In der Heimatstube in Billed: Zeitreise zurück in die Kindheit


Zwischen den Betten, wie süß, eine Wiege.

In Billed gibt es ein ganz besonderes Museum, das eigentlich mehr ist als eine Sammlung von Gegenständen aus früheren Zeiten.

Steigt man die Stiege zur "Heimatstube" hoch, betritt man eine Welt in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Man gelangt in ein Haus, das so eingerichtet ist wie vor 100 Jahren. Unsere Großeltern und Eltern haben in den Schwabenhäusern in solchen Räumlichkeiten gelebt.

Gleich neben der Treppe rechts befindet sich die Küche mit dem gemauerten Herd, auf dem Töpfe und Pfannen stehen, über dem ein gestickter Spruch hängt. Statt Waschbecken und Wasserhahn gibt es Krug und Waschschüssel. Und schon werde ich beim Anblick der alten Gegenstände wie durch eine Zeitmaschine in die Kindheit zurück versetzt.


Im Kleiderschrank hängen Kleider aus den Naturmaterialien Wolle, Baumwolle und Leinen

Ich sehe die Lissi Tante in Paulisch in ihren weiten Röcken, am Kopf ein schwarzes Kopftuch an so einem Holzofen stehen, auf dem ein großer Topf ist. Das Mittagsläuten war das Signal gewesen schnell heim zu laufen, eine Uhr hatte ich nicht gebraucht. Ich denke auch an die Gerüche in dieser Küche, eines meiner Lieblingsgerichte war gekochter "Kukruz", die Maiskolben, aus dem Garten frisch geerntet, wurden in den grünen Blättern gekocht. Sie rief: "Händ wasche, esse kumme!" Ich erinnere mich an den Handgriff mit dem ich kaltes Brunnenwasser aus dem Krug in die Schüssel schüttete, eine Wasserleitung gab es dort damals natürlich nicht! Das große Stück Kernseife war aus Schweinefett und Natronlauge selbst gemacht.


Der nächste "Raum" in der "Heimatstube" ist das Schlafzimmer. Zwei wuchtige Holzbetten bedeckt mit hohen "Tuchenten" (Federbetten) lassen erahnen, dass es nachts im Winter, wenn das Feuer im Ofen ausgegangen war, richtig kalt werden konnte. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn in unserem Haus in Paulisch heizen wir mit dem gleichen uralten Ofen, der in der Heimatstube inzwischen zum Museumsstück geworden ist. Über den Betten hängen als einziger Wandschmuck die obligatorischen Heiligenbilder, denn die Leute waren sehr gottesfürchtig. Zwischen den Betten, wie süß eine Wiege. Wer beruhigte das Kind und wurden die Babys, wenn sie unruhig waren, wohl auch ins Elternbett genommen? Aus Erzählungen habe ich gehört, dass die Säuglinge oft mit Mohn beruhigt wurden, die trockenen Kapseln, die auch zu meiner Zeit im Garten wuchsen, waren meine Rasseln.

Im Kleiderschrank, zu dem man damals "Kasten" sagte, hängen Kleider aus den Naturmaterialien Wolle, Baumwolle und Leinen, von örtlichen Schneidern und Schneiderinnen für ein halbes Leben kunstvoll gefertigt. Die Nähmaschinen, mit denen dieses "Gwand" gefertigt wurde, sind auch in der Ausstellung zu besichtigen. Man sieht dort auch eine uralte Waschmaschine, die nicht nur voll ökologisch und klimafreundlich war, sondern, da mit Muskelkraft betrieben, auch gut für die Fitness. Die Stoffe fühlen sich fest an, als würden sie Halt geben in rauhen Zeiten. Interessant sich vorzustellen, wie es wäre, nur die paar Kleidungsstücke zu besitzen, die in diesen Schrank passen. Wenigstens musste man sich nicht viele Gedanken machen bezüglich der Garderobe; man schlüpft in das blaue Leinenkleid und geht ins Wohnzimmer, in die Stube.

Dort würde ich gerne nochmal Karten spielen mit meinem Großvater. Mein Oti hat damals stundenlang mit mir Sechsundsechzig gespielt. Ich sehe ihn mischen, ich hebe ab, er deckt den "Trump" auf, kein Mensch hätte damals gedacht, dass man bei diesem Wort mal an einen amerikanischen Präsidenten denken würde. Wir spielen passioniert, jeder von uns will die Partie gewinnen, am besten sieben mal hintereinander. Das großte Kinderglück war, wenn es gelang, den Gegner zum "Schneider" zu machen.


Dort würde ich gerne nochmal Karten spielen mit meinem Großvater.

Über die Ecke in der das alte Werkzeug und allerhand Alltagsgegenstände gelagert sind, die ich zum Teil auch noch von meinen Großeltern kenne, ist der kleine Rundgang durch die Ausstellung beendet.

In der Billeder Heimatstube öffnet sich dem Gast nicht nur eine vergangene Welt, sondern man fühlt sich sofort so geborgen wie zu Hause, nicht zuletzt dank der Gastfreundschaft der Familie Csonti vom Forum der Billeder Deutschen. Es ist dort alles vorhanden, was man in einem Haushalt gebraucht hat. Für Besucher, die das bäuerliche Leben in den Banater Dörfern noch kennen gelernt haben, werden durch diese Exponate zahlreiche schöne Erinnerungen geweckt. Man würde sich dort am Liebsten einschließen lassen, um eine Zeit lang dort zu leben. Ohne elektrische Geräte, Fernsehen, Smartphone und Internet. Und darüber nachdenken, wie wenig man gebraucht hat, um glücklich zu sein.

Hans Rothgerber beim Fotografieren mit der 360-Grad-Kamera

Die Billeder Heimatausstellung in Aufnahmen mit der 360-Grad-Kamera


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