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Yoga über Temeswar mit Musik von Freddy Stauber


Die Yogastellung Kobra, im Hintergrund der Temwarer Domplatz

Der Ablauf des Morgens ist in unserem Haus in München schon fast ritualisiert. Wir stehen früh auf, versorgen unsere Tiere und frühstücken zusammen. Dann trennen sich unsere Wege, Vicky geht zur Schule, Benno ins Büro und ich mache seit Jahrzehnten, bevor mein Tagwerk beginnt, Yoga. Zu den Übungen oder "Asanas", wie sie in den alten Quellen genannt werden, verwende ich schon immer Entspannungs- oder Yoga Musik. Heute sollten es besondere Klänge sein. Über die sozialen Medien war ich auf den Musiker Freddy Stauber und seinen Youtube Kanal gestoßen. Uns verbindet die Herkunft aus dem Banat und fasziniert von seiner CD Ambient Ethno, beschloss ich dazu meine Yoga-Übungen zu machen. Während ich die erste Stellung, den herabschauenden Hund, einnehme, starte ich den Player. Es erklingt eine Kombination aus sphärischen, sanften, langgezogenen und warmen Klängen. Gleich am Anfang spielt die Panflöte, ein für die rumänische Musik typisches Instrument und wechselt sich mit der Gitarre ab.


Vor dem Kleiderschrank, in dessen Tür ein Spiegel ist, hebe ich zu den sphärischen Klängen die Arme und stütze den Fuß am Knie zu einer Figur ab, die “Baum” heißt. Ich stelle mir dabei vor die gleichen Wurzeln zu haben wie die Musik. Danach gleite ich in die Position der Kriegerin, die mit gegrätschten Beinen das Gleichgewicht so gut hält, dass sie ohne Probleme mit dem seitwärts ausgestreckten Wurfarm einen Speer auf ihre Feinde schleudern könnte. Die Atmung ist wichtig, als Asthmatikerin achte ich darauf, wie die Luft in meine Lungen fließt. Nur wer schon mal um Atem gerungen hat, kann nachvollziehen, wie befreiend es ist, seine Lungen mit Sauerstoff zu füllen.

Die Gitarrenakkorde ziehen mich auch sofort in den Bann, begleitet von dem Gesang in der melodischen rumänischen Sprache … "Ursitoare cântă, cântă şi descântă". Die “Ursitoare” sind Figuren aus der rumänischen Mythologie, von denen man glaubte, dass sie das Schicksal der Menschen bestimmen können. Der Gesang im Lied "sorocul de nuntă" versetzt mich in Gedanken nach Temeswar.

Ich gehe in den "kleinen Handstand", den mir mein Vater schon als Kind beigebracht hatte. Das Wort Yoga hatte ich tatsächlich zum ersten mal in meinem Elternhaus gehört. Doch was ist Yoga, dieses Phänomen, das heute in aller Munde ist und vor allem zu Unrecht als Trendsport gilt?

Yoga ist viel mehr. Es ist Teil der indischen Philosophie, einer Denkschule die jahrtausende weit in die Geschichte zurück reicht und ihren Ursprung in den "Veden", den altindischen heiligen Schriften hat. In der Yogapraxis erkannten Menschen schon seit ewigen Zeiten durch Meditation das wahre Selbst und dessen Verbindung zu Gott. Yoga ist im Zusammenhang mit dem Buddhismus zu sehen, der Weltanschauung, die uns lehrt, dass Gott überall ist. Auch unter einem Stein oder eben unter einer Yogamatte. Doch nicht einmal das brauchen wir um eins zu werden, das Göttliche ist in Allem und alles ist in Gott. Wer das erkennt, gewinnt seine Souveränität im metaphysischen Sinn zurück.

Der erste Mensch, den ich rückblickend als echten Yogi bezeichnen würde, war unser Nachbar in Temeswar. Er hatte sich die "Asanas", die Übungen aus einem Buch selbst beigebracht, machte in der strada Costineşti Kopfstand, Kerze und andere Übungen für Gleichgewicht und Gelenkigkeit. Jahrzehntelang hielt er täglich im Garten die Stellungen nur in kurzen Hosen und Unterhemd bekleidet. Teure Funktionskleidung gab es nicht und war auch nicht nötig. Freddy singt in einem weiteren Lied "pe-nserate se aud şoapte", mir geht durch den Kopf, dass mein Freund Arpi mir neulich abends am Telefon erzählt hatte, dass sein Großvater selbst nach einem Herzinfarkt seine täglichen Übungen wie gewohnt weiter gemacht hatte. Der herbeigerufene Notarzt hatte ihn aus dem Garten aus den “Asanas” heraus ins Krankenhaus mitgenommen.

Wieso gab es Leute, die Yoga in der kommunistischen Diktatur praktizierten? Auch mein Vater, der mir schon in den 70er Jahren den hockenden Handstand beigebracht hatte, zählt dazu. Beim Yoga geht es darum, das Bewusstsein so zu beeinflussen, dass man frei wird. Die fernöstliche Lehre sagt, dass alles was wir wahrnehmen nur eine Illusion ist und dass es jenseits der uns bekannten Welt eine wahrhaftigere Welt gibt. Während der Mensch in den Yogastellungen verharrt wird er frei sein, von allem was er denkt, fürchtet, hofft, erinnert und bereut. In den Zwängen des totalitären Systems war das eine gute Möglichkeit zeitweise zu entfliehen. Eine gesündere als das Abdriften in Alkoholismus und eine weiniger gefährliche als das "Durchgehen", wie es damals hieß, der illegale Grenzübertritt. Der Haken war, es war auf die Meditation begrenzte Freiheit, die nicht von Dauer war.


Mein Vater wollte die Unfreiheit, die in der kommunistischen Diktatur herschte, nicht mehr hinnehmen. Er konnte Rumänien Ende der siebziger Jahre verlassen. Als er ging wurde mir als Kind nicht gesagt, dass er in Deutschland bleiben wird, damit ich es nicht versehentlich verraten konnte. Es dauerte fast zwei Jahre lang, bis meine Mutter und ich der Ungewissheit und den Repressalien entkommen konnten und wir als Familie wieder vereint waren.

In Deutschland begann ich schon im Teenageralter Yoga zu üben. Es war ein Ansatz meinen unsteten Geist zu beruhigen. In dieser neuen Welt bekam ich auch über Yoga hinaus die Möglichkeit mich zu befreien. Ich hatte Zugang zu umfassender Bildung und bekam die Chance, mich in einer freiheitlichen Gesellschaft zu entwickeln.


Auch als ich selbst eine Familie hatte, machte ich weiter Yoga. Während ich mit meiner Tochter Isabel schwanger war, übte ich den Yoga-Kopfstand, um ihr zu ermöglichen, sich im Mutterleib mit dem Kopf nach unten zu drehen. Als es gelang konnte die Ärztin es kaum glauben, dass so was noch so spät in der Schwangerschaft möglich war.


Zur absoluten Freiheit führt jedoch noch ein weiter Weg. Sobald Meditation und Musik geendet haben wird mir klar, dass ich mir etwas wünsche. Ich hoffe, dass wir Freddy Stauber auch auf einem Liveauftritt erleben werden, am schönsten wäre es im Banat.


Aus dem Album Ambiental Ethno

Musik & Text: Freddy Stauber

mit Lucian Ciuchitu-panflute, Cezar Costescu - guitar, Kostas Matzios - drums, Rebecca Stauber - vocal

Ambient ist eine Variante der elektronischen Musik, bei der sphärische, sanfte, langgezogene und warme Klänge dominieren.

Ethno ist ein sehr ruhiger, meditativer und spiritueller Musikstil.



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