nie auf einer Banater “Kerweih”.


In Paulisch herrschen in den Sommerferien paradiesische Zustände: gegenüber einem bekannten Weingut wohnend, befindet man sich quasi an der Quelle des Rebensafts. Statt des himmlischen Mannas gibt es zur Zeit die köstlichsten “Paradeis” im Garten. Und doch wird es irgendwann langweilig, so dass man wie Aloysius Gesellschaft und Unterhaltung sucht. Ein Glück, dass man zur Billeder Kirchweih eingeladen wurde, die jährlich im Hochsommer stattfindet, heuer am Samstag, dem 27. August, im Rahmen des Dorffestes "Zilele Biledului".

Die Zieglers stiegen also am Samstagmorgen ins Auto und fuhren, wie sonst zum Oktoberfest in Dirndl und Lederhosen zur “Kerweih”. Zur musikalischen Einstimmung hörten sie unterwegs sowohl den Bayerischen Defiliermarsch (auf Wunsch von Benno) als auch die Banater Dorfmusikanten (Musikwunsch von Astrid).


Auf der vorbildlich organisierten Billeder Kerweih


In Billed wartete der Banater Kerweihvater Hansi Müller, unter dessen kundiger Ägide in diesem Sommer schon zahlreiche Kirchweihfeste stattgefunden hatten.

Als Besucher aus Bayern fragt man sich unwillkürlich, was es mit diesem Feiertag auf sich hat, wodurch er sich von dem bayerischen Pendant unterscheidet und was es für Gemeinsamkeiten gibt.

Das Verbindende liegt auf der Hand: Es ist das Fest des Kirchenpatrons, das sowohl hier als auch dort mit einem feierlichen Gottesdienst und dazugehörender Unterhaltung, mit Essen und Trinken begangen wird. In Bayern findet die Kirchweih landesweit einheitlich am dritten Oktoberwochenende statt. Dann gibt es den traditionellen Gansbraten mit Knödeln und als Gebäck die in Schmalz gebratene “Aus’zogne”. Die Vereinheitlichung hatte im Jahr 1866 stattgefunden, da es vorher mit den vielen Feiertagen ganzjährig zu unzähligen Arbeitsausfällen gekommen war, die die Obrigkeiten nicht mehr hinnehmen wollten.

Im Banat dagegen gibt es noch die unterschiedlichen Termine. Schon den ganzen Sommer über konnte man von Dorf zu Dorf reisen, um zu feiern. So zum z.B. nach Glogowatz, Rekasch, Nitzkydorf, Hatzfeld und weitere Ortschaften, bevor Hansi Müller Ende August im Bunde mit der Gemeinde und der örtlichen Unterstützung die Billeder Kerweih organisierte. Zur Veranstaltung kamen neben der “Billeder Heiderose” auch die Tanzgruppen aus Busiasch, Großjetscha, Nitzkydorf, Hatzfeld und Neuparlota, insgesamt 42 Paare, “Kerweihbuwă und - modlă”. Die Mitwirkenden Jugendlichen, die diese wichtige Tradition der Banater Schwaben, die “schwowische Kerweih”, ermöglichen und hochhalten, und zwar mit viel Freude und Enthusiasmus, sind mehrheitlich rumänischer Nationalität.

Die Billeder Heiderose mit Tanzlehrer Hansi Müller und der Trachtenbeauftragten Edith Bartha

Plötzlich "Kerweih-Mädche"


Vicky, Bildmitte, in der Billeder Festtagstracht beim Umzug

Zu unserer freudigen Überraschung stellte die Trachtenbeauftragte Edith Bartha unserer Vicky eine passende Billeder Festtagstracht zur Verfügung und Hansi Müller lud sie ein beim Umzug mitzumarschieren. Vicky, die frischgebackene Kerweih-Debütantin, war natürlich begeistert. Wir Münchner lernten schnell die für die Kirchweih wichtigen Begriffe wie: “Kerweihstrauß”, “Geldhähr”, “Kerweihschteck”, “Kerweihnarr”, Kerweihwein”, “Verletzitehrung”.

Mit dem “Kerweihstrauß” an der Spitze, zu den Klängen der “Banater Musikanten” unter der Leitung von Josif Dorel Antal, setzte sich der Zug vom Kulturheim aus in Bewegung.

Der Parcours sollte bei hochsommerlicher Hitze durch die große Heide-Gemeinde von einem Ende zum anderen führen.

Der Parcours führt bei hochsommerlicher Hitze durch die große Heide-Gemeinde von einem Ende zum anderen.

Zuerst wurden Vortänzer und Vortänzerin abgeholt, die bei der letzten Kirchweih den Strauß ersteigert hatten. Auf dem Weg dorthin erklang immer wieder statt des traditionellen “Buwe, was hamm mer heit!” die zeitgemäßere Variante: “Buwe und Mädche, was hamm mer heit!”

Verköstigung bei der Familie Musta

Man wurde sehr gastfreundlich in die Höfe gebeten, wo die Trachtenpaare, die Kapelle und auch die Begleiter des Zuges durch einen kleinen Imbiss und durch Getränke verköstigt wurden.

Mit "Kirchweihvater" Hansi Müller und den Banater Musikanten am Ende des Festzuges

In diesen Pausen traf man sich auch auf weitere Gäste aus Deutschland. Neben ausgewanderten Billedern begleiteten auch Besucher, die aus den Nachbarorten stammten und nach vielen Jahren wieder in ihre alten Heimat gekommen sind den Zug.

Der nächste Stopp war im Forum der Billeder Deutschen, dem Heimathaus, wo das Ehepaar Csonti feierlich abgeholt und nach altem Brauch einen Ehrenwalzer tanzten.

Mit dem Abgeordneten der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament, Prof. Ovidiu Victor Ganț, im Heimathaus

Dort beehrten auch der Abgeordnete der deutschen Minderheit im rumänischen Parlament, Prof. Ovidiu Victor Ganț und der DFDB-Vorsitzende Dr. Johann Fernbach die Billeder Kerweih mit ihrem Besuch und unterstrichen damit die Bedeutung dieser Veranstaltung.

Nachdem sich auch hier alle Beteiligten durch ein liebevoll zubereitetes Buffet und Erfrischungsgetränke gestärkt hatten, brachen sie zum anderen Ende des Dorfes auf, um auch den Billeder Bürgermeister Ovidiu Oprişa einzuladen.

Dabei führte der Zug am ehemaligen Haus der Billeder Roman-Urgroßeltern von Vicky, die sie in München als Kleinkind noch kennen gelernt hatte, vorbei. Wer, wie in der Satire von Ludwig Thoma geschehen, an ein Jenseits glaubt, kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass selbst die Vorfahren stolz auf die Parade der Trachten herabblickten.

Der göttliche Segen wurde von Pfarrer Bonaventura auch im Rahmen eines sehr festlichen Gottesdienstes dem Strauß, den Paaren und allen Anwesenden erteilt. Der katholische Ritus ist den Bayern natürlich vertraut, hier im Banat wurde er durch die Dreisprachigkeit auf deutsch, ungarisch und rumänisch bereichert.

Festgottesdienst in der Billeder Kirche mit Pfarrer Bonaventura Dumea

Billeder Kerweih-Prinzessin, wie einst die Urgroßmutter


Fulminanente Vorführung der Trachtengruppen auf dem Sportplatz der Gemeindeschule

Den krönenden Abschluss des Festprogramms bildete der Einmarsch und die fulminanente Vorführung der Trachtengruppen am Sportplatz der Gemeindeschule.

Die Kindergruppe bei der Abschlussveranstaltung

Sogar die Kleinsten aus der Kindergruppe durften hier dabei sein und beeindruckten die Zuschauer auf den vollen Tribünen mit ihren Darbietungen.

Als weiterer Höhepunkt wurde der Tradition entsprechend der “Kerweihstrauß” verlizitiert.

Dabei geschah ein kleines Billeder Kerweih-Wunder: der Strauß wandert zum ersten Mal in seiner Geschichte vom Banat nach Bayern, in die Heimat von Aloysius.

Benno Ziegler ersteigert den Kirchweihstrauß für seine Tochter Victoria

Die zukünftige Vortänzerin Victoria Ziegler freut sich schon darauf, im nächsten Jahr zusammen mit ihrem “Kerweihbuh” Edi die Gesellschaft im Billeder Heimathaus begrüßen und bewirten zu dürfen. Sie tritt als Vortänzerin in die Fußstapfen ihrer Billeder Urgroßmutter Mizzi Pierre, für die vor genau 84 Jahren ebenfalls der Billeder Rosmareinstrauß ersteigert worden war. (siehe Zeitungsbericht unten)

Bericht in der "Banater Deutsche Zeitung" vom 06.02.1938

Billeder und Gäste in einer Pause bei der Tanzunterhaltung mit den Banater Musikanten am späten Abend

Fotos: Astrid Ziegler, Benno Ziegler, Hans Rothgerber


Siehe auch weiteren Beitrag: “Kerweih” ist Kult

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