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Reflexionen im Spiegel der Zeit



Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern. André Malraux


Den Vordergrund des Erinnerungsfotos mit Ida, anlässlich eines freudig erwarteten Besuchs meiner weit weg wohnenden Enkeltochter, zieren Blumen. Doch der schöne bunte Strauß ist, während ich diese Zeilen schreibe, schon verwelkt. Schnittblumen haben ja bekanntlich keine Wurzeln. Wenn man über das Foto hinaus die Imagination bemüht, könnte man vor dem inneren Auge das Bild eines großen alten Baumes entstehen lassen, eines Mostbirnbaums zum Beispiel. Den kann ich mir gut vorstellen, denn so ein knorriges Exemplar steht bei uns in Paulisch im Hof. Seine dicken, starken Wurzeln reichen bis tief in die lehmige Erde und versorgen ihn selbst in den heißesten kontinentalen Sommern mit lebensnotwendigem Wasser und verschiedenen Nährstoffen. Gleichzeitig verankern sie den Stamm und geben dem großen alten Baum Stabilität und einen festen Halt. Der Rumpf mit der rissigen Borke ragt hoch hinauf, reckt dicke Äste empor und teilt sich in immer kleinere Zweige. Aus ihnen werden im Frühling unzählige Blätter sprießen, die für das Leben des Baumes elementar sind. Das System beruht auf Austausch, Geben und Nehmen.

Metaphorisch betrachtet symbolisieren die Wurzeln unsere Vergangenheit, die uns nährt, der Stamm die Gegenwart, in der alles im Fluss ist und die Zweige strecken sich der Zukunft entgegen. So ist die Vergangenheit die Basis von Gegenwart und Zukunft. Ohne diese Wurzeln können wir die Gegenwart nicht meistern und die Zukunft nicht hoffnungsvoll gestalten.


Als meine Tochter Isabel noch so klein wie Ida war, schrieb und bebilderte ich für sie ein Buch, in dem ich alles festhielt, was sie tat und wie wir das als Familie erlebten. Es war in den 90-er Jahren, als Axel Hacke durch seine Kolumne Der kleine Erziehungsberater in der Süddeutschen Zeitung, in der er seine Erfahrungen mit dem eigenen Nachwuchs mit einer begeisterten Leserschaft teilte, bekannt wurde. Hacke schrieb über die Freuden und Sorgen von Eltern auf eine neue Weise: witzig, einfühlsam, klug und für mich äußerst inspirierend.

Als Isabel eine eigene Familie gründete, übergab ich ihr mein Buch, eine Kombination aus Zeichnungen und Reflexionen.


Wir blätterten gemeinsam in dem Tagebuch, das sich aus der zeitlichen Distanz als aufschlussreich und amüsant erwies. Es ist erstaunlich, wie viel aus dieser Zeit vergessen wäre, wenn es da nicht handschriftlich auf weißem Büttenpapier stehen würde. Für Isabel stellt es eine aufschlussreiche Lektüre über ihre frühen Jahre dar und ich bin auch froh, mir Zeit genommen zu haben, um diese besonderen Lebensphase festzuhalten.


Inzwischen habe ich mehr Raum zum Schreiben und neue Perspektiven eröffnen sich. Zur Zeit ist ein ganz anderes Buch im Entstehen, in dem meine Geschichten vom Banat-Tour Blog bald unter dem Titel: Wie die alte Heimat neu wurde nun bald auch gedruckt veröffentlicht werden. Darin geht es um die Kindheit im Banat, den Neuanfang in München und die komplexe Identität, die entsteht, wenn man als Ausgesiedelte wieder ein Stück weit zurückkehrt.


Mag der Blickwinkel im Lauf der Zeit sich geweitet haben, die Schreibmotivation ist gleich geblieben. Meine Geschichten richten sich immer noch zuerst an meine Kinder, denen ich gerne weitergeben möchte, was mich als Erlebnisgeneration im Banat noch geprägt hat. Und nun ist inzwischen ja auch Ida da. In meinen Texten reflektiere ich immer wieder das Verhältnis zu den Großeltern, die meine Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben. In einer Zeit, als in der Familie mehrere Generationen zusammen gelebt haben, waren Oma und Opa meist für die Betreuung und Erziehung der Enkel zuständig. Dieses Rollenmodell der täglich sorgenden Großmutter werde ich bei Ida nicht erfüllen können, da die Familie meiner Tochter zu weit entfernt lebt. So wird sich unser Zusammensein auf manche Wochenenden und Ferien beschränken. In den Spiegel blickend sehe ich das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Natürlich hätten wir sie alle gerne öfter um uns, doch wir sind davon überzeugt, dass wir auch so viel zu geben haben. Quality time ist das aus dem Englischen übernommene Wort dafür, dass man die Zeit, die man hat, optimal ausfüllt. Spielen, scherzen, vorlesen und immer wieder Kontakt aufnehmen. Oft geschieht das auch über den Bildschirm per Video-Call. Ida liebt es schon jetzt in München zu sein, und wir hoffen, dass wir die Beziehung zu ihr mit zunehmendem Alter noch intensivieren können.


Nach Wurzeln zu graben, bin ich durch die Beschäftigung mit der Geschichte gewohnt und so reizt mich auch die Auseinandersetzung mit meiner Herkunft. Wenn man aus dem Banat stammt, sind die Vorfahren meistens auf eine bestimmte Art präsent, da sich viele Familien mit Ahnenforschung beschäftigt haben. Auch ich habe von meinem Vater Stammbäume zu den verschiedenen Familienzweigen erhalten, die mindestens bis zur Ansiedlung zurückgehen. So sind unsere Wurzeln acht bis zehn Generationen zurück dokumentiert, bis Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, als die Einwanderung meiner Vorfahren aus Elsaß-Lothringen und verschiedenen Regionen im Süden und Westen Deutschlands erfolgte. Wenn ich die Namen in dieser Genealogie lese, versuche ich mir auch die Schicksale dazu vorzustellen. Als Auswanderin bzw. Einwanderin faszinieren mich besonders die Ansiedler im Banat, die feinsten Verästelungen im (Erd-)Reich meiner Herkunft. Doch auch deren Nachkommen, die Fuß gefasst haben in dieser anfangs so unwirtlichen Region und ihre Überlebensstrategien.


In Gedanken an die Nachkommen, an unsere Kinder und Enkel, fällt mir ein Gedicht von Heinrich Böll ein. Ich hatte es schon zu der Zeit entdeckt, als ich Isabels Buch anlegte. Inzwischen haben die Zeilen jedoch eine neue Aktualität für mich. Böll, der Familienmensch schrieb es nämlich für seine Enkelin:

Wir kommen weit her liebes Kind und müssen weit gehen Keine Angst alle sind bei Dir die vor Dir waren Deine Mutter, Dein Vater Und alle, die vor ihnen waren.

Schöner kann man Kindern nicht Mut machen und Halt geben, als dadurch, dass man sie einbettet in die Folge der Generationen einer Familie.

1 Comment


Guest
Feb 21

Liebe Astrid,


dein Vergleich des Lebens mit einem Baum (Wurzeln Stamm, Zweige) ist sehr zutreffend.

Ohne die kräftigen Wurzeln (Vergangenheit) wäre der Stamm (Gegenwart) ziemlich hohl und von Leben strotzende Zweige (Zukunft) könnten sich nicht so zum Licht hin recken.

Es ist ein ewiger Kreislauf und es hängt alles mit allem zusammen.

Je mehr wir von unseren Wurzeln bewahren, desto kraftvoller kann Gegenwart bewältigt und Zukunft angestrebt werden.

Das schriftliche Festhalten der ach so flüchtigen und schnell vergänglichen Gegenwart ist ein Schatz im Wurzelwerk nachkommender Generationen.


Edith Achim


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