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Ein existentielles Gespräch zwischen Himmel und Erde


Ins Gespräch vertieft mit der Frau, mit der ich so schnell vertraut war

Du siehst, wohin du siehst, nur eitelkeit auf erden. Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; Wo ietzundt städte stehn, wird eine Wiese seyn, Auf der ein schäfers kind wird spielen mit den herden;

Es ist alles Eitel (1637) - aus dem Gedicht des Barockdichters Andreas Gryphius


Wir waren in Pankota auf der Suche nach den Ruinen einer fast vergessenen Burg. Aus Monografien über Temeswar weiß ich, dass der Verteidiger der Stadt gegen den Ansturm der türkischen Übermacht 1552, Stadtkommandant und Temescher Graf Losonczy István in Pankota Ländereien und eine Festung besessen hatte. Während er die Stadt Temeswar verteidigte hielt seine Frau Anna Pekry in der Burg in Pankota die Stellung und entsandte von dort als Einzige eine Entsatztruppe. Losonczy verlor nicht nur die Stadt sondern auch sein Leben. Sein tapferer Widerstand wird Gegenstand des nächsten historischen Videos der Banat-Tour sein.

In München hatte ich diese dramatische Geschichte schon recherchiert. Dann kamen die Sommerferien, die ich wie jedes Jahr mit meiner Familie im Banat verbrachte. Wir beschlossen die vergessene Burg, den einstigen Schauplatz der Geschichte zu suchen. Unsere Hündin Ursika, die uns überallhin begleitet, durfte bei der Expedition zur heute unbekannten Festung mit dabei sein. Vielleicht würden wir ihren Schutz im unzugänglichen, unbekannten Gelände brauchen.

Meine 11-jährige Tochter Vicky freute sich, dass wir einen Ausflug machten, der gleichzeitig historischen Recherchen diente. Sie war sehr aufgeregt während wir auf der Weinstraße, entlang der Hügelkette der Ausläufer der Westkarpaten fuhren. "An der Geschichte", sagte sie, "interessiert mich am meisten wie die Leute im Krieg klar gekommen sind." "Das ist lange her", erklärte ich ihr und damit sie es zeitlich einordnen kann: "Deine Opas waren im Krieg kleine Buben. Wir fahren heute zu den Überresten einer Burg, die in einer Zeit eine Rolle spielte, die noch viel länger zurück liegt, nämlich über 450 Jahre.”


Im Ort Pankota, der nordöstlich von Arad liegt, waren Ausgrabungen an einer Stätte vorgenommen worden, die als "cetatea turcească", also Türkenfestung bezeichnet wird. Ich bin überzeugt, dass es sich hierbei um die Burg der ungarischen Adelsfamilie Losonczy handelt, die später von den Türken erobert wurde.

Wir fuhren Zickzack durch das Städtchen Pankota, dessen Grundriss wie auf dem Reißbrett angelegt war, mit rechtwinkligen Straßen den Feldern eines Schachbretts ähnlich. Das war auf Google Maps sichtbar, wo am östlichen Rand des Ortes auch ein runder Fleck zu sehen war, bei dem es sich vermutlich um die gesuchte Ruine handelt. Am Ortsrand angekommen bot sich eine atemberaubende Aussicht. Wir befanden uns inmitten von Feldern, auf denen Schafe weideten und blickten auf bewaldete Hügel, über denen dunkle Regenwolken aufzogen. Der Wind verwehte diese so, dass noch vereinzelt Sonnenstrahlen durchbrachen. Ein Wetter für spannende Fotos, es fehlte aber noch das Motiv, die Burg.

Ich fragte die Schäferin am Wegrand nach der "cetatea turcească". Sie musste aber leider passen, davon hatte sie noch nie gehört. Außer Schafen und Kühen war weit und breit niemand zu sehen. Als ich zurück zum Auto ging, fiel mir nach der letzten Häuserreihe ein flacher Hügel im Feld auf. Wir fuhren über einen steinigen Weg so weit wie möglich heran und gingen die letzten Meter zu Fuß. Schließlich standen wir vor einer grasbewachsenen rundlichen Erhebung, vergleichbar dem Krater eines flachen Vulkans. Drum herum verlief eine Vertiefung, die mal ein Burggraben gewesen sein könnte. Während wir uns umsahen sprang Ursika ausgelassen herum.

Plötzlich kamen vier Hunde auf uns zu gelaufen. Ursika lief ihnen tapfer bellend durch das hohe Gras entgegen, bereit uns zu verteidigen. Da hörten wir eine Frauenstimme: "Rita, Lady, Ursoaica, ... înapoi!" Eine zierliche Person, offensichtlich die Herrin des Rudels, tauchte aus einem dem “Krater” angrenzenden Gärten auf und rief ihre Meute zurück. Indem ich versicherte, dass unsere Hündin nichts tut, kamen wir ins Gespräch. Froh eine ortskundige Ansprechperson zu haben, fragte ich gleich: "Aici s-a aflat cetatea turcească?" (Befand sich hier die türkische Festung?)

Die freundliche Frau war nicht mehr jung und noch nicht alt. Sie blickte mich mit klugen dunklen Augen an, bejahte lächelnd meine Frage und begann zu erzählen. Dass wir tatsächlich vor uns die von Erde überlagerten Reste einer alten Festung hatten. Und dass hier vor einigen Jahren sogar Archäologen Mauern und Treppen freigelegt hatten. Die Natur hatte sich das Gelände inzwischen wieder zurückgeholt. Während wir durch den Graben auf den Rand des Kraters stiegen und um die Mulde in der Mitte liefen, teilte unsere Führerin mit uns ihr Wissen über die überwucherte Sehenswürdigkeit Pankotas. Ich fragte die bereitwillige Erzählerin nach ihrem Namen. "Elisabeta" antwortete sie, "meine Mutter, die Deutsche war, nannte mich Liesl. Aber ich spreche kein deutsch." “Warum hat sie es ihnen nicht beigebracht?" entgegnete ich. "Mein Vater hatte es nicht erlaubt. Sprichst du schon wieder mit dem Kind in der Sprache von Hitler, schimpfte er sie jedes mal, wenn sie mit mir in ihrer Muttersprache redete! Dabei war Mama fünf Jahre lang in Russland, hatte dort schwer gearbeitet. Haben sie über die Zwangsarbeit der deutschen Minderheit in der Sowjetunion nach dem Krieg gehört?" Ich nickte, denn auch mein Großvater war verschleppt gewesen.

Da war er plötzlich wieder, der schreckliche letzte Krieg und seine Folgen. Selbst für die ein Jahrzehnt danach im Frieden Geborenen, wie Elisabeta, hatte er noch Auswirkungen. Von ihrem Vater wurde ihr die Muttersprache verboten, weil für ihn deutsch als die Sprache Hitlers galt. Auch meine, die Enkelgeneration, ist damit konfrontiert. Aus Erzählungen wusste ich, dass die Deportierten dauernd an Hunger gelitten hatten. Meinem Großvater waren lange danach selbst Brotkrümel kostbar. Vicky, die Elfjährige, hat Recht. Es ist von großem Interesse, wie die Leute ihre Situation in schwierigen Zeiten meistern. Ich redete mit Elisabeta darüber, die eine berührende Antwort gab: "Ich schaue hier oft auf die Wolken über den Hügeln und frage mich, was dahinter ist. Welcher Schöpfer das alles erschaffen hat. Ich finde unsere Armut dann nicht mehr so schlimm, selbst der Tod hat nichts Erschreckendes." Die Frau, mit der ich so schnell vertraut geworden war, zeigte uns auf der überwucherten Festung die Stelle, an der es auch eine Kirche gegeben hatte. Ihre Mutter, von der Zwangsarbeit zurückgekehrt, hatte die Gottesliebe an ihr einziges Kind weitergegeben. Die kleine Liesl hatte mal gefragt: "Mama, wen liebst du mehr, den lieben Gott oder mich?" Nach kurzer Überlegung entgegnete die Mutter: "Gott ein wenig mehr. Aber nur ein ganz klein Bisschen, das du gar nicht spüren kannst. Musst darüber nicht traurig sein. Dann kommst du, ich liebe dich sehr."

Wir hatten den Krater inzwischen ganz umrundet und waren wieder an Elisabetas Garten angekommen. Beim Abschied lächelte sie und wünschte mir viel Freude, "multe bucurii." Nach unserem Gespräch zwischen Himmel und Erde versprach ich ihr, sie im Haus am Fuß der ehemaligen Losonczy Festung wieder zu besuchen.

Was waren die wichtigen Dinge, über die wir Freude empfinden sollten, überlegte ich, als wir später noch durch Pankota schlenderten. Aus einer Bäckerei duftete es nach frischem Brot. Ich ging hinein und kaufte einen noch warmen, knusprigen Laib. Wir werden dieses köstliche Brot am Abend zusammen essen, dachte ich, wir werden satt zu Bett gehen. Schon die Vorfreude darauf war eine der "bucurii", der kleinen Freuden, die meine neue Freundin beim Abschied erwähnt hatte.

Nach dem Gespräch zwischen Himmel und Erde versprach ich ihr, sie im Haus am Fuß der ehemaligen Losonczy Festung wieder zu besuchen.

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