Das schwere Wort Heimat

Der Begriff Heimat ist sehr vielschichtig, man muss nur mal auf Wikipedia schauen, wie viel Text über diese simplen 6 Buchstaben H E I M A T geschrieben wird.


Heimat bezieht sich auf einen bestimmten Raum, hat eine zeitliche Komponente, denn es liegt in der Natur der Sache, dass ein Gebiet sich im Lauf der Jahre oder Jahrhunderte verändert. Nicht einmal das Münchener Hochhausviertel Neuperlach, in dem ich zur Schule gegangen bin, ist noch so, wie es vor 30 Jahren war, als ich dort Abitur gemacht habe.

Es gehört auch eine kulturelle Prägung dazu, die zuerst vom Elternhaus, dann von der Schule und nicht zuletzt der Gesellschaft vermittelt wird, in der man lebt. Deshalb ist Integration für Einwanderer so wichtig, denn nur wenn man die Werte und Normen der "neuen Heimat" übernimmt, kommt man auch wirklich an und fühlt sich dort zu Hause. Soweit die 'opinio communis' , das, worüber Einhelligkeit besteht und was man auch an anderer Stelle über das große Wort nachlesen kann.



Leider besteht auch oft Uneinigkeit darüber was Heimat ist und was nicht. Das geht so weit, dass es früher sogar gefährlich sein konnte, was Falsches im Zusammenhang mit der Herkunft zu sagen. Mein Höckl- Großvater erzählte mir oft davon, wie gut er sich seine Antworten überlegt hatte, wenn er im Arbeitslager in Russland von der Obrigkeit zu seiner Identität als (Rumänien-)deutscher befragt wurde, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Bestimmt werden auch die Zeilen, die ich jetzt schreibe, anders auf den Prüfstand gelegt, als wenn ich über andere Dinge reflektiere, wie den Birnbaum im Hof in Paulisch (ist auch ein Stück Heimat!) oder den "Priculici" im Keller (Kapitel aus dem Buchprojekt "Alte Heimat neu. Geführte Tour durch das Banat")

Was Heimat ausmacht, erfahren wir oft schmerzlich durch Heimweh. Ich kleine Temeswarerin und Schwabenkind war in der ersten Zeit in München unglücklich, weil ich meinen früheren (für mich!) glücklichen Mikrokosmos mit den Fixsternen Temeswar, Billed und Paulisch sehr vermisst habe. Ich empfinde es als großes Glück diese für mich wichtigen Orte heute wann immer ich will besuchen zu können, das vereinte Europa sei Dank.

Natürlich hat vor allem das Paulischer Haus sehr stark dazu beigetragen, die alte Wunde zu heilen. Das Heimweh von früher ist im Laufe der Jahre einem Gefühl der Geborgenheit an verschiedenen Orten gewichen.

Der Gegensatz alte/neue Heimat ist deshalb in meinem Fall auch etwas komplizierter, denn das Banat, wo ich seit 20 Jahren viel Zeit verbringe, ist inzwischen eine neue alte Heimat. Neuer und spannender denn je, dagegen sieht die Heimat München nach 40 Jahren eher "alt" aus.


Hier in München, das ich nach so langer Zeit und tausenden von Stadtführungen als "meine" Stadt betrachte, hatte ich einmal ein befremdliches Erlebnis. Ich war als städtische Gästeführerin mit einer Gruppe von Touristen auf der Maximilianstraße unterwegs und erklärte hochdeutsch (ich spreche leider keinerlei Dialekt) die Sehenswürdigkeiten. Eine ältere Frau war dazu gekommen, hatte eine Weile zugehört und rief mir dann zu: "Sie san ja gar koa Münchnerin, sie sprecha ja koa Boarisch!"

Es gibt also auch Leute im hier und jetzt, die einem Heimat im wahrsten Sinn des Wortes absprechen wollen. Heimat kann man genauso wenig verordnen. Die Menschen aus dem Banat, die 1951 in den Baragan deportiert wurden, um dort neue Dörfer aufzubauen und heimisch zu werden, wollten nichts sehnlicher, als nach Hause zurück.

Denn unverwechselbar und sehr persönlich sind die Phänomene, die unser Heimatgefühl geprägt haben. Wie in einem imaginären Kaleidoskop der Heimatperlen entdecke ich bei jeder behutsamen Drehung neue Facetten. Diese betreffen all unsere Sinne und können sein: Orte an denen man glücklich war, Landschaften (für mich Weinberge) die Sprache (deutsch und schwowisch), nahe Angehörige und Freunde, Musik, Düfte (Lindenblüten in München, Rosen in Temeswar), Essen (gefülltes Kraut und bayerische Dampfnudeln), Trinken (selbstgemachter Hollundersirup). Eine rumänische und eine serbische Freundin von mir haben einmal unabhängig voneinander das flirrende spezifische Licht des Banats damit in Verbindung gebracht, sich zu Hause zu fühlen.


Die Internetseite der Billeder HOG nennt sich "Heimathaus", ein starker Name. Dort kann man durch die vielen interessanten Artikel, Bilder und Filme digital Heimat erleben, zusammen mit allen anderen Interessierten "zu Hause" sein. Ich habe die Internetseite in letzter Zeit oft besucht, war bei vielen Festen "dabei" und habe die Gräber meiner Billeder Familie auf dem Friedhof gesucht und gefunden.

"Ubi bene, ibi Patria" sagt Cicero in einer seiner Reden. In einer Welt, in der heute Menschen im zweistelligen Millionenbereich ihr Zuhause als Flüchtlinge oder Migranten verlassen, wird die Diskussion darüber, was Heimat ausmacht, immer wieder geführt werden müssen.

Tragen wir dazu bei, dass all das, was in unserer Gesellschaft und Gemeinschaft gut und kostbar ist, was Gefühle der Geborgenheit und der Verbundenheit auslöst, erhalten bleibt und auch noch unseren Kindern zu Gute kommt. Meinen vier Kindern, die in München geboren und aufgewachsen, also "echte Münchner Kindl" sind, wünsche ich, dass sie frei und unbelastet ihren Platz im Leben und in der Welt finden mögen. Inwieweit auch meine Banater Herkunft sie geprägt hat, werden Sie selbst einst mal beurteilen. Möge ihnen das Wort Heimat leicht sein.

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