Tante Clara


Das hübsche grau-weiße Fahrzeug mit dem freundlichen Kühlergrill, das aussah als würde es grinsen.

Ich möchte jetzt nicht die Grüne rauskehren, aber mit Autos habe ich nichts am Hut.

Als Jugendliche wurde ich im München der 80-er Jahre in Öko-Kreisen sozialisiert. Das Werner-von Siemens-Gymnasium München Neuperlach, war überregional nicht so bekannt wie Salem, aber Kaderschmiede für rot-grüne Weltverbesserer (und das meine ich jetzt nicht abwertend). Damals fuhr in meinem Freundeskreis jeder, der was auf sich hielt, Fahrrad. Kein Führerschein zum Abi, kein Golf vor der Haustür. Seit wir, mangels automobiler Knautschzone, durch den Fallout des Reaktorunfalls von Tschernobyl geradelt sind, waren wir selbstverständlich auch gegen Atomenergie. Die Prägung im Dienste des Naturschutzes war so stark, dass ich meine ersten beiden Kinder in Stoffwindeln gewickelt habe, um Plastikmüll zu vermeiden.


Bevor es jetzt zu Grundsatzdiskussionen über Energiepolitik und Umweltschutz kommt, möchte ich aufs Wesentliche zu sprechen kommen.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich ein Auto geliebt!!!

Lange bevor ich wusste, dass Abgase die Luft verschmutzen und den Klimawandel beschleunigen, kutschierte mich mein Großvater in Temeswar in einem Wartburg zur Schule in die Josefstadt. Heute müsste man sich dafür schämen, die Schule meiner Tochter verschickt zurecht regelmäßig Elternbriefe zum Thema autofreier Schulweg.

Doch nicht nur das! Über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg wurde meine Familie im Banat immer von dem gleichen Gefährt von A nach B gebracht. Dieses hübsche und elegante kleine Fahrzeug, grauweiß und rund mit einem freundlichen Kühlergrill, das aussah als würde es grinsen, fuhr uns nach Billed und Paulisch zur Verwandtschaft und nach Moneasa und Vața in die Sommerfrische. Es transportierte die Bienenstöcke meines Großvaters zur Tschoka-Puszta, wo es die schönsten Akazien für den begehrten Honig gab. In Notfällen fuhr mein Großvater mit seinem Auto auch Leute ins Krankenhaus. So zum Beispiel meinen Paulischer Freund Jürgen, nachdem er vom Hofhund gebissen worden war. Oder unsere Nachbarin zur Entbindung nach Lippa (ihr Sohn Adi wäre fast im Auto geboren worden).


Der Wartburg, den mein Großvater Anfang der 60-er Jahre gekauft hatte, war zu meiner Zeit schon alt. Es kam schon mal vor, dass ein Rad mitten in der Fahrt abging, so zum Beispiel auf einer Heimfahrt von der Paulischer Kirchweih Anfang der 70-er Jahre. Die verzweifelte Suche nach dem ins Feld gerollten Reifen gehört mit zu meinen frühesten Erinnerungen. Die ganze Familie stand bei anbrechender Dunkelheit und beginnendem Schneefall am Straßenrand, während mein Großvater das Reserverad montierte. Als das endlich geschafft war, versuchte er zu wenden und mit Scheinwerfern den Acker zu beleuchten, um den verschwundenen Reifen doch noch zu entdecken. Dabei rutschte der Wartburg in den Straßengraben. Erst mit der Verstärkung durch die Insassen eines weiteren Fahrzeugs, das angehalten hatte, um zu helfen, gelang es, unser Auto wieder aus seiner misslichen Lage zu befreien. Meine Mutter und meine Großmutter bestanden schließlich darauf, das Rad im Feld zu lassen, und weiterzufahren. Das Kind, also ich, würde sich sonst erkälten und das nur wegen diesem unzuverlässigen und verkehrsuntauglichen Gefährt.

Was die morgendlichen Fahrten zur Schule betraf, so passierte es öfter, dass die Karre im Winter trotz Anschieben einfach nicht ansprang. Mein Nachbar und Klassenkamerad Bruno und ich schulterten dann unsere Schultaschen und machten uns im Laufschritt auf den Weg von der Mehala in die Josefsstadt, um nicht zu spät zu kommen. Die Schulfreunde spotteten dann, da sie ahnten weshalb wir erschöpft als Letzte auf unsere Plätze sanken: "Na, hat eure Rabla (=Schrottlaube) mal wieder den Geist aufgegeben!?" Wenn ich mittags abgeholt wurde und in mein Wartburg-Taxi einstieg, standen bestimmte Jungs neckend und feixend am Straßenrand. "Wir kaufen uns bald einen Dacia 1300, der ist viel besser!"

Im Fernsehen lief damals die sehr beliebte amerikanische Serie "Verliebt in eine Hexe", auf rumänisch "Nevasta mea vrăjitoarea". Darin ging es um eine Familie, in der zum Leidwesen des (Ehe-)Manns nur die Frauen hexen bzw. zaubern konnten. Die alte Tante Clara aber, war ihrer Zauberkräfte, weil schon sehr betagt, nicht mehr ganz mächtig. So kam es immer wieder zu lustigen Pannen diesbezüglich. Meine Mutter zog bald den Vergleich zu unserem Auto. "Ärgert euch nicht über unser Auto, das ist halt wie bei der Tante Clara!" Und so kam es, dass unser Wartburg, Tante Clara getauft und zum Familienmitglied wurde.

Damals gab es nur wenig Fahrzeuge in der Stadt. Die verstopften Straßen von heute- undenkbar! Die Ölkrise 1979 tat ihr übriges und führte auch in Temeswar dazu, dass sonntags abwechselnd nur Nummernschilder mit geraden oder ungeraden Zahlen fahren durften. Die Zeiten der schlimmen Benzinknappheit der 80-er Jahre haben wir in Rumänien nicht mehr erlebt.


Tante Clara wurde vor unserer Ausreise verkauft. Ich erinnere mich daran, wie ich durch die Wohnzimmervorhänge zusah, als der neue Besitzer sie aus unserem Hof fuhr. Ein letztes mal hörte ich das muntere "Trallalallala" das sie beim Anlassen immer von sich gab. Mich beschlich Wehmut.

Schon seltsam, wie sentimental ich heute noch werde, wenn ich an unseren alten Wartburg denke. Seit ich mit meinen Temeswarer Freunden "Autokarten" gespielt habe, bedeuten mir Autos nichts mehr, ehrlich!

Als vor Kurzem die Nachricht gemeldet wurde, dass der neue, junge Temeswarer Bürgermeister seinen Mercedes Dienstwagen abgeschafft hat, war ich amüsiert. Er fuhr zuerst Fahrrad, dann einen kleinen Renault. Das ist schon ein Statement. Noch stärker wäre es, wenn man für ihn einen alten Dacia 1300 auftreiben könnte, der heute schon als Oldtimer gilt. Doch der wäre wohl wegen des Schadstoffausstoßes nicht tragbar, wobei wir wieder beim Thema Umweltschutz wären.


In München wie in Temeswar bevorzuge auch ich das Fahrrad. Nicht nur, weil beide Städte kurz vor dem Verkehrskollaps stehen. Ich mag es den Fahrtwind zu spüren und brauche auch kein Statussymbol.

Vielleicht, weil ich einst von meinem Großvater, wie eine Prinzessin in einem uralten Wartburg durch Temeswar kutschiert worden war.

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