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Vom Marathon in München zum sportgeschichtlichen Rückblick

Bilder von Leichtathletik-Pionieren im Rumänien der Zwischenkriegszeit

In diesen Tagen findet in München im Rahmen des European Championship die Leichtathletik Europameisterschaft 2022 statt. Zufällig hatte ich die Gelegenheit am Odeonsplatz in diesem Rahmen als Zuschauerin am Rande den Marathon der Frauen mitzuverfolgen. Von der Feldherrnhalle hatte man einen guten Überblick. Man konnte sehen, dass die Meisterschaft ein multimediales Event darstellt. Das Publikum wird durch Jazzkonzerte unterhalten, es gibt Zelte mit Fanartikeln, Buden mit Verköstigung, ein Hubschrauber fliegt über den Schauplatz um Aufnahmen zu machen, die in der internationalen Berichterstattung gesendet werden.


Näher am Geschehen um die Langstrecken-Läuferinnen anzufeuern. Auch am Parcours überall Kameras. Ein Moderator stellt über Lautsprecher die Athletinnen vor, deren Leistung beeindruckend ist. Mehr als 42 Kilometer zu laufen ist eine Herausforderung! Ich würde danach tot umfallen wie der Bote, der in der Antike im Kampf der Athener gegen die Perser 490 v. Chr. die Nachricht der siegreichen Schlacht bei Marathon überbrachte.

Und das obwohl ich in eine sportliche Familie hineingeboren wurde. Meine Mutter hat die “Facultatea de Educație Fizică şi Sport” in Temeswar absolviert, mein Vater war in seiner Jugend Turner, angeblich auch schon dessen Großvater. Der berühmteste Sportler unserer Familie war jedoch Anton Höckl, der Vater meiner Mutter. Er studierte an der “Universitatea Națională de Educație Fizică şi Sport” in Bukarest Mitte der dreißiger Jahre und gehörte zu den Pionieren der rumänischen Leichtathletik in der Zwischenkriegszeit.


Die Stärken meines Großvaters lagen in den Sprintstrecken wie dem 100-Meter-Lauf, wodurch er im Fünfkampf, der Königsdisziplin bei Wettkämpfen punkten konnte. Hier ein Bild aus dem Training seiner Studienzeit, in dem die vielversprechenden Studenten auf das Kräftemessen vorbereitet wurden.



Zeitungsbericht im Jahr 1934 über die sportlichen Erfolge des Studenten Höckl in Bukarest


Die Leichtathletikmannschaft der Hochschule, die zu weiten Teilen wohl der rumänischen Leichtathletik-Nationalmannschaft entsprochen haben dürfte. Sie vereinte Mitglieder aus verschiedenen Nationalitäten. Gemäß der von Anton Höckl beschrifteten Bildrückseite von links nach rechts stehend: Kreusel Reinhold, Moga, Mathias Franz, Namann, Cojocaru, Csaklany, Coman. Vorne in der Hocke: Ionescu, Spaniol, Höckl.

Beeindruckend ist aus heutiger Sicht, dass die Elite der rumänischen Athleten sich in Trikots und Boxershorts ablichten ließ. Sie brauchten keinerlei Sponsoring oder Markenkleidung und auch die Sportschuhe sind nicht erkennbar von einer speziellen Firma.


Dass die rumänische Elite-Mannschaft durchaus Standesbewusstsein hatte, kann man auf diesem Bild erkennen. Die Sportler posieren vor dem Stadion elegant gekleidet in Anzug und Krawatte.


Private Bilder zeigen sympathische junge Männer, die vor dem Stadion auch mal mit einer Zigarette posieren.


Auch das "Table"-Spiel in der Trainingspause tat der Leistung offenbar keinen Abbruch.


Für den Fotografen wurde wohl auch mal ein Handstand gezeigt. Für die damalige Zeit eine ungewöhliche Perspektive von unten, durch die diese Übung spannungsvoller dargestellt wird.


Körperspannung im Handstand wurde auch gemeinschaftlich auf dem jährlichen Abschlußfest gezeigt. Im Bukarester Stadion sind im Hintergrund schon Werbeanzeigen platziert, ein Trend der noch in späteren Zeiten überhand nehmen wird.


Auf dem großen Abschlussfest der Bukarester Sporthochschule, der "serbare de sfârşit de an" am 2. Juni 1935 ist auch Anton Höckl, hier im Vordergrund, an der Vorführung beteiligt.


Anton Höckl beim Weitsprung-Trainig. In dieser Disziplin sollte er zeitweise auch den rumänischen Landesrekord halten.


Die Zeit vor dem Fosbury Flop, der erst ab 1968 aufkam: in den 30ger Jahren sprang man noch im Scherensprung über die Latte beim Hochsprung.


Der Stabhochsprung erforderte damals schon Mut, denn es wurden offenbar noch keine Matten ausgelegt um die Landung abzufedern.


Die Ehrentribüne bei der Landesmeisterschaft 1936 mit König Carol II. und weiterer Prominenz des damaligen Königreichs Rumänien


Einer der Höhepunkte der aktiven sportlichen Laufbahn von Anton Höckl war die rumänische Leichtathletik-Landesmeisterschaft am 28/29 Juni 1936. Hier ein Foto der Preisverleihung durch König Carol II. für seine Siege in den Disziplinen Hammerwurf (35,30m) und Speerwurf (57,40m).


Während ich das multimediale Spektakel in München aus der Höhle des Löwen verfolge, wird mir durch den Rückblick bewußt, wie sehr sich der Leistungsport, seine gesellschaftliche Bedeutung und Funktion, verändert haben.

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