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Auf dem fliegenden Teppich zur Poesie


Banattour Video

"Kindheitsskizze aus Hopsenitz" 🠗 von Katharina Eismann interpretiert von Astrid Ziegler



Der Titel meiner Magisterarbeit, die ich vor Jahren im Fach mittelalterliche Geschichte bei Prof. Weinfurter einreichte, lautete: "Heinrich II. und die Bischöfe. Inszenierung und Interaktion". Es ging darum, wie sich die Bischöfe und der König Anfang des 11. Jahrhunderts die Macht im Reich teilten und dies auch auf Hoftagen und Synoden nach außen hin zur Schau stellten. Der Untertitel "Inszenierung und Interaktion" klang nach Interdisziplinarität und war dazu geeignet eine Erwartungshaltung über den historischen Tellerrand hinaus zu erwecken, entsprechend dem Ansatz meines Professors das Fach Mediävistik gründlich zu entstauben. Trotz bester Note war die Arbeit wohl nur von einem Dutzend Leuten gelesen worden und blieb nur dem Fachpublikum vorbehalten.


Die Bedeutung des Phänomens der "Interaktion", die ich damals so gründlich analysiert hatte, blieb mir geläufig, auch nachdem ich die Uni verlassen hatte.

Es geht dabei um aufeinander bezogenes Handeln verschiedener Personen, das die Beteiligten, wenn es gut läuft, ein Stück weiter bringt.

Auch hier in unser Banat-tour entstanden schon Wechselbeziehungen zwischen Mitwirkenden und Autoren. Ganz aktuell ergab sich mit der Dichterin Katharina Eismann eine äußerst produktive Zusammenarbeit durch die gegenseitige Text-Rezeption.

Katharina schrieb mir das "Reiselied", das ich verinnerlicht habe, und das mich seitdem begleitet. Dessen Anfangsworte inspirierten mich zu Überlegungen zur Pipatsch, der Mohnblume in meinem Blogbeitrag "In der Mohnkapsel".


Mein Blogbeitrag "Kindertotenlieder in Hopsenitz" berührte und beschäftigte hingegen Katharina so sehr, dass ich als Reaktion auf meine Geschichte ein neues Gedicht bekam, die "Kindheitsskizze aus Hopsenitz"

Nur scheinbar leicht hin skizziert, sind diese Verse wie ein Destillat der Geschichte meines Besuchs in Hopsenitz. Die ernste Erzählung, in der es um Seuchen, den Tod des Kindes Ernö und die Suche nach dessen Grab, den Verfall, aber auch um Hoffnung durch Begegnungen geht, ist auf wenige Zeilen komprimiert.

Vom leeren Wartesaal der Banater Heide, einer Metapher für die entvölkerten und dem Verfall preisgegebenen ehemaligen Schwabendörfer, kommt der Leser in Windeseile in die Ruine der Hopsenitzer Kirche. Doch Ruinen können auch einen Zweck erfüllen. So hat der Maler Marc Chagall in Mainz die zerstörten Fenster einer Kirche in Kunstwerke verwandelt und diese damit zu einer neuen Sehenswürdigkeit gemacht.


Ich beschließe bei der Inszenierung des Gedichts auf dem Teppich zu bleiben. Jedes Wort wird mit Bedacht gesprochen, während ich von meinem erhöhten Sitz über die Banater Landschaft, "den leeren Wartesaal", schwebe. Der Wind treibt die Wolken-Pluderhosen um mich herum hörbar vor sich her. Sein Brausen hört erst bei Großvaters Lausbubengeschichten auf, dessen Erzählungen am Küchentisch in Temeswar der Stoff ist, aus dem Text und Gedicht gewoben wurden. Der Stoff meines Kleides hingegen ist mit Pipatschen bedruckt. Sie stehen für die ersten wilden Blumen, die auf Gräbern wachsen.

Die Landung erfolgt durch das offene Kirchendach, wie Phantomstimmen hört man noch das Gemurmel der ehemaligen Kirchgänger.

In der kulissenhaften Kirchenruine wird durch die Erwähnung des Namens Chagall angedeutet, dass hier auch Kunst entstehen könnte. Die Skizze endet dadurch hoffnungsvoll, Chagalls Lachen ist in unserer Interpretation ein Klavierton. Besteht die Erleuchtung hier in der Musik? In der Ruine hatte ja schon mal ein Konzert stattgefunden.

Mit der Inszenierung eines Gedichts kann man zusätzlich zur Inhaltsebene eine Vision schaffen. Ich hatte in einem früheren Beitrag schon erwähnt, dass wir alle Gedichte brauchen, vielleicht ohne es zu wissen. Der Lyriker Jan Wagner drückte es ähnlich aus: "Das Spiel mit den Worten ist ein Grundbedürfnis." Auch die Aussage der Literaturkritikerin Cornelia Jentsch macht Lust auf Gedichte. Sie sagt Lyrik sei dazu da die Welt zu entdecken. Katharina möchte ihre Lyrik "zwischen hier und dort", d.h. zwischen Deutschland und Banat, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, auch nicht für sich behalten, sondern mit möglichst vielen Lesern teilen. "Ich schreibe in die Welt", schrieb sie mir in unserer Korrespondenz.

Doch auch umgekehrt gilt: Erst durch die Mithilfe der Leser wird die Stimme des Poeten ermutigt. Das ist immerhin das Credo der Lyrikerin Louise Glück, der Literaturnobelpreisträgerin von 2020. Der Elfenbeinturm hat den Menschen den Spaß an Gedichten genommen und viele Willige ausgeschlossen. Wir wollen ihn auf unserer Lyrik-Tour verlassen und nicht nur ein Fachpublikum, sondern jeden, der sich auf Poesie einlassen möchte, mitnehmen.



Abbildung

"Putten purzeln vom Erinnerungsrücken". Der Putto, der sich auf der Münchner Mariensäule befindet, kämpft gegen die allegorische Darstellung der Seuche.




Kindheitsskizze aus Hopsenitz 🠑

von Katharina Eismann


Auf der Durchreise nach Hopsenitz

immer südostwärts geflogen

Wind eilt in Pluderhosen


In den leeren Wartesaal der Banater Heide

Ernös Grab gesucht und geflucht

Putten purzeln vom Erinnerungsrücken


mit Großvaters Lausbubengeschichten

durchs offene Kirchendach gelandet

das Gemurmel der Alten in den Bänken

Kindergezappel


Phantom und Fontäne

Skizzen aus Licht

in der Kirchenruine

Chagalls blaues Lachen


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