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Besondere Weihnachten im Banat

Eingeschlichene Erinnerungen (Text & Video)



Redaktionelle Bemerkung von Astrid Ziegler


Es ist fast ein Jahr her, dass ich auf Banat-Tour den Beitrag zur Russland-Deportation meines Großvaters Dekathlon in Russland veröffentlichte, der unter unseren Lesern große Resonanz gefunden hat. Nachdem ich den Text auch über Facebook publik gemacht habe, folgten so viele berührende Kommentare, dass wir uns entschlossen, nach Kontaktaufnahme zu den Verfasserinnen und Verfassern aus den ausführlichsten davon einen eigenen Beitrag zu machen. So entstand der Sammelbeitrag Stimmen zur Russlanddeportation, in dem wie in einem Chor ein trauriger Gesang zu diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte angestimmt wurde.

Eine der Stimmen war Anna Schuld, die darin die Leidensgeschichte ihrer Großmutter erzählte. Diese musste zwei kleine Kinder zurücklassen und wurde nach Krivoj Rog verschleppt, in eines der Lager, in dem auch mein Großvater war. Es ist bezeichnend, dass Anna und ich uns über die Russlanddeportation unserer Großeltern kennengelernt haben.

Ich verfolgte Annas weitere ausführliche Kommentare zu anderen Banater Themen. Ich mochte ihren persönlichen Stil, das, was sie von früher zu erzählen hat.


Anna Schuld ist Banater Schwäbin aus Tschene, hat in ihrer Kindheit und Jugend noch das Leben in der Dorfgemeinschaft erlebt und möchte auch uns daran teilhaben lassen. In dieser Erzählung geht es darum, dass ein kleines Mädchen eine schlimme Krankheit überwunden hat und mit der erleichterten Familie ein ganz besonderes Weihnachtsfest feiert. Wie für alle Banater Kinder, spielten die Großeltern auch in Annas Erinnerungen eine wichtige Rolle. Die Großmutter fährt in der Erzählung mit der Mutter zu ihr ins Kinderkrankenhaus nach Temeswar, wo sie wegen eines gebrochenen Beines wochenlang liegen musste. Und nicht zufällig ist es der Großvater in Annas Weihnachtsgeschichte, der ihr nach der Genesung ein besonderes Geschenk gemacht hat. Die Großfamilie lebte und hielt in Annas Kindheit im Banat zusammen und Weihnachten war das wichtigste Fest im Jahr, an dem man sich traf.

Was unsere heutige Stellung in der Familie betrifft, so stehen wir in der Mitte, sind eine Art Sandwich-Generation. Es gibt noch Eltern, die man befragen kann, die meist auch bereitwillig erzählen und wir haben meist auch Kinder, manche sogar schon Enkelkinder, für die man möglichst viel aus dieser anderen, vergangenen Welt herüber retten möchte.

Obwohl Anna Schuld im Beruf mit Zahlen zu tun hat, entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben. Auch um endlich anzukommen, gestand sie mir, denn die Auswanderung hatte ein Gefühl der Zerrissenheit bewirkt, eine gespaltene Identität. Annas Texte wurden sogar in der Banater Zeitung in Temeswar veröffentlicht und erfreuten sich großer Beliebtheit, denn es gibt viele Menschen, die sich von ihren Erinnerungen angesprochen fühlen. Passend zur Adventszeit bieten wir Ihnen einen neuen Beitrag von Anna Schuld zu einem ganz besonderen Weihnachtsfest ihrer Kindheit in Tschene. Lassen wir sie zu Wort kommen.



Anna Schuld: Besondere Weihnachten im Banat


Ich habe gemerkt, je älter ich werde, desto mehr Erinnerungen schleichen sich wieder in mein Bewusstsein. Ist wohl so, haben die Psychologen herausgefunden, weil in reiferen Jahren längst Verdrängtes wieder hochkommt.

Die eigene Identität hängt an der Erinnerung, die mit zunehmendem Alter emotionaler und ichbezogener wird und mit viel mehr Gemütsregung verbunden ist. Das ist nicht unbedingt schlecht – Emotionen sind wertvoll und gut für die Seele.

Ich habe mal wieder alte Bilder hervorgeholt, um zu sehen, ob wir damals auch etwas weihnachtliches bildlich festgehalten haben. Früher war nicht immer ein Fotoapparat zur Hand, das waren eher seltene Aufnahmen, zu wichtigen Gelegenheiten oder Ereignissen. Umso kostbarer erscheinen mir die vergilbten alten Fotos heute.

In diesen schwarz-weiß Bildern entdecke ich immer mehr Details und ich glaube, mich auch an die Situationen erinnern zu können. Nun, beim Betrachten der Fotos fällt mir Weihnachten 1966 ein.


Das war ein besonderes Jahr. Ich hatte mir im Sommer das Bein gebrochen. Dafür musste ich 6 Wochen lang im Kinderkrankenhaus in Temeswar liegen. Das war eine grauenvolle Zeit. Ich war vorher noch nie allein weg von zuhause gewesen. Die Eltern und Großeltern konnten nur zweimal die Woche zu Besuch kommen. Wenn sie wieder weg mussten, schrie ich wie am Spieß. Ich will nicht wissen, welche Höllenqualen auch Mama und Oma danach auf dem Heimweg litten, weil sie mich so weinend zurück ließen.

Nun, daheim musste ich auch noch längere Zeit das Bett hüten, mit der Folge, dass ich eine schwere Lungenentzündung bekam. Es muss schlimm um mich gestanden haben, denn oft sah ich Mama weinen. Dunkel erinnere ich mich, dass sie mich wieder ins Kinderkrankenhaus gebracht haben, wobei ich so schwach war, dass ich nicht laufen konnte. Vater hat mich getragen.

Mama ließ mich nicht wieder dort, sie handelte mit der Ärztin aus, sich strikt an das Behandlungsprogramm zu halten und mich regelmäßig zur Kontrolle zu bringen. Gott sei Dank schlug die Therapie an und es ging bergauf. Zu Weihnachten war ich wieder auf den Beinen und hatte etwas Farbe in den Bäckchen.

Darüber waren wohl alle so froh, dass sie mir ein besonderes Weihnachten bescheren wollten.


An Heiligabend rasselte Vater, der sich draußen versteckt hatte, mit einer Kette und leuchtete mit der Laterne ins Fenster hinein. Dann kam er ins Zimmer und erklärte, dass draußen wohl der Weihnachtsmann von Haus zu Haus ginge und schaue, ob auch alle Kinder brav waren. Langsam wurde mir auch ganz schön mulmig zu Mute. Und siehe da, plötzlich kam auch zu uns. Was für ein Anblick!

Mein Onkel war als Weihnachtsmann verkleidet. Hätte ich nicht solche Angst gehabt, hätte ich ihn an Schuhen und Hose erkannt. Er hatte sich einen langen, schwarzen Mantel umgehängt, eine dicke Pelzmütze tief in die Stirn gezogen und einen riesigen Wattebart angeklebt. In der einen Hand hielt er einige Weidenruten und in der anderen einen kleinen, neuen Jutesack. Er sah wohl fürchterlich aus, denn ich stotterte brav mein Gedicht herunter und klammerte mich ganz fest an Oma.

Weil ich so artig gewesen war, bekam ich den kleinen Jutesack, Nüsse, Äpfel und etwas Salonzucker. Ich war sehr erleichtert, als er wieder gegangen war.

Nun zum Jutesack: Opa hatte heimlich im Schuppen eine Puppenstube gebastelt. Sie bestand aus Küche und Schlafzimmer, alles in himmelblau gestrichen. Oma hatte die Ausstattung genäht. Sämtliche Verwandte und Nachbarn hatten mir Puppen in allen Größen gekauft. Es müssen wohl mindestens ein Dutzend gewesen sein. Und das alles war in diesem geheimnisvollen Jutesack.

Ich fühle heute noch mein Herz bis zum Hals schlagen, wenn ich mich daran erinnere, wie ich langsam und bedächtig diese Geschenke auspackte. Immer wieder sah ich alle an und fragte: „Ist das wirklich alles für mich“?

Auch heute rührt es mich noch, wie sich alle mit mir freuten und wie Opa sich heimlich die Tränen aus den Augen wischte, denn ich war Opas Liebling. Ich durfte bis spät aufbleiben und mit den Sachen spielen. Opa und Vater passten dann auf mich auf, weil Mama und Oma noch in die Christmette gingen.

Am Weihnachtstag, nach dem Mittagessen, kamen dann alle Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins zum Tee und Kuchen.


Das Haus war voll und wir Kinder saßen in der Ecke und spielten mit unseren Spielsachen. Der Kachelofen füllte den Raum mit einer behaglichen Wärme. Wenn die Tür zum anderen, nicht beheizten Zimmer aufging, roch man den geschmückten Tannenbaum. Diesen wunderbaren Duft vermisse ich heutzutage. Wahrscheinlich war es die feine Mischung aus Kuchen, Lebkuchen und Tanne. Denn dort in den kalten Raum hatte Mama all die leckeren Sachen gestellt, damit sie schön frisch bleiben.

Bis heute weiß ich nicht, wie so viele Menschen in unsere Wohnstube passten. Alle erzählten, lachten und keiner hatte sich gestört gefühlt. Im Gegenteil, gelegentlich spielte die eine oder andere Tante mit uns mit. Welch herrliche Zeit!

Ich wünsche mir ein Stückchen aus dieser Zeit zurück. Da man die Uhr nicht zurückdrehen kann, werden mir wohl nur diese lieben Erinnerungen bleiben und ich hoffe, dass meine Enkelkinder sich auch irgendwann liebevoll an die Zeit mit uns erinnern werden.

Wir alle sollten versuchen im Advent und in der Weihnachtszeit etwas innezuhalten, um zur Ruhe zu kommen und das Jahr 2022 ruhig ausklingen zu lassen.

Denn keiner weiß, was das Neue Jahr bringt. Wir können alle nur hoffen, dass es Gesundheit und Frieden sein wird.


(Anna Schuld, 1. Dezember 2022)

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