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Mit dem fliegenden Teppich zu den Chamäleondamen



Es liest


In meiner Jugend las ich sehr viel und ich blicke dankbar auf Bücher zurück, die mich geprägt ja sogar mein Leben verändert haben. Doch inzwischen bin ich heikel was Literatur betrifft. Angesichts der Fülle der literarischen Produktion auf dem Buchmarkt, hat dies einen sehr praktischen Grund. Meine Zeit ist begrenzt. Wenn mich ein Buch nicht von Anfang an in seinen Bann zieht, hat es schlechte Karten bis zu Ende gelesen zu werden. Selbst wohl gemeinte Buchgeschenke aus dem Familien- und Freundeskreis werden, wenn sie mich nicht ansprechen, zur Seite gelegt und nicht weiter gelesen. Im Lauf der Zeit habe ich festgestellt, dass nicht einmal Romane, die meine Herkunftsregion, das Banat, zum Thema haben mich 'per se' fesseln können. Für mich gehören zum Beispiel auch interessante und authentische Frauenfiguren dazu.


In einem literarischen Blog stieß ich kürzlich auf das Buch Die Chamäleondamen von Yvonne Hergane und wurde sofort hellhörig. Eine Autorin, die so alt wie ich, in Reschitza aufgewachsen und in jungen Jahren nach Deutschland gekommen war, erweckte meine Neugier. Die auch Germanistik und Anglistik studiert hatte und Kinderbücher schrieb (meinen vier Kindern las ich jahrelang vor) bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichte. Vielversprechend war auch, dass schon der Titel des Buches schillernde Heldinnen ankündigte.

Was Kameliendamen sind, ist seit Alexandre Dumas bekannt, doch was haben Frauen gemeinsam mit den Echsen, die ihre Farben ihrer Umgebung anpassen können?

Kaum war das Buch mit der Post im Haus gelandet, stieg ich auf meinen fliegenden Teppich und schaute mir die Damen näher an. Unkonventionell und farbenfroh kommen die Lebensgeschichten dieser Frauen daher, die in 120 Jahren vor wechselndem zeitgeschichtlichen Hintergrund ablaufen. Es verbindet sie, dass sie selbst unter widrigsten Umständen den Überlebenskampf bestehen und ihre Lebensweisheit an den Chamäleon-Nachwuchs weitergeben. Die Heldinnen sind glaubwürdig und ihre Fähigkeit sich an Umwelt und Umgebung anzupassen, kann man nur bewundern.

Betrachtet man die Probleme, mit denen die Familie der Chamäleondamen konfrontiert ist, kommt mir einiges aus meiner eigenen Biografie bekannt vor. Vor allem die Herausforderungen die Hanne, die jüngste Chamäleondame in der Kette der Generationen, zu bewältigen hat, ähneln auf verblüffende Weise den Meinen. Wie Variationen desselben Themas durchziehen sie auch mein Leben: der plötzliche Weggang des Vaters, die Ausreise aus der Nichtmehrheimat in die Nochlangenichtheimat, die Anfangsschwierigkeiten in Deutschland. Auch das große Thema Mutterschaft spricht mich an, die Stärke durch die Frauen für ihre Kinder allen Umständen trotzen.


Beim Blick auf die Kapitel fällt auf, dass sie alle ähnliche Überschriften haben. Jedes davon beginnt mit dem sächlichen Personalpronomen Es. Es zieht, es schlüpft, es sticht, bis es sich zu einem klirrenden Schluss ins Universum katapultiert. Wer muss da nicht an Sigmund Freud und seine Theorie vom Unbewussten denken?

Mir fällt dazu ein Interview mit Wolfgang Büscher ein, einem meiner Lieblingsautoren, der Reiseliteratur der besonderen Art schreibt. Sein neuestes Werk “Heimkehr” war das letzte Buch, das ich in einem Zug durchgelesen hatte.

Büscher äußerte sich mal in einem Video, dass bei wirklich guten Texten etwas im Hintergrund mitschwingt. Das sind Sachen, die sind nicht durchs Bewusstsein gegangen. Die sind durch etwas anderes gegangen. Aber sie sind da. Man merkt einem Text an, ob da was mitschreibt.

Das spürt man auch im Buch "Die Chamäleondamen" und das ist der Grund, warum ich den Roman von Yvonne Hergane nicht aus der Hand legen konnte. Die Tatsache, dass Es auch in mir arbeitet, war Motivation das Kapitel “Es fragt” vor der Kamera zu lesen, in dem es um die Angst geht, die Ausreisewillige vor der Kommission erlebten, die über deren Anträge entschieden.

Auch meine Mutter wurde vor diesem Gremium verhört. Auf die Frage, warum ihr Mann nicht nach Rumänien zurückgekehrt sei, antwortete sie schlagfertig: Das weiß ich nicht, aber das kann ich ihn ja fragen, wenn ich ihn wiedersehe.

Als Geste der Identifikation und Solidarität mit der Stärke dieser Frauen muss ich nach der Lektüre sagen: auch ich will eine Chamäleondame sein!

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