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La strada - das Lied vom Blätterkehren


Kastanien gehören zu meinen Lieblingsbäumen

Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da…, singen die Schulkinder, die ich zur Zeit über die Herbstdult in München führe. Dieser für die bayerische Landeshauptstadt typische Jahrmarkt findet zum Glück samt Führungen wieder uneingeschränkt statt. Wenn ich mit den Grundschülern mitten drin bin auf der urigen Auer Dult, zu der das Klingeln der Fahrgeschäfte, der Duft von gebrannten Mandeln und die farbenfrohen Waren in den Buden gehören, vergesse ich alle Sorgen und genieße den schönen Herbsttag.


Schüttelt ab die Blätter, bringt uns Regenwetter… zu Hause angekommen, verflüchtigte sich meine heitere herbstliche Stimmung und es reichte ein Blick in den Garten, um innere Alarmglocken schrillen zu lassen. Ich leide nämlich zur Zeit unter Rückenschmerzen und auf Rasen und Gehwegen breitet sich ein immer dicker werdender Laubteppich aus, von dem ich weiß, dass er dort nicht bleiben kann, sondern in die braune Komposttonne wandern muss. Davor haben die Herbstgötter das Blätterkehren und zu Haufen Auftürmen gesetzt. Mein Orthopäde meinte, dass Bewegung nicht schadet und ich die Wirbelsäule ruhig mobilisieren darf. Es grauste mir aber trotzdem vor dem Kehren, dieser notwendigen herbstlichen Verrichtung, mit der jeder konfrontiert ist, der einen Garten pflegt.


Das war in Temeswar schon so gewesen, wo sich vor unserem Haus in der "Strada Costineşti" vier riesige Kastanienbäume befanden. Sie schenkten mir nicht nur Jahr für Jahr ihre glänzenden Kastanien, sondern beherbergten auch zahlreiche Vögel. In meiner kindlichen Fantasie war jeder einzelne ein "Spatzenbaum", wie eines meiner liebsten Kinderbücher der Temeswarer Zeit hieß. Das Pseudonym des Autors war Hans Kehrer, auch er also ein Kehrer! Die Zweige reckten sich weit über das Dach und auf die Straße und schüttelten die gelbbraunen Blätter in den Vorgarten, auf den Gehweg und auf die Straße vor dem Haus. Die Mutige, die der Blätterflut bei Wind und Wetter tapfer trotzte, war meine Großmutter. Ich sehe sie förmlich vor mir, wie sie sich mit dem Reisigbesen bewaffnet, die Haare durch ein Kopftuch zurückgebunden und den Rücken durch einen "Swetter" gewärmt in die Arbeit stürzte und täglich kehrte und kehrte. Wenn das Werk dann verrichtet und das Laub auf dem Seitenstreifen neben der Einfahrt ordentlich zu einem hohen Berg aufgetürmt war, freuten wir Kinder der “Strada Costineşti” uns schon auf ein Ritual, das sich jährlich zuverlässig wiederholte. Die Blätter wurden eines schönen Abends, wenn es dunkel wurde, angezündet und wir durften vor dem Feuer sitzen, bis es erlosch. Es war ein archaisches Spektakel: in die Flammen zu blicken, die Wärme des Feuers zu spüren und schließlich, wenn der letzte Funke hochgestiegen war, die Glut verglimmen zu sehen.

Meine Großmutter konnte sich an diesem ritualisierten Abschluss des Blätterkehrens nicht mehr erfreuen, denn sie lief wehklagend durchs Haus, den Swetter inzwischen um die Hüfte gebunden und klagte über Ischiasschmerzen. Hat dich die Hexe wieder getroffen…?! pflegte sie mein Großvater halb scherzhaft halb mitleidend zu fragen.

Inzwischen bin ich nun an der Reihe, mich dem Blätterkampf zu stellen. Ich versuche es wie immer positiv zu sehen. Hat es nicht auch etwas Meditatives, zum Laubrechen zu greifen, statt die Umgebung mit dem ohrenbetäubenden Krach des Laubbläsers zu belästigen?


Auf der Auer Dult, dem Jahrmarkt, den es in München schon seit dem Mittelalter gibt, erzähle ich den Kindern auch von Schwertschluckern und Feuerspeiern. Sie belustigten in früheren Zeiten das Publikum, das sich nach dem festlichen Gottesdienst, der damals immer die Basis eines Volksfests bildete, um die Kirche herum versammelte.

Auch der große Zampano passt in diesen Zusammenhang. Die Figur aus dem Filmklassiker "La Strada" von Federico Fellini ist auch im Volksfest- und Zirkusmilieu daheim und wurde im übertragenen Sinn sprichwörtlich auch für den Jahrmarkt der Eitelkeiten, den das Leben ausmacht. Wer kennt sie nicht, die Kraftprotze aus unterschiedlichsten Lebensbereichen, die mit Macht und Stärke versuchen Leute zu beeindrucken. "Die geben doch nur an und tricksen", sagen mir die Kinder.

Für das Buch "Momo" und die Graumänner von Michael Ende sind meine Grundschüler noch ein bisschen zu jung. Es prägte mich als Schullektüre in meinen ersten Jahren in Deutschland, ich war nur wenig älter als die Kids, denen ich die Auer Dult erkläre. Ein absoluter Sympathieträger in dieser Geschichte um das Mädchen, das für die Zeit kämpft, ist Beppo, der Straßenkehrer. Er ist ein Anti-Zampano, ein sanfter Held ohne Macht oder besondere Kräfte, der nur an den nächsten Schritt, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich denkt.


Ich habe es schließlich auch ausprobiert zu kehren, habe Schritt für Schritt den ganzen Garten gemacht, das Herbstlied meiner Schüler wie ein Mantra vor mich hin summend. Es wirkte befreiend, entgiftend sogar. Werfen die Bäume ihre Blätter nicht ab, um sich schädlicher Substanzen zu entledigen? Auch auf mich wirkte das Kehren wie eine Detox-Kur. Die Bewegung während der ich den Kopf zum Nachdenken frei bekam, tat gut, das Erfolgserlebnis auch. Was ich hinterher hatte, war zum Glück kein Hexenschuss, sondern Muskelfieber, um ein Temeswarer Wort zu gebrauchen. Und das ist bekanntlich die gesündeste aller Fiebererkrankungen.


Mit einer Schulklasse bei meiner letzten Führung auf der Auer Dult



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