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Von Trauben, die hoch hängen


Eine Tour entlang der Paulischer Weinberge

Es ist schon einiges geschrieben worden über Paulisch und seinen Wein. Im Internet wird man fündig, in der Banater Zeitung und auch auf unserem Banat-Tour-Blog gibt es einen Artikel. Viel könnte man sicher noch herausfinden, wenn man Spezialisten in das Weinbaugebiet der Munții Zarândului, die Podgoria Arad, entsenden würde. Ich würde empfehlen dem Önologen jemanden der geschichtskundig ist an die Seite zu stellen, denn bei der Region handelt es sich um eine alte Kulturlandschaft, in dem der Weinbau seit Jahrhunderten, wohl sogar Jahrtausenden Tradition hat.

Die berühmteste Genießerin des örtlichen Weines war keine geringere als Kaiserin Maria Theresia, die ihren Lieblings Weißwein aus dem Paulischer Nachbarort Minisch bezog. Auch der Papst bekam bei seinem Rumänienbesuch 2019 eine Flasche Riesling aus dieser Region, Jahrgang 1936, seinem Geburtsjahr, von Präsident Johannis geschenkt.


Nachdem wir seit über zwanzig Jahren in Paulisch quasi an der Quelle sitzen bzw. wohnen und verschiedene Tropfen ausprobiert haben, ist es der aus der altehrwürdigen fetească neagră, der Mädchentraube gewonnene Rebensaft, den wir bevorzugen. Um Wein zu erwerben, müssen wir nur die Straße zum bekannten Weingut vis-à-vis überqueren.


Die Hügelkette, die sich an der Nahtstelle der ungarischen Tiefebene mit den Ausläufern der Westkarpaten sanft erhebt, kenne ich wie meine Westentasche. Schon als kleines Kind war es eine große Vorfreude, wenn Großvater oder Onkel ankündigten, dass man uf'n Berig gehen würde, der Aufstieg auf den Hügelkamm dann ein Erlebnis als würde man einen Gipfel bezwingen. Seit meiner Rückkehr nach Paulisch sind die Wanderungen über die Berge seit Jahren ein genussvolles Muss. Sie gewährleisten den Kontakt zur Natur und Kulturlandschaft gleichermaßen denn man wandelt auf einer Tour durch die Munții Zarandului sowohl über unberührte Pfade durch die Wälder als auch über Wege durch die Weinberge.


So führte uns heuer bei angenehmen Temperaturen eine herbstliche Banat-Tour-Wanderung von der Haustür weg auf die gegenüber gelegenen Weinberge. Begleitet wurden wir ganz unerwartet von einer, wie sich herausstellen sollte, ortskundigen Führerin auf vier Pfoten, die wohl zur Pension am Fuße der Hügelkette gehört.


Aus der Notwendigkeit der Verständigung während der stundenlangen Wanderung mit zahlreichen Weggabelungen und in Unkenntnis ihres eigenen Namens nannte ich unseren vierfüßigen Guide Dachsi. Die kluge schwarze Hündin lief voraus, als wollte sie uns ihr Revier zeigen, bog immer mal wieder zum Schnüffeln ins Gebüsch ab, um uns zuverlässig nach gewisser Zeit wiederzufinden.


Während des Aufstiegs durch ein von wilder Vegetation durchzogenes kleines Tal, zwischen zwei Weinbergen, sehen wir die knallroten Früchte der Wildrosen, zahlreiche Hagebutten oder Hätschel, wie sie im Banat genannt werden. Aus ihrem Fruchtfleisch kann man Tee kochen, der säuerlich lecker schmeckt und sehr gesund ist oder sogar Marmelade machen. Die pelzigen Kerne haben sich Generationen von Kindern als Juckpulver in den Kragen gesteckt.


Vom Kamm der Weinberge erblickt man den Marosch-Fluss (rum. Mureş), der sich aus den Karpaten kommend in sicherem Abstand vor Überschwemmungen an dem Ort Paulisch und den Hügeln vorbei schlängelt, um in mehreren Biegungen in die Ebene einzuschwenken. Die Marosch spielte im Lauf der Geschichte eine wichtige Rolle als Transportweg für Güter wie Salz und Holz aus dem Gebirge, die über Flöße flussabwärts gebracht wurden, vorbei an der nahe der Kirche von Radna gelegenen Burg Schoimosch. Ein alter Pilgerweg, der in meiner Kindheit anlässlich der Marienfeiertagen noch genutzt wurde, führt hier ganz in der Nähe über die Hügel zum Wallfahrtsort.


Wir gehen bergab Richtung Ortszentrum von Altpaulisch. Die schlaue Dachsi mit ihrem schwarzen Fell läuft im Halbschatten, mir brennt die Sonne auf die dunklen Haare. Es gibt keinen Baum weit und breit, dafür einen atemberaubenden Blick bis zum Horizont. Rechts und links des Weges befinden sich die abgeernteten Reben, die Lese ist hier schon vorbei.

Vereinzelt wurden Trauben am Stock vergessen, die wir abzupfen und probieren. Sie schmecken aromatisch und zuckersüß.


Im traditionell langen und milden Banater Herbst sticht heuer die dritte Jahreszeit durch sommerliche Temperaturen hervor. Die Wärme und der mangelnde Schatten am Berg lassen uns manchmal aus dem Atem kommen. Man spürt die Wärme des lehmigen Bodens förmlich, hat erdigen Geruch in der Nase mit einer Nuance von vergorenen Trauben, denn stellenweise findet man auch entsorgten Trester am Wegrand.


Inzwischen sind hoffentlich keine Schüler mehr auf der Jagd nach Schmetterlingen für das Insektarium, das zu Zeiten des Kommunismus im Fach Biologie angelegt wurde. Das Jagen von Schmetterlingen mit Netzen war eine weit verbreitete Freizeitbeschäftigung der Schüler zu einer Zeit, in der die bunten Insekten noch keine Seltenheit waren. Doch nicht die Kinder, sondern die Insektizide dezimierten den farbenprächtigen Pupatel, wie der Schmetterling im Paulischer Dialekt genannt wird. Ein herrliches Wort, eines der ersten, das ich im Dorf lernte. Puppen, schwowisch Poppa, hatten wir nicht so viele. Aber der Pupatel flatterte überall herum. Es gab kleine blaue Falter, den blassen Kohlweißling, gelbe Zitronenfalter und bunte Pfauenaugen.


Zwischen der Monokultur der Winzer bleibt an den Rändern der Zuwege und in den Tälern zwischen den mit Reben bepflanzten Hügeln Raum für Bäume, Sträucher, Gräser und Wildblumen. Über die Flora Incognita App kann man die Pflanzen, die bei mir Erinnerungen aufleben lassen, identifizieren. Als Kind ging ich oft mit meiner Großmutter auf den Berg, um sogenannte Strohblumen zu pflücken. Sie hatten Blüten die getrocknet wochenlang in der Vase das Zimmer zierten.


Die Welt zeigt sich in warmen gelbbraunen Farbtönen, darüber spannt sich als Kontrast der stahlblaue, wolkenlosen Himmel. Da es schon lange nicht geregnet hat, spannen sich feine Risse wie Spinnweben über den Boden, der trocken und ausgelaugt wirkt.

Auch wir sind erschöpft. Vor allem die uns treu begleitende Hündin hechelt vor Hitze, so dass wir über Altpaulisch kehrt machen und die höchste Erhebung, den Vârful Capra im Blick, wieder zurück Richtung Neupaulisch wandern.


Vom Herbstlaub der Reben eingerahmt sieht man beim Abstieg das Haus, in dessen Garten die Traubenlese auf uns wartet.

Schon mein Urgroßvater Georg Düran hatte sich auf dem eigenen Grundstück einen Weingarten mit verschiedenen Rebsorten angelegt, die er mit großer Sorgfalt pflegte. Nachdem sein Weingarten auf dem Berg bei Minisch 1948 von den Kommunisten enteignet worden war, waren dies die einzigen Rebstöcke, die ihm geblieben waren.

Ganz Paulisch stand im Zeichen des Weinbaus, doch von seinen Vorfahren aus dem Elsaß hat mein Schmitts-Otta die Vorliebe für das Keltern geerbt. In der Familie wird erzählt, dass ihm seine Reben heilig waren.


Der Wein wurde in den beiden riesigen Kellergewölbe unter dem Haus in Holzfässern gelagert. Dort empfing einen früher ein feiner Duft von vergorenen Trauben, der daher rührte, dass beim Abzapfen des Weins mit dem Schlauch immer ein paar Tropfen in den gestampften Lehmboden sickerten.

Meine Mutter erinnert sich noch daran, wie ihr Großvater nach den Mühen des Alltags die Stufen zum Keller hinab stieg, sich neben das Fass setzte und durch einen Schlauch den Rotwein ansaugte. Begann dieser zu laufen, musste er entsprechend flott trinken. Des laaft ja wie in a Kretscheloch! (Das versickert ja wie in das Loch einer Wühlmaus) war der Kommentar meiner Urgroßmutter, die diese Trinkgewohnheit wohl mit einer Mischung aus Besorgnis und Belustigung beobachtete.


Es gibt auch heute noch ein paar alte Weinstöcke aus jener Zeit in unserem Garten. Leider haben wir niemanden mehr, der ihn fachgerecht bearbeitet.

Der Weingarten ist verwildert, doch die Reben wachsen in die Hecke, die sich entlang des Zaunes erstreckt. Wie Lianen schlingen sie sich empor und tragen auch ohne Pflege reichlich Trauben. Als würde die Pflanze verstehen, dass es niemanden mehr gibt, der sie verschult, im Frühling zurecht schneidet und die Triebe hoch bindet. Die Reben haben sich verselbständigt und wachsen wild.

Die Traubenernte ist für uns zu einem Ritual im Jahreskreis geworden.

Die Weinbeeren hängen hoch und man muss sich ordentlich danach strecken. Hat man sie erwischt sind sie süß und ausgewogen aromatisch mit einer Note von Zimt und Brombeere mit feiner Säure in der Schale, unverkennbar Mädchentraube, das Juwel der einheimischen Rebsorten.


Heuer bescherten uns die unverwüstlichen alten Weinstöcke eine reiche Ernte, die aus Zeitmangel leider nicht ganz verwertet werden konnte. Vollständig gepflückt, hätte der Rebensaft ein mittleres Weinfass gefüllt.

Immer wieder nehme ich mir vor, meinen Weingarten auf Vordermann zu bringen, so dass die Stöcke wieder in Reih und Glied stehen, die Reben hochgebunden wie in guten alten Zeiten. Ich träume davon meinen eigenen Hauswein á la Schmitts-Otta Georg Dúran zu keltern und dem Kellergewölbe neues Leben einzuhauchen, so dass die altvertraute Duftnote nach Wein und Erde einem beim Betreten wieder entgegenweht.


Bis dahin sage ich mir, dass es viel gesünder ist Saft statt Wein zu trinken.

Denn manche Trauben hängen halt einfach zu hoch...

Fotos: Hans Rothgerber

1 Comment


Guest
Nov 02, 2023

Wunderschön. Sowohl die Bilder als auch die Beschreibung. Beim Lesen fühlt man sich einfach mit dabei.

Edith Achim

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